Hip-Hop für die "iPod, iMac, iGeneration"
Wie die Subkultur der Gamer und das Internet neue Musikstile hervorbringen. Das Ö1-Magazin "Matrix" stellt die führenden Protagonisten der "Nerdcore"-Szene vor.
Ein neuer Musikstil sorgt zur Zeit im Internet für Furore: "Nerdcore". Darunter versteht man blaßhäutige und bebrillte Nerds, die über ihr Leben am Computer und im Internet singen.
Musikalisch ist "Nerdcore" ein skurriler Seitenzweig des Hip-Hop. Der große Unterschied zum herkömmlichen Hip-Hop liegt in den Texten: Dort wo schwarze Rapper über das Leben in ihren heruntergekommenen Hoods und ihren mit Drogen, Waffen und Sex gepflasterten Weg zu Ruhm und Reichtum rappen, suchen sich die weißen "Nerdcore"-Rapper ihre Themen in ihrer Lebenswelt. Und so rappen sie über Games und Gadgets und vor allem über Internet-Themen: Filesharing, Spam, virtuelle Identitäten, Blogs.
Zwei Dokus
Die Entwicklung von "Nerdcore" zum Breitenphänomen haben auch zwei Dokus zum Inhalt, die in den kommenden Monaten in die Kinos kommen bzw. auf DVD erscheinen werden:
Musik im Internet und über das Internet
"Nerdcore" ist nicht nur Musik über das Internet, sondern findet auch fast ausschließlich im Internet statt. Die Songs erscheinen in der Regel nicht auf CD, sondern nur als MP3 und werden von den Usern online weiterverbreitet.
Wer selbst "Nerdcore" machen möchte, tauscht sich in Foren und Chatrooms über die Grundlagen und Feinheiten der Musikproduktion aus. Websites und MySpace-Seiten dienen den "Nerdcore"-Künstlern zur Kommunikation mit ihren Fans - oder auch, um Konzertauftritte anzukündigen, bei denen die "Nerdcore"-Rapper meist nur mit ihrem Laptop auf der Bühne stehen und Massen von - an sich als menschenscheu und einzelgängerisch verschrieenen - Nerds und Geeks ihnen zujubeln.
Die bekanntesten "Nerdcore"-Rapper
MC Frontalot hat den Begriff "Nerdcore" erfunden. Der New Yorker Rapper inszeniert sich mit seinen dicken Hornbrillen unverkennbar und selbstironisch als Nerd. Mit seinen stilbildenden Songs und Texten gilt MC Frontalot zurecht als Begründer des Genres "Nerdcore". Schon die Titel seiner Songs sind Programm: "I Hate Your Blog", "You Got Asperger's" oder "Pr0n Song" - in letztgenanntem Song listet er übrigens penibel seine online zusammengesammelten Porno-Bilder und -Movies auf.
MC Chris
Der Spaßvogel unter den "Nerdcore"-Rappern. Seine quiekende Stimme leiht er auch Figuren der amerikanischen Kult-Zeichentrickserie "Aqua Teen Hunger Force". Von MC Chris stammt auch DIE Hymne der "Nerdcore"-Fans: "Fett's Vette" - eine augenzwinkernde Hommage an den Kopfgeldjäger Boba Fett aus "Star Wars".
YTCracker
YTCracker [sprich: "Whitey Cracker"] gilt als schwarzes Schaf der "Nerdcore"-Szene. Er hat in jungen Jahren eine NASA-Website gehackt und ist stolz darauf, eine Zeitlang sein Geld als Porno-Spammer verdient zu haben. Analog zu den "Gangsta"-Rappern im Hip Hop stilisiert sich YTCracker als "Geeksta"-Rapper.
MC Lars
Er sieht aus wie ein Highschool-Sunnyboy, in Wirklichkeit hat der 25-Jährige aber vor kurzem sein Studium der englischen Literatur an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford abgeschlossen. MC Lars bezeichnet seine Musik als "Post-Punk Laptop Rap" und in der Tat zählt MC Lars zu den "Nerdcore"-Künstlern, die ihre Inspiration nicht nur aus dem Hip-Hop, sondern auch von anderen Musikstilen beziehen. In seinem Fall: von klassischer Popmusik über Hardcore-Punk bis zu Emo. Aus diesem Grund hält man MC Lars auch für einen jener "Nerdcore"-Musiker, die das Zeug und Potential dazu haben, schon bald einmal einen echten Hit zu landen.
Die bekanntesten Songs von MC Lars sind: "iGeneration", in dem er in Anlehnung an "My Generation" von The Who die "iPod, iMac, iGeneration" besingt und "Download this Song", in dem er pointiert den Niedergang der traditionellen Musikindustrie analysiert und die Verbreitung von Musik im Internet feiert.
"8-Bit"-Musik
Die deutsche Band Kraftwerk sang Anfang der 80er Jahre auf ihrem Album "Computerwelt": "Ich bin der Musikant mit Taschenrechner in der Hand." Zu dieser Zeit begannen kreative Köpfe auch, ihre Homecomputer und Videospiel-Konsolen als Musikinstrumente zu benutzen.
Eine vor kurzem erschienene Compilation mit dem Titel "8-Bit Operators" führt nun beides zusammen: Songs von Kraftwerk, die mit Hilfe von C64-Emulatoren und zu Musikinstrumenten umgebauten Game Boys neu eingespielt wurden.
Auf der internationalen Compilation ist mit Herbert Weixelbaum auch ein Game-Boy-Musiker aus Österreich vertreten.
Mehr über "8-Bit"-Musik und das "Nerdcore"-Phänomen gibt es am Sonntag um 22:30 Uhr in "Matrix" auf Ö1 zu hören. Ab dann steht "Matrix - Computer & Neue Medien" für Ö1-Club-Mitglieder auch zum Download bereit.
(matrix | Richard Brem)
