10.08.2003

CHAOS CAMP

Die letzte Nacht des Raumbahnhofs

Die als "psychedelic night" ausgerufene Nacht auf Sonntag war wie alle anderen Nächte durchflirrt von Lasern und anderen wunderlichen Lichtern und dem verhaltenen Pulsieren von Rhythmen, einmal von ferner her, dann wieder nah. Des Nachts verwandelte sich das Chaos Computer Camp nämlich in einen Raumbahnhof aus Licht, so hatten es seine Architekten auch intendiert.

Im "Nerd-Schleuder" genannten Gyroskop wirbelten die Leute Tag und Nacht um ihre Körperachsen, tagsüber wurden spätmittelalterliche Wettbewerbe in Schwert- und Keulenkampf ausgefochten. Während in den beiden Congress-Zelten am Sonntag noch immer hochklassige technische Vorträge gehalten wurden, lief im Hackcenter daneben ein Kinderwettbewerb mit Lego-Kampfrobotern.

Tim Pritlove, der innerhalb des CCC unter anderem für die schönen Künste zuständig ist, sieht das Camp denn auch als eine Art Gesamtkunstwerk.

Wiederholung schwer möglich

Dass sich das Ganze nicht so schnell wiederholen kann, wird bei einem Rundgang über das weite Campgelände ziemlich schnell verständlich.

Von der eigenen Radiostation "Subether" über ein lokales DECT-Telefoniennetz bis zum vorzüglichen Thai-"Soulfood", das offenbar hart am Gestehungspreis veräußert wurde, liefert man für alle Sinnebenen der Conditio Humana autonom Produziertes mit dem erkennbaren Willen zur Qualität.

Hier wurde eine komplette Polis mit Gymnasien und Amphitheatern aus Zelten in den Sand der Mark Brandenburg gesetzt, ein Treffpunkt für den lebendigsten Teil der europäischen IT-Intelligenzija, über den nun die letzte Nacht herunterbricht.

Wie es dem einsamen Win-Notebook erging

Was die Gefährlichkeit dieser Veranstaltung betrifft, die im Ganzen so gar nicht chaotisch verlaufen ist, sondern dem Deutschland anhängigen Klischee entsprechend und nachgerade ordentlich, nur so viel:

Als gefährlichster Zwischenfall bei diesem an Alkoholleichen absolut armen Groß-Event erwies sich eine Windhose, die ein Zelt und zwei Schlafsäcke himmelwärts entführte.

Das einsame Windows-Notebook hat den Tauchgang im Haifischbecken wenigstens bis jetzt unbeschadet überlebt. Während des tagelangen Betriebs in einem Hackernetz wurde es nicht einmal ernsthaft angegriffen. Für [halbwegs] sichere Kommunikation mit der Außenwelt wiederum sorgte der brave Putty, der einen Tunnel zu einem Wiener Linux-Server grub.