Der Regisseur als Programmierer
Immer mehr Spielfilme und Dokumentationen werden heutzutage mit digitalem Equipment gedreht und anschließend am Computer geschnitten.
Selbst Großproduktionen wie jüngst der Hollywood-Film "Unterwegs nach Cold Mountain" werden mit Apples "Final Cut Pro" geschnitten.
Der große Vorteil einer Filmproduktion auf digitaler Grundlage ist, dass sie im Gegensatz zu früher nicht-linear ist und damit dem Regisseur bisher ungeahnte Freiheiten bei der Gestaltung und beim Schnitt des Filmes gewährt.
Nicht-lineare Produktion versus lineares Endprodukt
Die Kontrolle über die Dramaturgie, d.h. die sinnvolle
Aufeinanderfolge des gedrehten und geschnittenen Materials verbleibt
freilich beim Regisseur und auch ein nicht-linear produzierter Filme
erhält schließlich eine lineare Endform, mit einer vom Regisseur und
Editor vorbestimmten Szenenfolge.
"Cold Mountain"-Editor Walter Murch über seine Arbeit mit "Final Cut Pro"Fragmentierung von Filmen
Bereits mit dem Aufkommen der DVD kam es zu einer Fragmentierung von Filmen und zum Aufbrechen ihrer linearen und vom Regisseur fix vorgegebenen Form.
Das "Korsakow-System" gibt dem Betrachter nun noch weitere Möglichkeiten der Interaktion in die Hand. Entwickelt wurde das Software-basierte System im Jahr 2000 vom Studenten Florian Thalhofer an der Universität der Künste in Berlin. Und zwar im Rahmen seiner Diplomarbeit, die in Form eines Dokumentarfilm über das unter Alkoholikern verbreitete "Korsakow-Syndrom" erfolgte.
Thalhofer machte zahlreiche Interviews und drehte illustrative Bilder zum Thema. Die solcherart entstandenen Sequenzen und Szenen montierte er dann allerdings nicht zu einem herkömmlichen Dokumentarfilm, sondern er entwickelte eine Software, die die einzelnen Elemente von selbst und sinnvoll miteinander verknüpfen sollte.
Der Regisseur wird zum Programmierer
"Was beim Korsakow-System passiert", erläutert Thalhofer, "ist,
dass die einzelnen filmischen Elemente Informationen bekommen. Die
kriegen Keywords mit und noch verschiedene andere Informationen und
auf Grundlage dieser Keywords und Parameter werden die Links
errechnet. D.h. ich mache nicht einen Link von einen Film zum
nächsten und von einem Clip zum anderen, sondern das passiert 'on
the flow'. Außerdem gibt es die Möglichkeit festzulegen, welche
Wichtigkeit einzelne Szenen und Sequenzen im Rahmen eines Projekts
haben und daraus folgernd wie oft sie dem Betrachter angeboten
werden."
Florian ThalhoferSpreading the Word
Thalhofer machte im Jahr 2000 bei Willem Velthoven, Chefredakteur des Mediamatic Magazin in Amsterdam und seit fünf Jahren Professor für interaktive Narration an der Berliner Universität der Künste, seine Diplomarbeit bzw. seinen Film in Fragmenten über das "Korsakow-Syndrom".
Velthoven erkannte sofort das Potential der von Thalhofer geleisteten Arbeit und entwickelte sich in der Folge zu einem Mentor des "Korsakow-Systems".
Er engagierte Thalhofer vom Fleck weg als Mitarbeiter und Lehrer für interaktive Narration an die Universität der Künste; und er gründete gemeinsam mit Thalhofer die "Korsakow Foundation", die in Zusammenarbeit mit Mediamatic in Amsterdam Workshops und Vorträge in ganz Europa organisiert.
Korsakow Foundation"Korsakow"-Projekt über Beduinen
Florian Thalhofer sieht sich weniger als Theoretiker und mehr als Praktiker. Aus diesem Grund arbeitet er auch weniger für die "Korsakow Fondation" und mehr an eigenen Projekten.
Sein bis dato letztes Projekt entstand 2003 in Ägypten. Thalhofer verbrachte auf Einladung des Goethe-Instituts mehrere Monate in Kairo, um dort gemeinsam mit dem ägyptischen Medienkünstler Mahmoud Hamdy ein "Korsakow"-Projekt über Beduinen zu machen.
Das Projekt heißt "7sons" und ist in vollem Umfang online abrufbar. Es ist eine eindrucksvolle Montage von Bewegtbildern und sich bewegenden Texten und Links, die eine Ahnung davon vermitteln, wie Filme in Internet in Zukunft aussehen könnten, wenn sie sich auf die interaktiven Möglichkeiten des Mediums einlassen.
7sonsHeute 22:30 Uhr Ö1 Matrix
Richard Brem befragte für das Ö1-Magazin "Matrix" [heute 22:30
Uhr] Florian Thalhofer ausführlich zu der von ihm entwickelten
Software und zu den aufregenden Möglichkeiten von
Datenbank-basierten Erzählformen im Film.
Matrix
"Matrix" für Ö1-Club-Mitglieder zum Download
