RegisterFly umschwirrt die ICANN
Der umstrittene US-Registrar RegisterFly führt die Internet-Adressverwaltung ICANN weiter an der Nase herum. Die ICANN-Verantwortlichen fordern den geschassten Registrar nun in einem Fax dazu auf, die Daten der von ihm verwalteten Domains herauszugeben.
"Hör mit dem Blödsinn auf, Kevin", heißt es am Mittwoch im offiziellen Weblog der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers [ICANN]. "Nimm das Logo herunter und gib uns die Daten."
ICANN-Manager Paul Levin verweist in seinem Weblog-Eintrag auf ein Fax, das der Justiziar seiner Organisation, John O. Jeffrey, am Dienstag an RegisterFly-Chef Kevin Medina geschickt hat. Erst am Montag hatte sich das Plenum des ICANN-Meetings in Lissabon prominent mit dem Fall RegisterFly beschäftigt.
Informationen zurückgehalten
Die ICANN wirft RegisterFly unter anderem vor, zahlreichen Kunden, die mit ihren Domains zu einem anderen Registrar umziehen wollten, für den Transfer notwendige Daten vorenthalten zu haben. RegisterFly verstieß damit wiederholt gegen das Registrar Accreditation Agreement, also die Vorschriften, die das Verhältnis von ICANN zu den Registraren regeln.
Laut diesen Regeln muss ein Registrar einem umzugswilligen Domain-Inhaber innerhalb von fünf Werktagen die zum Umzug benötigten Daten aushändigen.
Betroffen sollen, so die ICANN in ihrem "Fact-Sheet" zur Affäre, immerhin 100.000 Kunden sein. Hunderte, ja Tausende Domains seien bei RegisterFly verloren gegangen. Insgesamt verwaltet RegisterFly um die 850.000 Domains.
Beispiele der Verstöße von RegisterFly gegen die Regeln der ICANN in einem Schreiben an RegisterFly vom 21. Februar 2007.
Falsche Daten geschickt
2006 trafen sich Abordnungen der ICANN nach zahlreichen Beschwerden betroffener Domain-Inhaber mehrmals mit dem Management von RegisterFly. Dabei wurde die ICANN ständig hingehalten. Am 5. März 2007 übermittelte RegisterFly schließlich, wie von der ICANN gefordert, eine Liste mit den Daten der Domains.
Diese Liste stellte sich jedoch als unvollständig heraus und die ICANN entzog RegisterFly am 16. März die Akkreditierung als offizieller Registrar mit der Aufforderung, bis zum 31. März alle zum Transfer sämtlicher Kunden-Domains notwendigen Daten herauszugeben.
Logo nicht entfernt
Am 23. März schickte RegisterFly abermals ein .csv-File an die ICANN - nach Angaben der Organisation unterschied es sich nicht von der bereits als unzureichend bezeichneten Datei vom 5. März. Auch das ICANN-Partnerlogo hat RegisterFly bisher nicht von seiner Website entfernt.
Die ICANN fordert RegisterFly in dem am Mittwoch von ihr veröffentlichten Fax auf, das sofort zu ändern. Sie weist das Unternehmen nochmals darauf hin, dass der Vertrag mit der ICANN nun aufgelöst sei. Bisher schreiben allerdings weder ICANN-Justiziar Jeffrey noch Manager Levin, welche konkreten rechtlichen Schritte die Adressverwaltung als nächstes gegen den renitenten Registrar einleiten wird.
Immerhin befindet sich RegisterFly noch auf der offiziellen Liste der von ICANN akkreditierten Registrare.
Frustrierte User
Die Antworten auf Levins wütendes Posting im ICANN-Weblog zeigen, dass einige User das Vertrauen in die Internet-Adressverwaltung verloren haben. "Dieses Posting ist vollkommen lächerlich", schreibt ein User. "Es hört sich an wie jemand, der gerade versucht, einen Dieb davon abzuhalten, die alte Oma von nebenan auszurauben: Bitte sei kein böser Junge, lass die Oma in Frieden!" Die Netzgemeinde habe ein Recht darauf zu erfahren, welche konkreten Mittel die ICANN gegen RegisterFly und Medina in der Hand habe.
Schlampige Akkreditierung
Kurt Pritz, Senior Vice President Services bei der ICANN, stellte anlässlich der Diskussion über den Fall RegisterFly am Montag in Lissabon sogar fest, dass RegisterFly nie von der ICANN offiziell akkreditiert worden sei. RegisterFly habe die Akkreditierung einfach mit einer anderen Firma gekauft.
Die Zeit drängt
Jon Nevett, Vertreter der Registrare, schlug vor, dass die ICANN Prozeduren zur Einhaltung der Regeln [Compliance] zwischen ICANN und den Registraren durchsetzen sollte. Auch solle es einen Standard geben, nach dem die Registrare alle wichtigen Daten bei der ICANN für solche Fälle wie RegisterFly hinterlegen könnten. Tim Ruiz vom US-Registrar GoDaddy sekundierte ihm: "Was wir vor allem wollen, sind Compliance und Datenhinterlegung."
ICANN-Chef Vint Cerf machte vor allem den Eindruck, als würde er vermeiden wollen, dass auf seine kleine Organisation allzu viel Arbeit zukomme. Gerade weil das Internet über eine sehr lange Zeit hinweg mit jeder Menge Good Will von wohlmeinenden Experten im gegenseitigen Vertrauen reguliert wurde, fehlen jetzt die Werkzeuge, Problemfälle wie RegisterFly ernsthaft anzugehen.
Diese Werkzeuge müssen nun schleunigst geschaffen werden. Wie Stephen Crocker, Vorsitzender des Security and Stability Advisory Committee [SSAC] der ICANN, in Lissabon anmerkte, hat die ICANN "keine Ahnung von den Fehlern, Ausfällen und vom Missbrauch" des Domain-Systems, "die tatsächlich stattfinden".
(futurezone | Günter Hack)
