07.11.2004

MATRIX

Blogger, Freeper und Kosaken

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2004 wurde wie keine Wahl zuvor auch im Internet geführt und mitentschieden. Er war auch der erste Wahlkampf, bei dem die Kandidaten bei Wahlreden, auf den Nominierungsparteitagen und auch bei den Fernsehduellen die Adressen ihrer jeweiligen Websites nannten.

Die Kampagnen von John Kerry und George W. Bush haben das Medium Internet eingesetzt, um die eigene Parteibasis zu mobilisieren, Wahlspenden zu sammeln und natürlich um Wahlwerbung zu betreiben.

Dabei wurden erstmals aufwendige Werbespots exklusiv für das Internet produziert und es wurden Flash-Animationen und -Games in noch nie dagewesener Zahl kreiert, um politische Botschaften auf gleichermaßen unterhaltsame wie polemische Art unter das Wahlvolk zu bringen.

Enormer Zulauf zu Polit-Blogs

Einen Höhenflug erlebten die politischen Blogs.

Diese waren während des amerikanischen Wahlkampfs 2004 nicht nur Anlaufstelle, um sich über die Stimmungslage auf Seiten der Demokraten und der Republikaner zu informieren; sie dienten auch als Umschlagplatz für alle möglichen Gerüchte, Analysen, Trends und "breaking stories", die dann oft erst Tage später von den großen Massenmedien aufgegriffen wurden.

Auch in Sachen investigativer Journalismus verdienten sich Blogschreiber ihre Sporen. So deckte etwa das den Republikanern nahestehende Blog "Little Green Footballs" auf, dass die von Star-Journalist Dan Rather in einer Fernsehsendung präsentierten Dokumente über die Militärzeit von George Bush gefälscht waren.

Netzwurzel-Aktivismus gegen "Klick-Guerilla"

Als Gegenpart zur "konservativen Klick-Guerilla" [so "Spiegel Online"] der "Freeper" haben sich in den letzten Monaten die "Kosaken" etabliert. Dabei handelt es sich um Online-Aktivisten, die sich rund um das Blog dailykos.com organisiert haben.

Betrieben wird das Blog dailykos.com von Markos Moulitsas, einem Anwalt in San Francisco, in der "Blogosphäre" besser bekannt als "Kos".

Welch zentrale Rolle Kos mit seinem Weblog im amerikanischen Wahlkampf spielte, zeigte sich auch daran, dass er in der Schlussphase des Wahlkampfes von der renommierten englischen Tageszeitung "The Guardian" als Kolumnist angeheuert wurde.

Meinungsforschung im Internet

Der US-Wahlkampf 2004 deckte auch die Schwächen vieler Meinungsforschungsinstitute und ihrer veralteten Arbeitsmethoden auf. So wird die Meinung der Wähler immer noch erhoben, indem man die Wahlberechtigte ausschließlich daheim an ihren Festnetzanschlüssen anruft. Millionen von Handybesitzern wurden somit nicht erfasst.

In England gibt es ein Meinungsforschungsinstitut mit dem Namen YouGov.com, das im Gegensatz dazu ausschließlich auf neue Technologien setzt: Das Institut führt seine Umfragen ausschließlich im Internet durch.

Diese Besonderheit ist zugleich auch eine besondere Stärke, denn YouGov weist bei seinen Umfragen eine höhere Trefferquote auf als traditionell arbeitende Institute.

Polls and Politics

Für Stephan Shakespeare, den Gründer und Leiter von YouGov, bieten Meinungsumfragen im Internet eine interessante Perspektive, gerade auch in Sachen E-Democracy.

In Zusammenarbeit mit lokalen Behörden organisiert YouGov seit einiger Zeit Plattformen im Internet, auf denen Behörden, Experten und Bürger Meinungen und Ideen austauschen - etwa wenn es um lokale Themen wie Parkverbote oder Gemeindegebühren geht.

In einem größeren Rahmen erhebt man zurzeit auch die Meinung der Bevölkerung zu Reformen im englischen Gesundheitswesen. Ziel ist es dabei, die Bürger einzubinden, ehe Reformen beschlossen werden und zwar indem man sie zugleich befragt und mit allen Aspekten eines Themas vertraut macht.