Eine Frage der Freiheit
Während die Mediengesellschaft in immer neuen Quizshows eine Ideologie der Gier zelebriert, stellen freie Software- und Medienprojekte eine ganz andere Frage an die Gesellschaft: Kann es nachhaltige Produktivität ohne Zwang geben? Armin Medosch glaubt: Ja.
Jedes Mal, wenn ich den Fernseher einschalte, sehe ich, oft zu den besten Sendezeiten, Shows, bei denen es etwas zu gewinnen gibt. Dieses Format erscheint in zahlreichen Variationen - von echten Quizshows bis hin zu Geldausschüttungsspielen und den so beliebten Talentwettbewerben.
Von den Gewinnern wird erwartet, zu erröten und vor lauter Freude ihre Nerven zu verlieren, genau in diesem quasi-privaten - da von Millionen beobachteten - Moment, in dem dann der Mensch durchkommt. Der Grund dafür ist wohl, dass einem das Gewinnen eigentlich peinlich ist. Frei nach dem Kirchenfürsten Augustinus: die Peinlichkeit der Armut, die sich Reichtum nennt.
Quizshow als Symptom
Diese Quizshows sind aber nur ein Symptom für etwas, das viel tiefer reicht. Sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, die den Wettbewerb als Grundform allen Strebens verinnerlicht hat. Seit der konservativen Wende Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre hat sich ein Menschenbild verfestigt, das ganz von Gewinnsucht und materiellen Bedürfnissen geprägt ist. Baronin Margaret Thatcher hat es mit dem Ausspruch "Greed is good" [Gier ist gut] auf den Punkt gebracht. Und mittlerweile werden im Herzen Mitteleuropas dem Geiz sogar erotische Eigenschaften zugesprochen.
Was dem zugrunde liegt, ist ein wissenschaftliches Menschenbild, das darauf beruht, dass jeder Einzelne primär ein rationaler Zweckoptimierer sei und erst sekundär Mensch, Freundin, Vater, Liebende. Insbesondere in der Wirtschaftswissenschaft und der ihr zuarbeitenden Spieltheorie wird davon ausgegangen, dass die Menschen immer völlig rational handeln und dabei von materiellen Zielvorstellungen geleitet werden.
Mensch vs. Homo oeconomicus
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wird so getan, als sei dieses Menschenbild nicht mit einem bestimmten Gesellschaftstyp verbunden, sondern Ausdruck der menschlichen Natur überhaupt. Da frage ich mich dann häufig, ob ich nicht in einer völlig anderen Welt lebe.
Denn in meiner Welt kenne ich Menschen, die in erster Linie aus idealistischen Erwägungen handeln und oft erst in zweiter Linie dem Umstand Rechnung tragen, dass sie ihr Leben finanzieren müssen. Ich spreche von der Welt der freien und quelloffenen Software [Free, Libre, Open Source Software = FLOSS], von der aufblühenden Welt der Tausch- und Geschenkökonomien im Internet. Viele Tausende Menschen verbringen viel Zeit damit, Code zu schreiben, den sie einfach so hergeben.
Produktivität ohne Zwang
Gemeinsam, ohne von außen auferlegten Zwang gelingt es ihnen, industrielle Software von einer Komplexität zu schreiben, die mit jener der Konstruktion eines Verkehrsflugzeugs vergleichbar ist - das Betriebssystem Linux. Sie entwickeln Webserver [Apache], Datenbanken, Content-Management-Systeme und kreative Werkzeuge für Bild- und Tonbearbeitung.
Sie tun das einfach deshalb, weil sie denken, dass es eine gute Sache wäre, wenn es diese oder jene Software gäbe, zur freien Nutzung, für alle. Dieser Grundsatz ist in der Lizenz verankert, die freie Software schützt, der GNU General Public Licence.
Sehr viele freie Software-Projekte werden inzwischen von der Industrie unterstützt oder gar zur Gänze von Firmen finanziert. Das ist sehr positiv. Auch in der Industrie sieht man ein, dass die kollaborative Methode und die Quelloffenheit, auf der sie beruhen, eine gute Sache sind und die Effizienz sogar steigern. Freie Software hat sich in vielen Bereichen durchgesetzt, daran gibt es nichts zu rütteln.
Zusammenarbeit statt Konkurrenz
Doch es geht nicht nur um die Software, es geht um eine Einstellung, eine Haltung, das zugrunde liegende Menschenbild. Mit derselben Haltung, mit der die Programmierer Code schreiben, beantworten Freiwillige geduldig meine Fragen im Forum des Content-Management-Systems Drupal; andere wiederum verfassen Online-Handbücher oder schreiben Fehlerberichte; dieselbe Einstellung motiviert jene Kulturschaffenden, die sich dem Copyleft-Gedankengut verschrieben haben.
Kulturgüter wie Texte, Musik und Video werden produziert, weil sie für die Produzenten einen intrinsischen Wert darstellen. Deshalb möchten sie auch, dass möglichst viele andere daran teilhaben können. Die digitalen Güter haben eine privilegierte Stellung, da sie mit zu null tendierenden Kosten kopiert werden können.
Von der Netz- zur Massenkultur
Ausgehend von dem gelungenen Experiment mit FLOSS hat sich eine Kultur der offenen Quellen entwickelt, die langsam, aber sicher die wirtschaftliche Basis von innen her aufrollt. Wir sind bereits mitten in diesem Paradigmenwechsel. Was vor zehn oder 15 Jahren noch als ein etwas zaghaftes Pflänzchen im Internet begonnen hat, ist zu einem weltweiten Trend geworden.
Es scheint, dass weite Teile der jüngeren Generation bereits von "FLOSSigen" Gefühlen bewegt werden. Spätestens seit Ubuntu ist FLOSS ein neuer Mainstream. Proprietär ist out, alt, müde. Man sieht es, wo immer man hinkommt. Als ein Teilnehmer der diesjährigen Ars Electronica seine Folien von der Kommandozeile aus präsentierte, ging ein erfreutes Raunen durch die Menge. Hatte Linux früher noch den Beigeschmack des allzu "Nerdigen", so gibt es heute Linux-Geschmacksrichtungen, deren Design schon geradezu sexy ist. Wobei es ja gerade nicht um die grafischen Benutzeroberflächen geht, sondern um das, was drinsteckt.
Freiheit ist sexy
Und drinnen im Kern steckt, um es mit dem Titel eines Buchs von Christoph Spehr zu formulieren, die freie Kooperation. Immer mehr Menschen investieren ihre libidinöse Überschussenergie zum Wohle aller in kollaborative Projekte. Es hat sich gezeigt, dass wir eben nicht nur egomanische Ellbogenmenschen sind, sondern dass das vordergründig selbstlose Handeln im Interesse der Gemeinschaft ein gewaltiges Potenzial besitzt.
Nur in den Massenmedien hört und liest man wenig bis gar nichts davon. Da ist das zugrunde liegende Menschenbild noch immer das des rasenden Zweckoptimierers auf der Überholspur zu Gewinn und Reichtum.
Am Sonntag in "Matrix"
Open-Source-Kultur: Wie politisch ist Freie Software? Im Netzkulturmagazin "Matrix", am Sonntag, den 30.9., um 22.30 Uhr auf Ö1.
(matrix | Armin Medosch)
