08.02.2004

MATRIX FORUM

Aufstieg und Fall des "Internet-Kandidaten"

Vor einem Jahr galt Howard Dean als chancenlos, der Präsidentsschaftkandidat der Demokratischen Partei zu werden und damit Herausforderer von George W. Bush bei den Wahlen kommenden November.

Heute gilt Dean wieder als chancenlos, aber dazwischen führte er in den Umfragen und revolutionierte nebenbei die Art, wie Wahlkämpfe geführt werden. Und zwar mit Hilfe des Internet.

Dean setzte das Internet als politisches Tool zur Wahlwerbung ein wie niemand vor ihm. Dean war der erste Politiker, der ein Weblog führte. Und er war der erste, der einen Großteil seines Wahlkampfs mit Spenden aus dem Internet finanzierte.

Legendär ist eine Spendenaktion von Dean, mit der er die Abhängigkeit der Bush-Regierung vom Big Business bloßstellte: Als Vizepräsident Cheney seine gutbetuchten Unterstützer zu einem Abendessen lud, bei dem jeder Teilnehmer 2.000 Dollar zahlen musste und insgesamt 300.000 Dollar in die Wahlkampfkasse von Bush und Cheney flossen, da reagierte Dean auf seine spezielle Art: Indem er ein Foto auf seiner Website platzierte, das ihn beim Essen eines 3-Dollar-Sandwiches zeigte. Dem angeschlossenen Spendenaufruf leisteten Abertausende Amerikaner Folge und Deans Wahlkampfkonto konnte innerhalb weniger Tage einen Eingang von über 500.000 Dollar verbuchen.

"People-Powered Howard"

Für seine vorwiegend jungen Anhänger ist Dean der "People Powered Howard", ein Mann des Volkes und jemand, der die Sprache des Internet und damit auch ihre Sprache spricht.

Eine zentrale Rolle in Deans Wahlkampf spielte auch die virtuelle Kontakt-Plattform "Meetup.com". Dean war der erste Kandidat, der das organisatorische Potential dieser virtuellen Kontaktplattform erkannt hat.

Virtuelle Graswurzelrevolution

In den Medien gilt Dean als "der Internet-Kandidat". Doch der Architekt von Deans Internet-Kampagne war Joe Trippi, der in der Vergangenheit nicht nur als politischer Berater, sondern auch lange bei Software-Firmen und Dot.coms gearbeitet hat.

Trippi erkannte, dass das Internet das ideale Medium ist, um eine Graswurzelrevolution zu starten. Und er hat auch verstanden, dass es dafür notwendig ist, auf zentrale Lenkung und Kontrolle zu verzichten und die Anhänger sich selbst organisieren zu lassen.

Internet vs. Realpolitik

In der realen Politik ist eine im Internet entstandene Graswurzelbewegung noch keine Garantie für einen Wahlerfolg. Das musste auch Howard Dean lernen, der die erste Vorwahl in Iowa am 20. Jänner prompt und deutlich verlor.

Deans emotionsgeladene Rede nach dieser überraschenden Wahlniederlage, die mit einem berühmt gewordenen Schrei ["Dean Scream"] endete, tat ein weiteres, um seine Chancen als seriöser Kandidat bei den nächsten Vorwahlen zu verringern.

Als Folge dieser Niederlage hat sich Howard Dean mittlerweile von Joe Trippi getrennt. Statt auf das Internet, setzt Dean jetzt verstärkt auf herkömmliche Wahlkampfmethoden.

"Democrats Abroad Austria"

Die Auswirkungen der von Howard Dean ausgelösten politischen Revolution im Internet sind bis nach Österreich zu spüren, wo morgen die demokratischen Vorwahlen für hier lebende Auslandsamerikaner stattfinden.

Organisiert wird der österreichische "Caucus" von den "Democrats Abroad", deren Organisatoren und Mitglieder sich ebenfalls über das Internet gefunden haben.