Bild: Österreichische Computer Gesellschaft

Der Minister und das Web 2.0

15.06.2007

Auf einer Podiumsdiskussion in der Wirtschaftskammer ist es am Donnerstag um YouTube, "Second Life" und andere Web-2.0-Phänomene gegangen. Gelogen werde beim Bloggen nicht, sagte Sozialminister Erwin Buchinger [SPÖ], aber auch nicht alles verraten - und die Interaktivität sei halt ein Problem.

"Ich lüge nicht, aber ich schreibe im Weblog natürlich nicht alles, was ich früher ins Tagebuch geschrieben hätte", sagte Buchinger am Donnerstagnachmittag.

Auch strategisch-politische Erwägungen im Blog seien nicht wirklich geeignet, schließlich gebe es ja auch so etwas wie "Feindbeobachtung".

Es war der Auftakt einer Diskussion zum Thema "Web 2.0 - Second Life oder Second Crash?" in der Wirtschaftskammer Wien.

Ehemals Tagebuch

Für Buchinger, der in seiner Rolle als fleißiger Blogger unter den Politikern am Podium saß, ist dabei mit am wichtigsten, dass sich Politiker vom Wahlvolk sozusagen über die Schulter schauen ließen.

Das sei demokratiepolitisch nicht zu unterschätzen, hier bahnten sich grundsätzliche Veränderungen an, so der Sozialminister und ehemalige Tagebuchschreiber.

Das Sarkozy-Video

PR-Mann Sepp Tschernutter führte das alkoholverdächtige Video des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy als Beispiel für das politische Weben und Wirken von Web 2.0 an.

Das Video sei eben nicht von den französischen TV-Stationen ausgestrahlt, sondern über YouTube millionenfach distribuiert worden. Dabei hätten die französischen Fernsehsender über dieselben Aufnahmen verfügt, sie aber nicht verbreitet.

Der Hauptgrund, warum seine Agentur Trimedia Communications so viel Energie in einen Auftritt Second Life investiert habe, sei einfach nur um zu lernen, wie diese prototypische Web-2.0-Applikation eigentlich funktioniere.

Mit dem Web hat Second Life als 3-D-Interaktionsumgebung zwar nicht viel zu tun, allerdings ist es doch mehr Kommunikationssystem als Spiel und steht dadurch Web-basierten Selbstdarstellungsplattformen wie MySpace näher, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Die Avatare

Wozu die Avatare in der kommunikativen Praxis wohl am besten zu gebrauchen seien? Das Fazit des professionellen Kommunikators: "Für wirkliche Geschäfte eignet sich Second Life derzeit noch nicht."

Weblogs und andere, dem Web 2.0 zugeschriebene Kommunikationsphänomene böten schon jetzt andere, faszinierende Möglichkeiten. Nun ließe sich nämlich nachzuverfolgen, wie Meinung gemacht werde, wie ein Thema plötzlich an die Öffentlichkeit komme, sagte Tschernutter.

Wikipedia

Ein Hauptproblem aller Community-Websites, bei denen die Inhalte von den Benutzern selbst eingegeben werden, sind naturgemäß Fragen von Authentizität und Urheberschaft. Das war das nächste Thema auf dem Wirtschaftskammer-Panel, das von Hans Zeger [ARGE Daten] moderiert wurde.

"Urheberrechtsverletzungen in größerem Umfang hat es bei Wikipedia noch nicht gegeben" sagte Christoph Breitler, Österreich-Vertreter des gleichnamigen Community-Projekts.

Wenn etwa ganze Texte in der Wikipedia auftauchten, die wortgleich anderswo im Netz bereits existierten, seien diese Texte in der überwiegenden Zahl der Fälle von den Urhebern selbst im Online-Lexikon plaziert worden.

Die Unterschiede

Die Wikipedia wird generell gern in die Web-2.0-Erscheinungen eingerechnet, und sei es nur als "Web 1.5", wegen Textlastigkeit.

Ansonsten werden die Web-2.0-Kriterien von Wikipedia geradezu vorbildlich abgedeckt: Praktisch, intuitiv benutzbar, Inhalte von den Benutzern selbst gemacht. Anders als YouTube, Flickr oder Second Life existiert allerdings ein selbst bestimmtes, nichtkommerzielles, inhaltliches Ziel: eine freie Enzyklopädie.

Einig waren sich die Teilnehmer an der Podiumsdiskussion, die den Abschluss des eBusiness-Tags der österreichischen Computergesellschaft bildete, zur Qualitätssicherung, denn die vollziehe sich bei Web-2.0-Anwendungen großteils durch die Benutzer selbst.

Nachgefragte Interaktivität

Aus dem Publikum kamen dann Fragen, darunter diese an den Sozialminister Buchinger. Warum er den "demokratiepolitischen Wandel" durch Weblogs thematisiert habe, aber zu seinem Weblog keine Kommentarfunktion anbiete? Wo bleibe denn da der Dialog?

Hier stutzte der Sozialminister ein wenig - und führte dann mangelnde Kapazitäten an. Sein Weblog schreibe er bis jetzt ganz allein, annähernd täglich, meist kurz vor Mitternacht.

Selbst hätte er diese interaktive Funktion von Anfang an schon gewollt, aber es sei ihm von allen Seiten dringend abgeraten worden. Für eine Feedback-Funktion müssten Mitarbeiter abgestellt werden, dazu bräuchte es halt eine Organisation.

Bösartige Trolle

Die anderweitig professionellen Kommunikatoren von Trimedia über SMS.at bis Wikipedia, die allesamt das "Dialogische" betont hatten, grinsten verhalten vom Podium. Im Raum hing nämlich spürbar der Gedanke daran, was gut gemeinten Web-2.0-Anwendungen ebenso blühen kann.

Dass nämlich in das schöne neue Forum des Weblogs bösartige Trolle einfallen könnten, wie sich die Sado-Maso-Truppen zum Beispiel in "Second Life" eingenistet haben.

Und eines wird in den Zeiten von kommerziell orientertem Web 2.0 für die Normalbenutzer zunehmend schwieriger zu erkennen sein: Was ist kommerziell motiviert oder politisch gesteuert, was ist Kampagne, Tagebuch, Produktwerbung oder Bericht?

(futurezone | Erich Moechel)