Speichern, damit wir uns erinnern

Matrix
13.05.2007

Für den einen wird bereits zu viel gespeichert, für den anderen kann es nie genug sein. Wie und was gespeichert wird, macht dabei den Unterschied aus.

Horst Völz vertritt die Ansicht: Es reicht. Allein die Tatsache, dass heute keiner seiner Studenten mehr über zuwenig Speicher klagt, reicht ihm als Indiz. Vor fünf Jahren war das noch anders.

Horst Völz unterrichtet Informationstheorie an der TU Berlin und ist Autor der 4-teiligen Buchreihe: Handbuch der Speicherung von Information. Vor kurzem auch in CD-Form bei der digitalen Biobliothek erschienen.

Speichern um zu vergessen

Anders der Neurowissenschafter Uwe Heinemann vom Institut für Neurophysiologie an der Charitè in Berlin. Für ihn kann es nie genug an Daten geben.

Klagen darüber, dass der Mensch damit überfordert sei, hält er für Unsinn. Das menschliche Gehirn reagiere auf derartige Überforderung mit einer Konsolidierungsphase.

Digitale Photos werden zwar geschossen, aber genauso schnell wieder vergessen. Und als letzte Instanz gibt es noch immer den Festplatten-Crash und veraltete Datenträger.

"Wie viel kann ein Mensch speichern?"

Diese Frage faszinierte Computerwissenschafter von Anfang an. John von Neuman hat in seinen Buch " The Computer and the Brain“ angenommen: 10 hoch 20 Bits. Eine andere Methode ging einfach von der Anzahl der Synapsen aus und besagte demnach: der Mensch sei in der Lage 10 hoch 15 Bits zu speichern.

Thomas K. Landauer vom Bell Labs bezeichnete in Anlehnung an Shannon das menschliche Gedächtnis als eine Art Telefonverbindung, die Information von der Vergangenheit in die Zukunft befördert. Bei seinem Test ließ er seine Probanden Texte lesen, Musik, Sätze und kurze, nichts sagende Silben hören. Nach einer gewissen Zeit, die Minuten oder Tage sein konnten, fragte er nach.

“Das bemerkenswerte Resultat dieser Arbeit war, dass sich die Menschen ziemlich genau an zwei Bits pro Sekunde erinnern konnten; Egal ob es sich um visuelle Information, verbale oder musikalische handelte - es blieben 2 Bits. Würde man dies über eine durchschnittliche Lebensdauer weiterführen, dann würde das bedeuten, dass ein Mensch über die Dauer seiner Lebenszeit 10 hoch 9 bits oder einige hundert Megabytes an Erinnerung speichern könnte.“

Stabilität erhalten

Das ist nur eine Meinung unter vielen. Akzeptiert wird, dass weder die Anzahl der Neuronen noch die Größe des Gehirns irgendetwas an der Gedächtnisleistung eines Menschen ändert. Die Kunst, so Uwe Heinemann bestehe nur darin, die Stabilität der Informationsspeicherung im Nervensystem zu erhalten. Trotz der sich permanent ändernden Anzahl an Nervenzellen und der sich permanent ändernden synaptischen Verbindungen.

Vorstelllungen, wie sie Computerwissenschafter am Anfang plagten, dass man irgendwann einmal zuwenig Speicher zur Verfügung haben könnte, hält er aus menschlicher Sicht für Quatsch.

Mythos Elektronen-Gehirn

Genauso blödsinnig findet Heinz Zemanek die Vorstellung vom Elektronen-Gehirn. Ein Mythos, der auf nicht mehr als auf einem Missverständnis beruhe. In den 50er Jahren, als die ersten Bücher mit Titeln wie „Das Elektronengehirn“ und „Können Maschinen denken“ erschienen sind, dachte niemand ernsthaft daran den Computer mit dem Menschen zu vergleichen.

Derartige Formulierungen, so der Erbauer des Mailüfterls, wurden nur deswegen gewählt um darauf hinzuweisen, dass etwas ganz Großartiges auf die Menschheit zukommen werde.

Das Ö1-Magazin "matrix" widmet sich am Sonntag um 22.30 Uhr dem Konzept Speichern.

(matrix | Mariann Unterluggauer)