Virtuelle Stimme konkurriert mit Sängern
Statt sich mit zickenden Diven und ihren Allüren herumzuärgern, könnten Musikproduzenten schon bald auf eine Stimme aus der Retorte zurückgreifen, die 24 Stunden täglich unermüdlich jeden noch so albernen Song trällern kann.
Wissenschaftler der spanischen Pompeu-Fabra-Universität haben im Auftrag von Yamaha eine elektronische Stimme, "Vocaloid", entwickelt.
Die Software erlaubt dem Nutzer, Eigenkompositionen von einer körperlosen, aber äußerst lebensechten Stimme in Konzertqualität singen zu lassen.
In weiterer Folge wäre auch denkbar, dass Weltstars wie Robbie Williams und Madonna oder auch längst verstorbene Legenden wie Elvis mit Hilfe der Software allzeit für ein Duett bereit stehen.
R.E.M.-Sänger beeindruckt
Michael Stipe von R.E.M. zeigt sich zwar von einer ersten
Vocaloid-Version von "Amazing Grace" beeindruckt, will seine Stimme
den Software-Entwicklern jedoch nicht leihen. "Ich würde nicht
wollen, dass meine Stimme noch in 250 Jahren für Werbespots
verwendet werden kann. Für das Jahr 2003 ist es verblüffend, 2303
bin ich mir da nicht mehr so sicher."
Hörprobe: "Amazing Grace"Singt beliebigen Text und Melodie
Die Software analysiert die tagelang in unzähligen Lauten eingesungene Formantstruktur einer Stimme, extrahiert sie und speichert sie in Vokalbibliotheken.
Gibt man anschließend einen beliebigen Wortlaut und Melodie vor, singt der Computer mit der zuvor analysierten Stimme.
In der ersten Version verfügt Vocaloid über zwei Stimmbibliotheken ["Fonts"]: Leon [männlich] und Lola [weiblich].
Da man annimmt, dass die künstlichen Stimmen am Anfang nur in Background-Chören singen werden, sind beide Stimmen sehr soullastig und können so von Justin Timberlake bis Jay-Z universell eingesetzt werden.
Zudem können verschiedene Effekte über einfache Kommandos hinzugefügt werden.
Windows only: Ab Jänner für 200 USD
Ab Jänner 2004 ist die Software für 200 USD ausschließlich für
Windows und in englischer wie japanischer Sprache zu haben.
Überblick über die erhältlichen Stimmen
Screenshot der SoftwareInterpretenwechsel auf Knopfdruck
Schon bald sollen neue "Fonts" hinzukommen, eine zweite Frauenstimme "Miriam" wurde bereits von Miriam Stockley, Sängerin bei Adiemus, eingesungen.
Die Enduser sollen ihre Kompositionen so auf Knopfdruck von verschiedenen Interpreten in verschiedenen Musikstilen vertonen lassen können.
In weiterer Folge soll das Programm auch von den Usern selbst zur Erstellung eigener "Fonts" genutzt werden können. Zudem versucht man berühmte Vorlagen wie Elton John und Aretha Franklin für die Software zu gewinnen.
Ob die virtuellen Gesangskünstler den stimmgewaltigen menschlichen Pendants auch auf professioneller Ebene wirlich Konkurrenz machen werden oder ob der Sound der Vocaloiden doch nur Werkzeug der Hobby-Komponisten bleiben wird, wird sich erst zeigen.
Dan "the Automator" Nakamura, Produzent der Gorillaz, sieht jedoch keine Gefahr: "Vielleicht gelingt einem Vocaloid einmal der Sprung in die Hitparaden, doch das liegt dann wohl nur am Reiz des Neuen. Das beste an vielen Songs ist ja gerade die Unvollkommenheit der Stimme und ihre kleinen Fehler."
