Fünfnetzteilemann macht Urlaub
Eigentlich sollten Nerds ja zu Hause bleiben. Wenn sie dann doch verreisen, wird es schwer. Denn für jeden ihrer kleinen Lieblinge muss ein dicker Stromversorger mit. Es beginnt das Spiel der Spiele: Netzteil-Tetris.
Neulich war bei den Kollegen aus der Nachrichtenredaktion zu lesen, dass der nordkoreanische Staatschef Kim Jong Il seinen Atomreaktor in Yongbyon abgeschaltet hat. Ungeübte Beobachter internationaler Atombehörden interpretierten diese Geste als Zeichen der Gesprächsbereitschaft des stalinistischen Regimes.
Doch wir Nerds wissen es besser. "Prima", dachte ich sogleich, "der Mann gönnt sich Urlaub und montiert schon mal seine Stromversorgung ab, damit er sie an den Strand mitnehmen kann." Seit alle unsere Lieblingsgeräte klein, mobil und digital sind, wollen wir sie nämlich auch im Urlaub immer um uns haben.
Gadget: mager, Netzteil: fett
Und während die Geräte selbst immer dünner, flacher und kompakter werden, bleiben die dazugehörigen Netzteile dummerweise breit, dick und feist. Das bedeutet: Sie nehmen viel Platz im Koffer weg, und der reisende Freund gediegener Elektronik muss erst einmal ein paar Runden Netzteil-Tetris spielen, um sie Platz sparend dort unterbringen zu können.
Da wäre zuallererst mein kleiner Freund, das Mobiltelefon. Eigentlich will ich im Urlaub mit niemandem sprechen, aber man weiß ja nie. Das Netzteil ist fünf Mal so groß wie das Telefon selbst - ein im Umgang mit Bolas geübter argentinischer Gaucho könnte damit jederzeit ein ausgewachsenes Rindvieh zu Fall bringen; mein Provider hat mich sicher auch auf diese Art als Kunden gewonnen, ich kann mich nur nicht mehr daran erinnern.
Die geheimnisvolle Box
Zum Erinnern habe ich nämlich die Digitalkamera, ohne deren aufmerksamen Sensor ich hinterher gar nicht wissen würde, wo ich überhaupt gewesen bin. Meine hat eine praktische externe Box, über die ich sowohl USB-Kabel als auch den Stromversorgungsklotz anschließen muss. Die Box wiederum muss ich mit Kamera und Computer verbinden, wenn ich Bilder übertragen will. Warum ich jetzt nicht einfach nur Kamera, USB- und Stromkabel einpacken darf, sondern auch noch diese Box in den Urlaub mitnehmen muss, weiß nur ein irre kichernder Konstrukteur im letzten Hinterzimmer der Zentrale eines vergessenen Industriekonglomerats bei Tokio.
Digitalkamera und Box sind ihrerseits ohne Computer nichts wert. Genauso wenig wie der MP3-Player - wann kann man schon das im Cheapo-Markt erstandene 50-CD-Set der gesammelten Werke der Pet Shop Boys in der Orchesterfassung unter dem Kommando von Sir Simon Rattle mit dem gebotenen Seelenfrieden anhören, wenn nicht im Urlaub? - Also muss das Notebook auch mit. Leider hat es bisher nur Apple geschafft, ein kleines, leichtes und halbwegs intelligent konstruiertes Netzteil zu erschaffen.
Der Mann im Hinterzimmer
Der für die Konstruktion meines Notebook-Stromklotzes verantwortliche Experte hockt bestimmt irre kichernd im letzten Hinterzimmer der Zentrale eines vergessenen Industriekonglomerats bei Shenzen und darf sich jetzt um die Entwicklung neuer Jumbo-Duplo-Steine für die Lego Corporation kümmern, weil er seine vorherige Aufgabe so elegant bewältigt hat.
Das von seinem besten Freund konstruierte armdicke und unflexible Stromkabel, dessen Design und Farbgebung bestimmt auch Kim Jong Il höchstpersönlich anerkennend abgenommen hätte, flechte ich mit der Geschicklichkeit eines südafrikanischen Webervogels zu einem kuscheligen Nestchen für das Netzteil des Rasierapparats, auf dass ihm kein Leid geschehen möge, man will ja nach einer Woche nicht aussehen wie Catweazle oder Richard Stallman.
PlayStation-Anästhesie
Hätte ich Nachwuchs, müsste bestimmt auch eine PlayStation oder eines dieser anderen Anästhesiegeräte für Kinder mit. Diese Lärmboys mögen zwar klein sein, aber sie bringen auch noch mal Netzteile oder Batterien mit, winzige zwar, aber immerhin.
Da ich mich generell nur äußerst ungern bewege, brauche ich auch keinen GPS-Empfänger, obwohl, lieber doch, sonst leidet meine Glaubwürdigkeit als Geek. Videokamera, Staubsaug-Roboter und Fischertechnik-Zyklotron lasse ich diesmal zu Hause.
Anti-Terror-Terror
Spätestens dann, wenn ich mich bei der Anti-Terror-Kontrolle am Flughafen ["Hawaii-Hemd? Die NSA sagt, Osama trägt jetzt immer Hawaii-Hemden! Ausziehen! Zackzack!"] wieder mal bis auf die Socken vor aufmerksamem Wachpersonal entblättern muss, werde ich die Tatsache verfluchen, dass die im Rucksack zusammengeschachtelten Netzteile auf dem Schirm des Durchleuchtungsgeräts exakt so aussehen wie das Kontrollsystem einer sowjetischen SS-20-Rakete.
Aber die Polizisten werden mich sicher durchlassen. Als Agenten des Schicksals müssen sie mich ja am Zielort noch entdecken lassen, dass es im Hotelzimmer genau eine defekte Steckdose gibt, für die ich keinen Adapter dabei habe.
Und wie viele Netzteile nehmen Sie mit?
Ergebnis: - 25 Keines, du. Ich gehe dieses Jahr zum biodynamischen Muschelkuscheln an die Nordsee, du.
- 57 Eins. Ich muss mein Handy mitnehmen, damit ich anlässlich der ersten Urlaubsaffäre meinem Partner in der Heimat per SMS den Laufpass geben kann.
- 74 Zwei. Eines links und eines rechts. Mein Rucksack muss immer ausbalanciert sein.
- 72 Drei. Ich nenne sie "Tick", "Trick" und "Track".
- 53 Vier. Ich sehe nicht ein, warum ich dem Hotel die Elektrizität schenken soll, wenn ich schon ein Vermögen ... Elfriede? Und du führst die Mängelliste! Elfriede?
- 102 Fünf. Ich habe vor, sie in der Bretagne nach dem Vorbild einer Reihe von Menhiren anzuordnen, um das korrekte Druidengefühl spüren zu können.
Schönen URLaub!
(futurezone | Günter Hack)
