Bürgerjournalismus auf dem Gipfel

03.06.2007

Mit Live-Tickern in Twitter-Manier haben zahlreiche Internet-Nutzer direkt von der Anti-G-8-Demo im deutschen Rostock berichtet. Nicht immer decken sich die Beobachtungen der Privatpersonen mit jenen der hauptberuflichen Journalisten.

Anhand der Berichterstattung über den G-8-Gipfel zeigt sich, wie stark das Internet die Möglichkeiten individueller Berichterstattung erweitert hat.

Neue und andere Perspektiven

Die Berliner Spreeblick-Blogger etwa haben mit "Spree8" ein eigenes Format rund um das G-8-Gipfeltreffen im deutschen Heiligendamm geschaffen, in dem mittels SMS und Anrufen direkt "Nachrichten vom Zaun" übermittelt und im Netz dargestellt wurden.

Spree8 soll eine Perspektive auf die Ereignisse bei der Demonstration gegen den G-8-Gipfel in Rostock eröffnen, die deutsche Mainstream-Medien nicht bieten.

Spreeblick sieht das "Spree8"-Blog als Möglichkeit zur unabhängigen Reportage, behält sich dabei aber die Löschung juristisch zweifelhafter Inhalte vor.

Blogger vs. Spiegel Online

Sogleich entspann sich ein Konflikt um die Interpretation eines Zitats von der Gegenveranstaltung zum Gipfel.

Auf der Bühne sagte ein Redner: "We have to bring the war right into this meeting - because without peace there can be no justice." ["Wir müssen den Krieg in diesem Treffen thematisieren - denn ohne Frieden kann es keine Gerechtigkeit geben."] Die Aussage ist in einem Video dokumentiert, das auf das Bewegtbildportal MyVideo hochgeladen wurde.

Im Live-Ticker bei Spiegel Online [SpOn] wurde daraus: "Auf der Kundgebungsbühne stachelt ein Redner die militante Szene auf: 'Wir müssen den Krieg in diese Demonstration reintragen. Mit friedlichen Mitteln erreichen wir nichts.'"

Laut dem Weblog Spiegelfechter ist diese Aussage auf der Bühne bereits um 17.17 Uhr getätigt worden, während sie bei Spiegel Online auf 18.30 Uhr datiert ist.

Blogger auf Seiten der Gipfelgegner werfen Spiegel Online dementsprechend vor, die Aussage bewusst verfälscht zu haben. "SpOn dreht sich mal wieder seine eigene Wahrheit zurecht", heißt es beim Spiegelfechter. Böswilligkeit oder simpler Übersetzungsfehler?

Im dazugehörigen Video hört man auch die Worte eines weiteren Redners, der die Demonstranten eigens dazu auffordert, sich nicht von der Polizei aufstacheln zu lassen.

Heiße Debatten im Netz

In der politisch stark aufgeheizten Atmosphäre rund um den G-8-Gipfel bleibt jedenfalls auch das Netz nicht kühl.

Instant-Moblogs wie Spree8 und Videoportale erweitern das Kommunikationsspektrum von Individuen, machen das Feld aber auch unübersichtlicher.

Der Kampf zwischen politisch engagierten Bloggern und Mainstream-Medien um die Deutungshoheit bei Ereignissen wie dem G-8-Gipfel wird jedenfalls auch in Zukunft nicht nachlassen.

Mittlerweile mehrt sich die Kritik am Vorgehen der Polizei, nicht zuletzt auch von den Veranstaltern der Gegendemonstration selbst.

Bürgermeinung geht online

Noch vor kurzem wurde bei der deutschen Blogger-Konferenz re:publica über den so genannten Bürgerjournalismus debattiert.

Dabei waren sich die Diskutanten im Wesentlichen darüber einig, dass dieser in Zukunft vor allem bei lokalen Ereignissen mehr Bedeutung erlangen werde.

Er habe mit dem Begriff Bürgerjournalismus Schwierigkeiten, meinte dabei der deutsche Weblog-Pionier Jörg Kantel [Schockwellenreiter], denn vom Bürgerjournalismus könne man nur dann sprechen, "wenn der Bürger auch im Besitz der Produktionsmittel" sei.

In Zukunft werden Videos bei Bürgermedien verstärkt in den Vordergrund treten, beantwortete Kantel die Frage, wie die Zukunft des Bürgerjournalismus aussehen werde.