Tupolew und Tramiel killen den Konsum
Klingelingeling! Wenn die Nebelschwaden nach Zimt und Angstschweiß duften und sich an der Supermarktkasse die Nikolaus-Schokohohlfiguren stapeln, wissen wir, dass der vorweihnachtliche Konsumwahn die Stadt schon wieder fest im Griff hat. Doch was ist, wenn der Konsument Geräte haben möchte, die ihm der Markt nicht bietet?
Wir leben in der perfekten Konsumgesellschaft. Der ganze Erdball ist eine Werkstatt, die nur einem zu dienen hat: dem Wohl des Königs Kunde. Leider bin ich kein Royalist. Vielleicht vermisse ich deshalb einige Gegenstände im Sortiment der IT-Welt.
Da wäre erstens das bezahlbare robuste Marken-Notebook mit hellem mattem 12"-Bildschirm im Seitenverhältnis 4:3. Der Grund: Ich vermisse mein 12"-iBook G3, das vier Jahre täglichen Einsatz inklusive etlicher fieser Reportagereisen bewundernswert gut überstanden hat.
Den einzigen Reparaturtermin hatte es nicht einmal meiner ruppigen Behandlung zu verdanken, sondern jenem Genie in der Apple-Entwicklungsabteilung, das für Fehlkonstruktion und Ausfall des Grafik-Subsystems in ganzen iBook-Produktionsreihen verantwortlich war. Nach einer knappen Woche kam es zurück und verrichtete fortan redlich seine Dienste. Für Mac OS 10.5 ist es nun offiziell zu langsam. Für mich selbst auch.
Gnadenbit und Herrenhandtasche
Nun habe ich dem wackeren Maschinchen das Gnadenbit verabreicht und suche einen Nachfolger, der im gleichen Format daherkommen und ähnliche Qualitäten mitbringen sollte. Nachdem der stationäre Rechner unter Ubuntu sauber läuft, braucht es nun auch kein Apple mehr zu sein.
Doch der Markt lässt mich im Stich. Die einschlägigen Ketten verkaufen seit geraumer Zeit nur noch surfbrettgroße Kosmetikspiegel; in der gehobenen Klasse bieten die renommierten Hersteller zwar Maschinen an, die dem Gesuchten nahe kommen, aber letztendlich als überteuerte digitale Herrenhandtaschen für Powerpoint-Präsentationen in der Chefetage platziert sind.
Cartier-Bresson wäre verzweifelt
Zweitens vermisse ich bei der Arbeit ein digitales Äquivalent zur Leica III. Also eine digitale Sucherkamera, die man immer bei sich tragen kann und einer Spiegelreflex in Sachen Bildqualität und manuellen Einstellungsmöglichkeiten nicht nachsteht. Sprich: kein Spielzeug, sondern ein Werkzeug.
Auch die edelste Kompaktkamera nervt heutzutage mit rauschfreundlichem Mini-Sensor oder lichtschwachem Monsterzoom, am besten aber mit beidem. Auf den RAW-Modus verzichten die Hersteller ebenfalls gern, mit sehr wenigen Ausnahmen wie der Canon G9 oder Panasonics LX-2. Kann es denn so schwer sein, einen gängigen DSLR-Sensor in ein kompaktes Gehäuse zu packen, eine hochwertige Optik davorzuschrauben und noch zwei bedienungsfreundliche Einstellräder anzubringen?
Von mir aus könnte Olympus einfach den Zehn-Megapixel-Live-MOS-Sensor aus den aktuellen Four-Thirds-Kameras nehmen und seine schicke Pen F aus den 1960er und 1970er Jahren wiederaufleben lassen, nur eben digital. Ich würde sie kaufen. Es gibt sie aber nicht.
Interessant sieht das Konzept der DP-1 von Sigma aus. Sie brächte, wenn sie jemals produziert werden würde, einen Foveon-Sensor und eine feine Festbrennweite mit. Leider ist immer noch nicht sicher, ob Sigma das schon im September 2006 vorgestellte Gerät in die Läden kommen wird.
Jack-Tramiel-Gedächtnismaschinen
Drittens hätte ich gerne, dass die Handyproduzenten sich endlich aus der Heimcomputer-Phase ihrer Entwicklung herausbewegen. Nokia gegen Ericsson sieht mittlerweile ähnlich pelzig aus wie C64 gegen Atari. Und bereits die unterschiedlichen Produktlinien eines einzelnen Herstellers weisen vollkommen verschiedene Bedienkonzepte auf. Damit ist schon Jack Tramiel böse gescheitert. Der Markt wartet im Zeitalter bezahlbarer schneller Mobilverbindungen auf das offene Mobilgeräte-Äquivalent zum IBM-PC, um die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zu erlauben.
Wie schwach das gegenwärtige Angebot wirklich ist, zeigt die Tatsache, dass ein Newcomer wie Apple es schafft, mit einem Gerät den Markt aufzumischen, welches das Preis-Leistungs-Verhältnis einer Tupolew 144 aufweist. Und das nur, weil es mit einer Oberfläche daherkommt, von der man ahnt, dass sie nicht in der nächsten Inkarnation wieder vollkommen anders aussehen wird, also das erwartungskonforme Verhalten eines echten Betriebssystems verspricht.
Leider steht das iPhone auch nicht gerade für Offenheit. Einzig eine vergleichsweise winzige Entwicklergruppe beim taiwanesischen Elektronikkonzern FIC mit angeschlossener Open-Source-Gruppe scheint es mit den Projekten Neo 1973 und dem Mobil-OS OpenMoko zu wagen, das Mobiltelefon als Computer begreifen zu wollen, also als jene universale Rechenmaschine, die sich deshalb durchgesetzt hat, weil kluge Menschen mit ihr ohne Einschränkungen herumspielen durften.
(futurezone | Günter Hack)
