Film 2.0
Filmemachen im und mit Hilfe des Internets: Fünf Oberösterreicher zeigen vor, wie einfach Filmemachen heutzutage geworden ist. Ihre Krimiserie "Paradise Island" haben sie mit digitalem Equipment gedreht und ausschließlich online veröffentlicht.
Im September 2003 war Großbritannien Schauplatz eines filmischen Pionierprojekts: Der mit einer DV-Kamera gedrehte Low-Budget-Thriller "This Is Not A Love Song" aus der Feder des "The Full Monty"-Drehbuchautors Simon Beaufoy lief zeitgleich in drei Kinos und im Internet an, wo er als Stream und als Download angeboten wurde.
In Linz beginnt's
Doch nicht nur in Großbritannien experimentieren Filmemacher mit dem Medium Internet, auch in Österreich wird diesbezüglich Pionierarbeit geleistet. Genauer gesagt in Linz.
Und zwar von einer Gruppe junger Filmschaffender, die dort eine Krimiserie mit dem Titel "Paradise Island" produzierte und sie anschließend online veröffentlichte.
"Paradise Island" ist halb Hommage an, halb Parodie auf Krimiserien unter Palmen a la "Magnum" und "Tropical Heat". Die Idee dazu war bereits Anfang der 90er Jahre entstanden, als der Linzer Kunststudent Alexander Hölzl bei einem Urlaub in Mexiko auf den Drehbuchautor der US-Krimiserie "Tropical Heat" traf.
Aber erst mit dem Aufkommen von Internet und vor allem Breitbandinternet sah Hölzl die Chance, seine Idee auch umzusetzen.
Vier bis sieben Minuten lang
Ende 2005 begann Hölzl damit, sein Drehbuch speziell an die Erfordernisse des Mediums Internet anzupassen: "Internet-User haben die Angewohnheit, dass sie nicht eine Stunde dort sitzen und ein Video anschauen, sondern ein Video hat im Internet eine logische Länge von circa vier bis sieben Minuten, damit es für den User interessant und ansehbar ist.
Und so hat sich das Konzept von 'Paradise Island' angeboten, weil es auf amerikanischen Krimiserien basiert, wo ebenfalls alle vier bis sechs Minuten eine Werbeunterbrechung ist, die meistens mit einem Cliffhanger endet."
Drehort Mexiko
Gedreht wurde die Online-Serie dann 2006 in Mexiko - 20 Tage lang war Hölzl mit einer Crew von sechs Leuten vor Ort und drehte zwölf Stunden am Tag, sechs Tage die Woche.
Bei den Mitwirkenden vor der Kamera handelte es sich um eine Mischung aus ausgebildeten Schauspielern und Amateuren, allen voran Alexander Hölzl, der nicht nur Drehbuchautor und Regisseur, sondern auch Hauptdarsteller von "Paradise Island" ist. Auch bei der Auswahl anderer Laiendarsteller setzte man auf das Medium Internet - über Event-Portale lud man User zum Casting ein.
35.000 Euro Kosten
Seit Anfang Februar läuft die Online-Krimiserie, deren Produktion 35.000 Euro kostete, mit beachtlichem Erfolg: Die "Paradise Island"-Website verzeichnet über 500 Views am Tag, um die 300 User sind es täglich, die sich einzelne Episoden der Serie ansehen.
Ab April wird man die zehn Folgen umfassende erste Staffel auch auf DVD erwerben können und ab 2008 soll online die zweite Staffel zu sehen sein.
"Plugin Cinema"
Die englische Filmemacherin und Medientheoretikerin Ana Kronschnabl beschäftigt sich bereits seit mehr als einem Jahrzehnt mit den Möglichkeiten des Filmemachens im Internet. 2004 veröffentlichte sie mit dem Buch "Plug In Turn On" einen Leitfaden zum Filmemachen im Internet, bereits 2001 hatte sie ein Manifest veröffentlicht, das Feststellungen und Forderungen wie "Filme im Internet dürfen eine beliebige Erzählstruktur haben und sich an ein Nischenpublikum richten" und "Filmemacher und Software-Experten sollten mehr zusammenarbeiten" enthielt.
Viele der Feststellungen und Forderungen in diesem Manifest sind durch den technischen Fortschritt obsolet geworden oder haben in Online-Videoplattformen wie YouTube konkrete Gestalt angenommen. Ana Kronschnabls "Plugin Cinema"-Website ist allerdings bis heute eine Anlaufstelle für alle am Thema "Filmemachen und Internet" Interessierten geblieben.
Mehr dazu heute um 22.30 Uhr in "matrix" in Ö1
Interviews mit Ana Kronschnabl und den Machern der österreichischen Online-Serie "Paradise Island" sind Sonntagabend in "matrix" zu hören. Ebenfalls zu Wort kommt in der Sendung der englische Filmemacher Matt Hanson, der über sein nach dem Open-Source-Prinzip entstehendes Filmprojekt "A Swarm of Angels" berichtet.
(Richard Brem)
