Informationsgesellschaft ohne Ästhetik
Vor mehr als 50 Jahren formulierte Claude Shannon seine "mathematische Theorie der Kommunikation". 1960 erfand Ted Nelson Hypertext. Vor 30 Jahren wurde Europa an das amerikanische Arpanet angebunden.
Das Domain Name System wurde 1983 implementiert und das WorldWideWeb seit mehr oder weniger zehn Jahren.
Langsam sei es an der Zeit, so der russische Medienkünstler und Theoretiker Lev Manovich, sich einmal Gedanken darüber zu machen, ob die sogenannte Informationsgesellschaft auch eine neue Form von Ästhetik hervorgebracht hat.
Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelten sich mit der Elektrifizierung die modernen Industriegesellschaften. Auch damals dauerte es seine Zeit, bis sich eine zeitgerechte Art der Kommunikation, der Repräsentation und Präsentation von Information herausgebildet hat. Erst um die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts begannen Künstler, Designer, Architekten, Typographen, Filmemacher an verschiedenen Orten, ein ganz neues Set an ästhetischen Strategien dafür zu entwickeln. Das waren nicht nur ästhetische Strategien in dem Sinn wie man Dinge schöner machen kann, vielmehr wurden damals Methoden entwickelt um den Raum neu zu gestalten, Objekte neu zu entwerfen und Text neu zu organisieren.
InformationsästhetikVon Bauhaus zurück zu Gaudi
Die Designer der 20er Jahre wurden von der Vorstellung geprägt es herrsche Ressourcenknappheit. Kein Strich wurde zuviel gesetzt und kein Quadratmeter vergeudet. Ornamente wurden zum Verbrechen erklärt.
Die Auswirkungen sieht man heute nicht nur Städten wie Barcelona an, sondern auch dem grafischen UserInterfaceDesign der Betriebssysteme, meint Lev Manovich.
Für ihn entspricht das Desing von Microsoft 98 dem Baustil der 20er Jahre und MacOSX folgt den Designvorstellungen des spanische Architekten Antoni Gaudi.
Lev Manovich: "Was erwarten Sie sich von OSX? Etwas funktionales. Was ist jetzt ein funktionales Betriebssystem? Es ist ein System, das den User erlaubt mit dem Computer zu kommunizieren und eigene Applikationen zu installieren. Aber OSX bietet Ihnen mehr. Es vermittelt Ihnen auch ein Gefühl von Gaudi. Sie finden dort Icons und Animationen; Sie können die Darstellungen vergrößern und verkleinern; Sie werden mit einem ganzes Orchester an Emotionen konfrontiert noch bevor Sie selbst etwas tun. Man könnte meinen, wir entwickeln uns von Bauhaus zurück zu Gaudi."
Effizient durch Ineffizienz
Im Bereich Computer gibt es laut Manovich aber keine Knappheit an Ressourcen mehr. Damit gäbe es auch keine Grund mehr den Designvorgaben der Moderne des 20ten Jahrhunderts zu folgen.
Die Prozessorleistung ist meist höher als nötig, der Speicher ausreichend und die verfügbare Bandbreite der Netze größer als Telekommunikationsfirmen zugeben. Das Problem liegt jetzt darin, dass noch niemand weiß, wie man mit dieser Fülle an Ressourcen umgehen soll.
Die Kommunikation werde deswegen auf jeden Fall nicht besser, meint Paul Pangaro, "Voice to the Developer" bei Sun Microsystems Inc. Eher das Gegenteil sei der Fall.
Es fehlt das Ziel
Paul Pangaro: "Ich kann auf meine Webpage geben was ich will, ich
kann auch in kurzer Zeit 5.000 Webseiten kreieren. Die Konsequenz
davon ist: es gibt keine Grund mehr diszipliniert am Design zu
arbeiten. Wir verzichten darauf den Designprozess genau zu planen,
weil uns genügend Bandbreite, Farben und Grafiken zur Verfügung
stehen. Uns fehlt das Ziel. Ich würde also behaupten das
Hauptproblem im Web ist, dass es dort zuviel Freiheit gibt."
Paul PangaroVeraltete Ideale
Lev Manovich hat eine andere Erklärung dafür gefunden warum es so viele schlecht gestaltete Webseiten gibt, und Firmen gewillt sind dafür auch noch Unmengen an Geld auszugeben.
Lev Manovich: "Ich sagte Ihnen, dass sich im industriellen Modernismus alles um Effektivität drehte, aber da ist noch mehr. Die Effektivität bestimmt auch den Kapitalismus. Aber der Kapitalismus braucht auch die Ineffizienz. Wenn Sie zum Beispiel neue Kopfhörer kaufen wollen, dann gebe ich ihnen einen Plan und zeige Ihnen wo Sie sie kaufen können.
Es ist schon nett genug von mir, dass ich Ihnen diesen Plan zur Verfügung stelle, denn im Grunde will ich nur, dass Sie sich auf dem Weg dorthin verirren und unterwegs noch 500 andere Dinge kaufen."
