Die drahtlose Welt des Jun Rekimoto
Bei seinem Vortrag bei der Konferenz "CHI 2004" im Wiener Austria Center, der Konferenz über den menschlichen Faktor in Computersystemen, zeigt Jun Rekimoto ein Foto seines Schreibtisches.
Darauf ist das übliche Chaos eines Entwicklers zu sehen: unter dem Tisch stehen vier Workstations, die an unzähligen Strom- und Datenkabeln hängen, auf dem Tisch trohnt ein Laptop auf einem Haufen Papier und es ist nicht mehr erkennbar, welche der zwei Tastaturen und drei Mäuse zu welchem Computer gehören.
Mitten in diesem Chaos entwirft der Leiter des "Interaction Laboratory" von Sony in Japan die Zukunft der dauerhaften drahtlosen Verbindungen.
Computer zu entwickeln dürfe nicht bedeuten, die PCs auf dem Schreibtisch ein bisschen zu verbessern, ist Jun Rekimotos Credo. Computer würden in Zukunft überall sein und die Realität neu definieren.
Interaction LaboratoryComputer immer und überall
Für sein eigenes Chaos hat Jun Rekimoto mittlerweile eine vorübergehende Lösung gefunden: er kann zumindest mit einer Maus drei Computer steuern.
In Zukunft soll man sich aber keine Gedanken mehr darüber machen müssen, ob die einzelnen Geräte richtig miteinander verkabelt sind oder die Maus mit drei Computern sprechen kann, so der Sony-Vordenker. Denn Computer oder das, was wir heutzutage als Computer bezeichnen, werden in Zukunft nur ein Teil unseres Informations- und Kommunikationsnetzwerkes sein.
Datenverarbeitungssysteme werden auch in Tischen, Wänden und anderen Gegenständen integriert sein. Bei Sony läuft das unter dem Begriff "pervasive computing".
Rekimoto: "In Zukunft werden wir viele verschiedene Arten von Computern in unserer physischen Umgebung verwenden. Wenn man alle Adressen dieser Geräte wissen müßte, wäre das sehr schwierig. Viel besser wäre es, wenn zum Beispiel der Tisch registrieren würde, wenn Sie Ihr Mobiltelefon drauflegen. Der Tisch und das Telefon könnten sich dann automatisch miteinander verbinden. Die physische Beziehung oder der physische Ort sind also wichtige Informationen für die vernetzte Umgebung."
Jun RekimotoNetzwerke verbinden
Jun Rekimoto arbeitet auch daran, die Netzwerke von Telefonie und Internet nahtlos miteinander zu verbinden.
Für diesen Zweck hat das Interaction Laboratory von Sony in Japan zum Beispiel "TACT" entwickelt, den Prototypen eines Mobiltelefons, mit dem man gleichzeitig von jedem Computer im Büro, daheim oder auf der Straße Daten abrufen kann.
TACT sieht aus wie eine schlanke Verschmelzung von Mobiltelefon, Memory Stick und Fernbedienung - mit der eleganten Oberfläche eines iPod. Es hat ein kleines Display, einen Anschluß für ein Headset, einen Mauszeiger und nur wenige Tasten.
Das Gerät trägt die persönliche Identität des Benutzers und man kann damit gleichzeitig via WLAN telefonieren und Informationen aus dem Internet abrufen. Mit einem Knopfdruck kann man damit auch Dateien virtuell auf einen Bildschirm werfen.
TACTTrennung von öffentlich und persönlich
Für Jun Rekimoto ist TACT die Lösung für die Frage, wie wir in Zukunft immer und überall vernetzt sein können. Damit könne man alle persönlichen Daten und Zugangscodes in einem persönlichen Gerät speichern und sich mit allgemein zugänglichen Computern und Bildschirmen verbinden.
Die Vorteile dieser Trennung von Privatem und Öffentlichem liegen für ihn klar auf der Hand.
Jun Rekimoto: "Das eine ist die Freiheit, alles überall zeigen zu können. Man könnte zum Beispiel einen Freund besuchen und die eigenen Fotos bei ihm daheim auf dem Fernsehschirm herzeigen.
Die Vernetzung wird aber auch die Verbindungen zwischen den Menschen verändern. Wenn Sie zum Beispiel eine umfangreiche Musik-Sammlung in Ihrem tragbaren Gerät haben oder daheim auf Ihrem Server, könnte Ihr Computer das analysieren und jemanden finden, der genau die gleichen Interessen hat."
"Eines Tages könnte es sogar möglich sein, dass Kommunikationssysteme Gefühle oder Stimmungen über Sensoren wahrnehmen und an eine entfernte Person oder Gruppe übermitteln können", erzählt Jun Rekimoto im Gespräch mit Sonja Bettel.
Handlich und handhabbar
