Blumencron wird Kochef des "Spiegel"

17.01.2008

Der Wechsel des Chefredakteurs von "Spiegel Online" an die Spitze des Wochenmagazins markiert einen wichtigen Schritt hin zur Aufwertung von Online-Medien gegenüber ihren Stammhäusern.

Wie mehrere deutsche Medien und Nachrichtenagenturen am Donnerstag übereinstimmend vorab gemeldet haben, haben sich die Gesellschafter des Hamburger Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" auf eine Doppelspitze als Nachfolger des letzten Chefredakteurs Stefan Aust geeinigt.

Wechsel im Februar

Demnach sollen schon zum 2. Februar "Spiegel Online"-Chef Mathias Müller von Blumencron und Georg Mascolo, einer der beiden Leiter des "Spiegel"-Büros in Berlin, die Leitung des traditionsreichen Magazins übernehmen.

"Das ist das erste Mal, dass bei einem großen deutschen Medium der Online-Chef zum Chefredakteur wird", sagte der Berliner Medienexperte Robin Meyer-Lucht auf Nachfrage von ORF.at. "Blumencron hat 'Spiegel Online' zu einem der Leitmedien der Bundesrepublik aufgebaut. Der gedruckte 'Spiegel' muss es jetzt schaffen, Leitmedium zu bleiben."

Der Online-Augstein

Der gelernte Jurist von Blumencron ist 47 Jahre alt und leitet das Online-Angebot des "Spiegel" seit dem 1. Dezember 2000. "Er ist zwar nicht Gründungschef von 'Spiegel Online', aber er hat in der Redaktion fast schon den Status, den Rudolf Augstein beim gedruckten 'Spiegel' hatte", kommentiert Meyer-Lucht.

Blumencron habe es geschafft, aus "Spiegel Online" eines der wenigen Online-Angebote in Deutschland zu machen, die nicht nach der Logik der Marketing-Abteilung, sondern nach journalistischen Prioritäten geführt würden. Damit erreichte das Angebot im Dezember laut IVW-Zugriffsstatistik immerhin rund 70 Millionen Visits, laut der "Zeit" weist Nielsen für "Spiegel Online" derzeit eine Reichweite von zirka 3,5 Millionen Nutzern aus.

"Ich kenne Journalisten bei 'Spiegel Online', die es abgelehnt haben, in die Redaktion des gedruckten 'Spiegel' zu wechseln, weil sie online mit ihrer Arbeit eine größere Resonanz erzielen", so Meyer-Lucht.

"Schwierige Phase"

"Die Konkurrenz holt aber schnell auf", sagt Meyer-Lucht, "seit Spätsommer 2007 beginnen sich die Investitionen speziell beim Online-Angebot der 'Süddeutschen Zeitung' und der 'Welt' auszuzahlen. Beide Angebote wachsen seither im Schnitt schneller als 'Spiegel Online'. Das Angebot ist in einer schwierigen Phase."

Insofern komme Blumencrons Wechsel zu einer Zeit, in der er bei "Spiegel Online" dazu gebraucht werde, die nächste Absetzbewegung von den Mitbewerbern zu planen. Diese Aufgabe wird nun wohl, so spekuliert die "Zeit", Wolfgang Büchner zufallen, einem der beiden Stellvertreter Blumencrons. Letzterer werde sich aber nicht aus der konzeptionellen Arbeit für das Online-Angebot zurückziehen, meinen sowohl "Zeit" als auch Meyer-Lucht.

Journalistische Qualität muss nachziehen

"Die Medienhäuser verstärken ihr Engagement im Internet, und die Nutzer folgen ihnen", sagt Meyer-Lucht, "allerdings wachsen auch die Erwartungen der Leser an die journalistische Qualität. Die Redaktionen müssen dem gerecht werden. Der 'Spiegel' könnte das bewerkstelligen, indem er eine gemeinsame Recherchegruppe für Online und Magazin gründe."

Trotz des Wechsels an der Spitze und des Erstarkens der Konkurrenten werde Blumencrons Site aber eines der Leitmedien Deutschlands bleiben. Meyer-Lucht: "Der ehemalige Bundeskanzler Gerhard Schröder hat einmal gesagt, dass er zum Regieren nur 'Bild', 'Bild am Sonntag' und 'die Glotze' brauche. Heute wären es wohl 'Bild', 'die Glotze' und 'Spiegel Online'."

(futurezone | Günter Hack)