"Telekoms am Steuer eingeschlafen"

18.02.2008

Mit Referenten von Intel über Google und Microsoft bis IBM beginnt Mitte März im Zentrum von Silicon Valley eine neuartige Konferenz zur Zukunft der Kommunikation. Organisiert wird sie von Wien aus, der Initiator Lee Dryburgh, Experte für Protokolle von Telefonnetzen, im Gespräch.

"Man fragt mich regelmäßig, warum ich fünf Monate an unbezahlter Arbeit in die Etablierung einer neuen, internationalen Konferenz zum Thema 'Emerging Communications' investiere", sagte Dryburgh am Freitag zu ORF.at in Wien. "Geld ist es sicher nicht, denn in meiner momentanen Position bin ich da die ganze Zeit schon recht kommod unterwegs."

Noch während seiner Studienzeit hatte Dryburgh eines der Standardwerke über das "Signalling System 7" [SS-7] verfasst.

"Signalsysteme"

Das ist jene Protokollfamilie, auf der praktisch alle digitalen Telefonsysteme der Welt, ob Festnetz oder Mobilfunk welcher Art auch immer, basieren. Vergleichbar in seiner Bedeutung ist das während der 1970er erstmals entwickelte, ursprünglich analoge SS-7 nur mit TCP/IP für das Internet.

Das eine Akronym bedeutet allerdings "Signalisierungssystem", das andere beinhaltetet gleich zweimal die Abkürzung für "Protokoll".

Hauptquartier Wien

Seit Jahren ist Dryburgh [31] rund um den Globus als Berater von Telekoms und Mobilfunkern - was im Grunde technisch dasselbe ist - unterwegs, denn seine letzte Dauerbeschäftigung bei einem österreichischen UMTS-Anbieter hatte er 2005 hingeschmissen.

Nach Wien kehrt Dryburgh von Beraterjobs in Äthiopien bis zu den Falkland-Inseln trotzdem immer wieder zurück, da er sein Hauptquartier aus familiären Gründen inzwischen hier aufgeschlagen hat.

Die Stagnation

Und so kommt es, dass ein Schotte von Wien, Landstraße aus eine Technologiekonferenz im Herzen von Silicon Valley organisiert. Das geschehe sehr wohl aus mittelfristiger Sorge um das eigene Wohlergehen im Beruf, denn leider sei die Telekombranche, so Dryburgh weiter, seit Jahren in völlige Stagnation verfallen.

Nach wie vor seien die einzigen beiden Services, die tatsächlich Umsatz machten, Telefonieren und SMS, wobei der Erfolg des SMS-Systems, das nur als Service für die Operators selbst eingeführt wurde, den Telekoms eher "passiert" sei.

"Marketing-Schmäh Triple Play"

Das vielbeschworene "Triple Play" sei ebenso mehr eine Marketingschmäh als eine wirkliche technische oder inhaltliche Innovation. Alle Services waren bereits vorher da, das Neue sei nur das Angebot aus einer Hand.

Der Grund für den bisher äußerst beschränkten Erfolg von Internet-Telefonie bei Konsumenten ist Dryburgh ebenfalls klar: "Kein neuer Service, sondern ein anderes Übertragungsprotokoll. Genau das ist dem Konsumenten wurst."

Alarmglocken

"Bei den Netzbetreibern müssten längst die Alarmglocken schrillen, denn die beiden Säulen ihres Geschäftsmodells werden bald dennoch nicht mehr existieren. Die Kosten für Telefonate werden sich nicht nur null annähern, die Sprachtelefonie wird überhaupt eine Art von Zusatzservice werden. SMS wird langfristig in einem Instant-Messaging-System aufgehen", sagt Dryburgh.

"Am Steuer eingeschlafen"

Dabei sei es nur eine Frage der Zeit, bis sich auch erste mobile Social Networks von nennenswerter Größe bildeten, "aber wir reden halt hier von einer 130 Jahre alten Branche, die sich sich nur langsam ändert". Zuletzt seien die Telekoms aber wieder "am Steuer eingeschlafen".

Die Vortragenden auf der "Emerging Communications Conference" in Silicon Valley von 12. bis 14. März sind eine Mischung aus Service-Upstarts des Mobilfunksektors einerseits und andererseits Vertreter der "Großkopferten". Die Besetzung sieht allerdings eher unüblich aus.

Soziologen, Intel, Microsoft

Intel wie Microsoft haben Anthropologen und Soziologen delegiert, IBM, Skype und Google entsenden eher erwartetes, technisch orientiertes Personal. Dazu kommen Nokia [Trolltech] und Mobilfunker von Vodafone bis Orange.

Für den schottischen Humor des Konferenzinitiators spricht, dass als Ort des Geschehens das Computer History Museum in Mountain View auserwählt wurde.

(futurezone | Erich Moechel)