22.08.2004

MATRIX FORUM

Mit den Ohren sehen können

Hörbücher sind längst aus ihrem Schattendasein als Nischenprodukt für blinde und sehbehinderte Menschen getreten. Als Reaktion auf den visuellen Overkill gewinnen akustische Informationsträger zusehends an Bedeutung. Ein großes Problem der Audiobooks waren bislang die fehlenden Navigationsmöglichkeiten.

Der Umstieg von Kassette auf CD erwies sich dabei nur als vermeintlicher Fortschritt, meint Heinz Zysset von der Schweizerischen Bibliothek für Blinde und Sehbehinderte [SBS]. "CDs sind die schlechteste Lösung, die man sich vorstellen kann".

Zysset kritisiert damit nicht die Silberscheibe an sich, sondern das simple Bespielen der CDs mit gesprochenem Text, dass den raschen Neueinstieg bei der letztgehörten Passage oder das Ansteuern einer bestimmten Seite nicht unterstützt.

DAISY - ein Gänseblümchen mit Ohren

Die SBS hat mittlerweile praktisch seinen ganzen Bestand an gedruckten Büchern digitalisiert und viele davon im so genannten DAISY-Format archiviert.

Das Anfang der 90er Jahre in Schweden entwickelte Verfahren ermöglicht sinnesbehinderten Menschen den gleichwertigen Zugang zu Büchern und elektronischen Texten.

Mit DAISY, dem "Digital Accessible Information System" können erstmals auch bei akustischen Medien Kapitelüberschriften angesprungen, Textmarken gesetzt oder Fußnoten gelesen werden.

Das Zauberwort heißt "XML"

Technologische Basis des DAISY-Formates sind XML-Dateien, die als nicht-proprietäre Speicherformate von textbasierten Informationen weltweit rapide an Bedeutung gewinnen.

"Daisyfizierte" Texte leisten nebst der akustischen Aufbereitung vor allem die synchronisierte Wiedergabe von geschriebenem und gesprochenem Text, aber auch von Großschrift oder tastbarer Blindenschrift. Im Gegensatz zu vielen patentgeschützten Lösungen bietet DAISY bereits auf der Quellebene einen barrierefreien Zugang zu Informationen.

Für den Schweden Markus Gylling, Software-Ingenieur beim DAISY-Konsortium, ist die Mission klar: "Das Ziel von Organisationen wie der unseren kann es letztlich nur sein, dass sich ihre Existenz erübrigt, weil Informationen von Haus aus so aufbereitet sind, dass sie für jeden Menschen zugänglich sind."

Frage der Vermittlung

Eine der größten Herausforderungen in diesem Zusammenhang ist es, diese Standards so zu definieren, dass sie auch von Menschen verstanden und angewendet werden können, die nicht unmittelbar in der IT-Branche beschäftigt sind.

Nur so kann eine Implementierung der Richtlinien auf breiter Basis und quer über Sprach-, Landes- oder Kulturgrenzen hinweg gewährleistet werden.

Gewinnbringende Gemeinnützigkeit

Die traditionellen Konflikte zwischen den verschiedensten Interessensgruppen hält Gylling dank XML für überwunden, weil das Dateiformat nebst freier Zugänglichkeit auch für Content-Provider jede Menge Vorteile bringt.

So können etwa XML-Datensätze ohne weitere Bearbeitung in beliebige User-Interfaces eingespeist werden: ganz gleich ob auf dem PC-Monitor, dem Handy-Display oder PDA. Es sind zu weilen sehr pragmatische Interessen der großen Medienkonzerne, die in Sachen Barrierefreiheit mehr Fortschritt bringen als die jahrzehntelangen Anstrengungen der einschlägigen Interessensvertretungen.

Die jüngst im US-Amerikanischen Kongress eingebrachte Gesetzesvorlage, die vorsieht, von jedem publizierten Werk eine XML/DAISY-Version einzufordern, bestätigt Markus Gylling in seiner Überzeugung: "Mit XML steht die Technologie für langfristige Datensicherheit und freier Zugänglichkeit bereit. Wenn es uns gelingt zu kommunizieren dass alle etwas davon haben, dann haben wir unseren Job erledigt."