11.04.2004

M@TRIX FORUM

Virtuelle Charaktere nehmen Gestalt an

Monatelang hatte der Brasilianer Alceu Baptistao an den Poren der Haut und den Äderchen des Augapfels gefeilt, bis seine virtuelle Sängerin Kaya aussah, wie ein real existierendes Mädchen.

Jetzt soll Kaya beim Schönheitswettbewerb "Miss Digital World" antreten, den die italienische Multimediafirma Monumedia ausgeschrieben hat. Bis November sollen die Besucher der Website über die Modells aus dem Computer abstimmen und damit ein neues Schönheitsideal prägen.

Naturalistisch, aber nicht natürlich

Tobias Mayr, Gamedesigner bei Rockstar Vienna, wünscht sich, dass virtuelle Charaktere nicht nur Laufen, Springen und Herumballern können, sondern auch etwas über ihren Seinszustand verraten.

Schließlich möchte man wissen, ob das virtuelle Gegenüber zum Beispiel betrunken, schizophren oder müde ist. Vor allem in sozialen Multiplayergames laufe sehr viel über die emotionale Ebene ab, deshalb brauche man dafür glaubwürdige Avatare, so Mayr.

Die Wiener Firma Digital Mankind entwickelt für diese Zwecke die "Virtual Character Engine", die menschliche Verhaltensweisen von virtuellen Figuren programmierbar machen soll.

Mögliche Einsatzgebiete sind Spiele, in denen man sich dann mit einem virtuellen Charakter unterhalten können soll.

Jobs für digitale Modells

Die Einsatzgebiete für digitale Modells sind zahlreich. Die Berliner Multimedia-Firma "No DNA" entwickelt und vermietet männliche und weibliche Charaktere für Auftritte bei Messen und Fernsehshows, auf Websites oder CDs.

Ein weiteres Einsatzgebiet für virtuelle Charaktere ist der Mode-Bereich. Auf der Website der kanadischen Firma "My Virtual Model" kann man sich kostenlos ein virtuelles Abbild des eigenen Körpers erstellen, mit dem man dann in Online-Shops Kleidung anprobieren kann.

Eine Firma aus Korea geht den umgekehrten Weg: weil dort virtuelle Charaktere so beliebt sind, verkauft die Firma die neueste Mode für den persönlichen Avatar.

Charaktere mit Charakter

Bei der Frage, ob digitale Modells Menschen täuschend ähnlich sein sollen oder nicht, scheiden sich die Geister.

Für die Werbung seien 3-D-Figuren nur dann interessant, wenn sie eindeutig als Computergeschöpfe zu erkennen seien und in diesem Sinne auch eingesetzt würden, so der Werbefachmann Harry Bergmann.

Ali Szadeczky, Gründer der Designfirma "Nofrontiere", glaubt, dass virtuelle Charaktere vor allem beim Online-Dating sinnvoll wären. Da sollte dann jeder entscheiden können, wie er sich gerne präsentieren möchte.

Und die Character Designerin Babsi Lippe setzt überhaupt auf stilisierte Phantasiefiguren im japanischen Stil. Für sie müssen die Charaktere vor allem einen Charakter haben, der sie liebenswert macht.