Musikindustrie will Nähe zur Politik
Die deutsche Musikwirtschaft sieht angesichts der schwachen Konjunktur und Einbußen durch illegale Kopien kein rasches Ende der Durststrecke.
In diesem Jahr werde der Tonträgerumsatz von zuletzt zwei Milliarden Euro um weitere 20 Prozent einbrechen. "Das ist ein Desaster", sagte der Vorsitzende der deutschen Phonoverbände, Gerd Gebhardt, vor dem Umzug seiner Organisationen am Montag nach Berlin. Auch 2004 sei erneut mit einem Minus zu rechnen. "Erst mittelfristig wird es wieder nach oben gehen." Preissenkungen seien kein geeignetes Rezept gegen CD-Kopien.
Lichtblicke für das Geschäft seien unter anderem die seit jeher kopiergeschützten Musik-DVDs, sagte Gebhardt. "In diesem Jahr werden wir einen Sprung von drei auf sechs Millionen Stück erreichen." Auch die im Frühsommer auf den Markt gebrachte Zwei-Track-Single sei gut gefragt. Wegen der Schäden durch verbotene Musikkopien sei aber selbst bei einer Konjunkturerholung nicht mit einer parallelen Belebung des Geschäfts mit CDs zu rechnen.
Mehr gebrannte als gekaufte CDs
"Das Interesse an Musik war noch nie so groß wie heute", sagte
Gebhardt. Das Ausmaß der Einbußen durch die Kopien sei aber
gewaltig. "Wenn wir nur ein Drittel der illegal gebrannten CDs in
den Läden verkauft hätten, würden wir das beste Geschäftsjahr aller
Zeiten schreiben." Allein im vergangenen Jahr seien 260 Millionen
CDs mit Musik gebrannt worden, während die CD-Branche 165 Millionen
Alben verkaufte.
Bundesverband der Phonographischen WirtschaftKeine Preissenkung in Deutschland
Deutsche Plattenfirmen müssten selbst entscheiden, ob sie es sich leisten könnten, die Preise wie Universal in den USA herabzusetzen. Betriebswirtschaftlich wäre dies aber "ein Wahnsinn", sagte Gebhardt. Die CD-Preise in Deutschland seien die niedrigsten in Europa. In den vergangenen Jahren seien sie real um 14 Prozent gesunken, während etwa Tickets für Kinos oder Konzerte teurer geworden seien. "Wenn man etwas kostenlos bekommen kann, ist aber anscheinend jeder Euro, der verlangt wird, zu teuer."
Um gegenzusteuern, werde die deutsche Musikbranche im Spätherbst ein zentrales Angebot für das legale Herunterladen von Songs aus dem Internet starten. Bessere Rahmenbedingungen biete zudem das kürzlich verabschiedete Urheberrecht. Es verbiete unter anderem Werbung und Verkauf von Computertechnik, die den Kopierschutz von CDs umgeht.
Engerer Kontakt zur Politik
Mit dem Umzug vom bisherigen Sitz in Hamburg nach Berlin wollten die Phonoverbände einen engeren Kontakt zur Politik suchen, sagte Gebhardt. Die Hauptstadt sei inzwischen Standort großer Musikfirmen und auch ein guter Ort für einen Neustart der wichtigsten Branchen- Messe Popkomm. Die Musiklandschaft werde aber weiter in der ganzen Bundesrepublik aktiv sein.
