SMS mit den Fingern lesen
Der Austausch von Informationen läuft derzeit hauptsächlich über Sprache und Bilder. Die Neuroinformatiker der Universität Bonn wollen nun vermehrt den Tastsinn zur Kommunikation nutzen.
So könnten Kurzmitteilungen am Handy künftig mit den Fingerspitzen gelesen werden und das Autolenkrad vor gefährlichen Situationen warnen und den Weg beschreiben.
Zu diesem Zweck haben die Forscher ein Handy entwickelt, dessen Tasten mit kleinen, beweglichen Stiften ausgestattet sind, die sich heben und senken. Personen sollen Textnachrichten so anhand einer fühlbaren Melodie erfassen können.
Etwa 100 Tastsinneszellen pro Quadratzentimeter sind für das menschliche "Fingerspitzengefühl" verantwortlich.
Die haptische Wahrnehmung setzt sich aus dem taktilen [Oberflächensensibilität] und dem kinästhetischen Erfassen [Tiefensensibilität] zusammen.
Neuroinformatik der Universität BonnStifte erzeugen Tastmuster
Die acht winzigen Stifte pro Modul erzeugen spezifische Muster, die mit den Fingerkuppen gelesen werden können. Eine von den Stiften erzeugte Welle, die auf den Benutzer zuläuft, bedeutet etwa "ich", läuft die Welle vom Anwender weg, heißt das "du".
"Natürlich wollen wir über den taktilen Kanal keine Buchstaben übertragen", erklärt Rolf Eckmiller, Leiter des Informatik-Instituts. "Uns geht es um die schnelle Übermittlung von Sinneinheiten wie 'ich', 'du' oder 'in einer Stunde', sodass man beispielsweise über ein entsprechend ausgestattetes Handy per SMS den Tast-Satz 'ich bin in einer Stunde zu Hause' übertragen könnte."
Doch während Kreise, Linien, Vierecke und leichte Buchstaben wie etwa das "V" einfach erkannt werden, ist die haptische Wahrnehmung von komplexeren Symbolen hochgradig individuell.
Für Hörgeschädigte und Sehschwache
Anwendungsmöglichkeiten für das "SensoTrans"-Verfahren
[Signalwandler zur Transformation von Sinneswahrnehmungen] sehen die
Entwickler in der Kommunikationselektronik, bei der Wiedergabe
akustischer Signale für Gehörlose und als Hilfe für Blinde.
SMS-Handy mit Braille-Zeile für BlindeTrainingssoftware lehrt Tastvokabel
Für ein künftiges taktiles Handy sollen die Anwender aber nicht erst wochenlang das vorgegebene "Tast-Vokabular" lernen müssen.
Eine spezielle Software soll dem Anwender zu jedem gewünschten Begriff verschiedene Tastmuster vorschlagen. Der User kann die Kombination wählen, die ihm am meisten liegt, oder er schafft seine eigenen Tastmuster.
"Ich kann etwa meiner Frau und meiner Tochter jeweils eine eigene taktile Melodie zuordnen", so Eckmiller. "Wenn sie mir eine SMS schicken, erkenne ich den Absender sofort, da ich diese Kombination ja selbst gewählt habe."
Das Merken der Tastmuster soll laut den Forschern dabei so einfach wie das Merken von Geräuschen und Bildern sein.
