Blogger, Freeper und Kosaken
Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf 2004 wurde wie keine Wahl zuvor auch im Internet geführt und mitentschieden. Er war auch der erste Wahlkampf, bei dem die Kandidaten bei Wahlreden, auf den Nominierungsparteitagen und auch bei den Fernsehduellen die Adressen ihrer jeweiligen Websites nannten.
Die Kampagnen von John Kerry und George W. Bush haben das Medium Internet eingesetzt, um die eigene Parteibasis zu mobilisieren, Wahlspenden zu sammeln und natürlich um Wahlwerbung zu betreiben.
Dabei wurden erstmals aufwendige Werbespots exklusiv für das Internet produziert und es wurden Flash-Animationen und -Games in noch nie dagewesener Zahl kreiert, um politische Botschaften auf gleichermaßen unterhaltsame wie polemische Art unter das Wahlvolk zu bringen.
Digitale Suche nach potentiellen Wählern
Weniger bekannt ist, dass Republikaner und Demokraten ihre
Wahlwerbung mit Hilfe riesiger digitaler Datenbank organisiert
haben. DEMZILLA und Voter Vault heißen die jeweiligen Datenbanken,
mit deren Hilfe man die amerikanische Bevölkerung einer Art
Rasterfahndung unterziehen und potentielle Wähler genau
identifizeren kann.
George W. Bushs Website [jetzt wieder zugänglich]
John Kerrys WebsiteUnabhängig von den beiden großen Parteien haben sich auch private Wählerinititativen im Internet organisiert - am bekanntesten ist dabei MoveOn.org, eine Plattform für Bush-Kritiker, die sich massiv in den Wahlkampf einschaltete.
MoveOnEnormer Zulauf zu Polit-Blogs
Einen Höhenflug erlebten die politischen Blogs.
Diese waren während des amerikanischen Wahlkampfs 2004 nicht nur Anlaufstelle, um sich über die Stimmungslage auf Seiten der Demokraten und der Republikaner zu informieren; sie dienten auch als Umschlagplatz für alle möglichen Gerüchte, Analysen, Trends und "breaking stories", die dann oft erst Tage später von den großen Massenmedien aufgegriffen wurden.
Auch in Sachen investigativer Journalismus verdienten sich Blogschreiber ihre Sporen. So deckte etwa das den Republikanern nahestehende Blog "Little Green Footballs" auf, dass die von Star-Journalist Dan Rather in einer Fernsehsendung präsentierten Dokumente über die Militärzeit von George Bush gefälscht waren.
"Freeping" for Bush
Die politischen Blogs taten sich auch hervor, wenn es darum ging,
Online-Umfragen in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. Der
Fachausdruck dafür heißt "Freeping" und geht auf die Webseite "Free
Republic" des ultrakonservativen Aktivisten Jim Robinson zurück.
Little Green Footballs
Free RepublicNetzwurzel-Aktivismus gegen "Klick-Guerilla"
Als Gegenpart zur "konservativen Klick-Guerilla" [so "Spiegel Online"] der "Freeper" haben sich in den letzten Monaten die "Kosaken" etabliert. Dabei handelt es sich um Online-Aktivisten, die sich rund um das Blog dailykos.com organisiert haben.
Betrieben wird das Blog dailykos.com von Markos Moulitsas, einem Anwalt in San Francisco, in der "Blogosphäre" besser bekannt als "Kos".
Welch zentrale Rolle Kos mit seinem Weblog im amerikanischen Wahlkampf spielte, zeigte sich auch daran, dass er in der Schlussphase des Wahlkampfes von der renommierten englischen Tageszeitung "The Guardian" als Kolumnist angeheuert wurde.
Auch nach der Wahlniederlage von John Kerry ist Dailykos höchst lesenswert geblieben. Für eine Analyse und Diskussion von Bushs Wahlsieg zählt das Blog zu den besten Webadressen.
Dailykos.comMeinungsforschung im Internet
Der US-Wahlkampf 2004 deckte auch die Schwächen vieler Meinungsforschungsinstitute und ihrer veralteten Arbeitsmethoden auf. So wird die Meinung der Wähler immer noch erhoben, indem man die Wahlberechtigte ausschließlich daheim an ihren Festnetzanschlüssen anruft. Millionen von Handybesitzern wurden somit nicht erfasst.
In England gibt es ein Meinungsforschungsinstitut mit dem Namen YouGov.com, das im Gegensatz dazu ausschließlich auf neue Technologien setzt: Das Institut führt seine Umfragen ausschließlich im Internet durch.
Diese Besonderheit ist zugleich auch eine besondere Stärke, denn YouGov weist bei seinen Umfragen eine höhere Trefferquote auf als traditionell arbeitende Institute.
Mit YouGov geht die neue Zeit
Die Datenbank von YouGov in Großbritannien fasst 61.000 User. Die
Anwerbung der User erfolgt in der Regel aktiv, d.h. sie werden
zumeist über kleine Umfragen auf verschiedensten Websites auf YouGov
aufmerksam gemacht und zu einer weiteren Mitarbeit eingeladen. Der
User registriert sich in weiterer Folge auf der Website von YouGov
und kann dann an Umfragen teilnehmen. Je nach Umfrage - sei sie zu
einem politischen Thema oder auch zu einem bestimmten Konsumartikel
- werden dabei von YouGov 2.000 User ausgewählt - ein Sample, das
doppelt so groß ist wie das der meisten anderen
Meinungsforschungsinsitute.
YouGovPolls and Politics
Für Stephan Shakespeare, den Gründer und Leiter von YouGov, bieten Meinungsumfragen im Internet eine interessante Perspektive, gerade auch in Sachen E-Democracy.
In Zusammenarbeit mit lokalen Behörden organisiert YouGov seit einiger Zeit Plattformen im Internet, auf denen Behörden, Experten und Bürger Meinungen und Ideen austauschen - etwa wenn es um lokale Themen wie Parkverbote oder Gemeindegebühren geht.
In einem größeren Rahmen erhebt man zurzeit auch die Meinung der Bevölkerung zu Reformen im englischen Gesundheitswesen. Ziel ist es dabei, die Bürger einzubinden, ehe Reformen beschlossen werden und zwar indem man sie zugleich befragt und mit allen Aspekten eines Themas vertraut macht.
Heute um 22:30 Uhr: "Matrix" auf Ö1
Ein ausführliches Interview mit Stephen Shakespeare ist heute
Abend in "Matrix" um 22:30 auf Ö1 zu hören. Geführt hat das
Interview Richard Brem, der für "Matrix" auch einen Rückblick auf
den US-Wahlkampf gestaltet hat. Außerdem zu hören: Ein Beitrag von
Janko Röttgers über den Dokumentarfilmer Robert Greenwald und dessen
Doku "Outfoxed".
Mit dem Netz gegen Rupert Murdoch
Matrix"Matrix" für Ö1-Club-Mitglieder
Ab Sonntag 22:30 Uhr steht "Matrix - Computer & Neue Medien" für
Ö1-Club-Mitglieder auch zum Download bereit.
"Matrix" zum Download
