Der interaktive Popstar
Im Video zu "Something Beautiful", der aktuellen Single von Robbie Williams, ist Robbie himself bis auf einen kurzen Auftritt am Schluss gar nicht zu sehen. Das Video stellt statt dessen die Fans von Robbie Williams in den Mittelpunkt und zeigt, wie sie an einem Robbie Williams-Doppelgänger-Wettbewerb teilnehmen - ein ironischer Seitenhieb auf Fernsehformate wie "Pop Idol", "Deutschland sucht den Superstar" oder "Starmania".
Casting und Ausscheidungsverfahren bei der Wahl des besten Robbie Williams-Nachahmers verliefen dabei exakt nach dem Vorbild der genannten Sendungen. Übrig blieben schließlich drei Finalisten, die sich am Ende des Videos dem Publikum zur Abstimmung stellten.
Zusätzlicher Content auf Knopfdruck
Die Robbie-Fans konnten dann eine Woche lang daheim vor den
Bildschirmen ihren Liebling unter den drei Finalisten und damit
eines drei möglichen Enden des Videos auswählen. Die Interaktivtät
beschränkte sich dabei allerdings nicht auf die Möglichkeit der
Stimmabgabe, sondern hieß im konkreten Fall auch, dass jedes Mal,
wenn das Robbie-Video auf MTV lief, auf Knopfdruck zusätzlicher
Content abgerufen werden konnte. Allerdings nur von Zusehern, die
Digitalfernsehen haben und somit Zugriff auf "Peep", den digitalen
Zusatzkanal von MTV.
Das Robbie Williams-Video
Peep MTVDas Konzept "i-Video"
Entwickelt wurde das Konzept zu dem interaktiven Video von Eric Winbolt, dem New Media-Chef der Plattenfirma EMI in London. Das Video zu "Something Beautiful" von Robbie Williams war allerdings nicht das erste interaktive Video. Bereits im Frühjahr hat Eric Winbolt ein sogenanntes "i-Video" für die englische Rockband "Hell is for Heroes" produzieren lassen.
Wer Zugang zu den digitalen Kanälen von MTV und SKY hatte, konnte während das Video lief etwa das Passwort für eine spezielle "Hell is for Heroes"-Website sowie eine SMS-Nummer in Erfahrung bringen, über die man sich ein "Hell is for Heroes"-Logo auf sein Handy schicken lassen konnte. Darüber hinaus konnte man den Songtext lesen und eine handsignierte Gitarre gewinnen.
Mißtrauen gegenüber Marketing
Eric Winbolt glaubt, dass sich über diese Form von zusätzlichen
und interaktiv abrufbaren Bonus-Inhalten auch das angespannte
Verhältnis zwischen Plattenfirmen und Musikfans bzw. Konsumenten neu
gestalten läßt: "Unser Zielpublikum ist extrem mißtrauisch gegenüber
Marketing und mag es nicht, von uns bevormundet zu werden. Daher
haben wir uns entschieden, die Zuseher selbst den Content entdecken
zu lassen, weil sie dadurch eine engere Beziehung dazu bekommen.
Indem sie selbst aktiv werden, bekommen sie Zugang zu einem Haufen
Bonus-Content."
Hell is for Heroes-WebsiteLehren aus dem Napster-Desaster
Dass große Plattenfirmen wie EMI jetzt so intensiv mit neuen Technologien und neuen Medien wie interaktivem Digitalfernsehen experimentieren, ist einfach erklärt: Man möchte nicht den Fehler wiederholen und wie bei Napster von der technischen Entwicklung überrascht und überrannt werden.
Für Eric Winbolt ist es wichtig, dass die Musikindustrie in Hinkunft nicht mehr nur reaktiv, sondern proaktiv ist und die Entwicklung und Anwendung der neuen Technologien beeinflusst und kreativ mitgestaltet.
Eric Winbolt im Interview
"Hinter all den Entwicklungen, die wir im Moment miterleben,
steckt eine sehr positive Botschaft und die lautet, dass Menschen
heute mehr Musik konsumieren als jemals zuvor. Unser Problem ist es,
dass wir diese Entwicklung für uns nutzbar machen und auch eine
Verteilungsgerechtigkeit sicherstellen müssen. Aus diesem Grund
müssen das Urheberrecht weiterhin respekiert und die Künstler für
ihre Leistungen auch bezahlt werden. Im Moment bilden sich in diesem
Zusammenhang erste Strukturen heraus, am erfolgreichsten ist sicher
der Download-Service iTunes von Apple, der uns hier einen möglichen
Ausweg aufzeigt."
iTunesHeute 22:30 im Ö1-Magazin matrix
Mehr über das Thema "i-Video" und über die Zukunft der
Musikindustrie im Zeitalter der digitalen Reproduzierbarkeit verrät
Eric Winbolt in einem Interview, das Richard Brem mit ihm in London
geführt hat. Zu hören heute Abend in
matrix - computer & neue medien
