YouTube & Co.: "Alles schon da gewesen"

02.03.2007

Helmut Thoma, Medienberater und ehemaliger Chef des TV-Senders RTL, kann auf Online-Videoplattformen wie YouTube nicht viel Neues erkennen: "'American Funniest Home Videos' hat es auch früher schon gegeben", sagt er im Gespräch mit ORF.at.

Die Unterscheidung zwischen TV und Computer werde sich in Zukunft erledigen, sagte Thoma am Donnerstag beim E-Day der Wirtschaftskammer Österreich [WKÖ], bei dem er als Keynote-Speaker auftrat: "Woher die Inhalte kommen, wird niemanden mehr interessieren. Sie müssen nur gut sein, über die Technik wird keiner mehr reden."

Mit ORF.at sprach Thoma im Anschluss an seinen Vortrag über das Fernsehen der Zukunft und den Hype um nutzergenerierte Inhalte.

Unter dem Motto "IT-Wellness für Unternehmen" wurde am Donnerstag bereits zum achten Mal der E-Day der Wirtschaftskammer Österreich abgehalten.

ORF.at: Auf YouTube und ähnlichen Plattformen machen plötzlich die Nutzer Programm. Wie wirkt sich das auf das konventionelle Fernsehen aus?

Thoma: Das ist doch alles schon da gewesen. Ich meine, Sendungen wie "American Funniest Home Videos" hat es schon gegeben, als Videokameras für eine breite Masse verfügbar waren.

Damals wurden die Videos eben per Post an die Fernsehsender geschickt. Das waren aber im Grunde genommen auch die Hoppalas, die Schadenfreude anregenden Dinge. Was jetzt dazugekommen ist, ist ein bisschen eine Promotionmöglichkeit für junge Künstler und Bands.

Das Thema User-generierter Content beschäftigt derzeit auch den Unterhaltungskonzern Disney. In einem Interview bedauerte CEO Robert Iger, dass sein Unternehmen nicht zuerst darauf gekommen ist, Inhalte, wie sie in der Sendung "America's Funniest Home Videos" auf dem Disney-Sender ABC seit 1989 zu sehen sind, auch für das Web aufzubereiten.

Thoma: Es gibt also noch Zusatzanwendungen, aber das, was da kommt, von dem darf man sich keine Wunder erwarten, das ist sehr menschlich und ist halt in einer anderen technischen Form, und jetzt entsteht ein Riesen-Hype, als ob das eine gewaltige Neuentwicklung wäre.

Das wird aber weder das Fernsehen ablösen noch sonst etwas. Ich würde sagen, es ist eine Ergänzung und auf Dauer sogar nur eine Ergänzung am Rande. Hypes vergehen schnell wieder und bekommen auch selten die Bedeutung die man ihnen anfangs zubilligt. Allerdings verschwinden sie auch nicht wieder total.

Das Bemerkenswerteste an YouTube ist der Preis, den Google bereit war, dafür zu bezahlen.

Vergangenen Oktober kaufte Google die Online-Videoplattform für ür 1,65 Milliarden Dollar [1,31 Milliarden Euro] in Aktien.

ORF.at: Wie werden die Programme der Zukunft aussehen?

Thoma: Grundsätzlich werden sie sich nicht viel vom jetzigen Fernsehen unterscheiden. Die bestehenden Programme werden im Großen und Ganzen weiterleben.

Daneben wird sich allerdings eine ungeheure Vielfalt von Zusatzprogrammen entfalten, es wird auch interaktive Nutzungen wie zum Beispiel YouTube, MySpace oder in Deutschland MyVideo geben und auch virtuelle Spiele.

All dies wird in einem Riesen-Universum vorhanden sein und dem Nutzer auf seinem Display zu Hause zur Verfügung stehen.

ORF.at: Traditionelle TV-Sender werden an Bedeutung verlieren?

Ja, die Marktanteile werden stark zurückgehen. Aber das ist auch heute schon der Fall. Wenn Sie in Deutschland schauen, da haben die großen Zwei, also ARD und ZDF, selbst in einem Jahr mit Fußball-WM nur noch 14 Prozent Marktanteil. In den USA haben die drei Großen - ABC, CBS und NBC - zusammen nur noch knapp 30 Prozent Marktanteil und das wird weiter nach unten gehen.

So wie wir heute in Deutschland etwa 3.000 Zeitschriftentitel haben, wird es eine sehr große Zahl von - wenn man so will - "Fernsehtiteln" geben, die aber teilweise gar nichts mehr mit dem konventionellen Fernsehen zu tun haben werden. Aber sie werden sich auch auf den Fernsehschirmen abspielen.

Aber wenn man den Menschen betrachtet, der vor solchen Geräten sitzt, bleibt Platz für konventionelle Programme. In welcher Zahl, weiß ich nicht, aber die Leute wollen sich auch weiterhin zurücklehnen und etwas Fertiges zur Kenntnis nehmen. Es will nicht jeder alles selber zusammenstellen, auch wenn es technisch möglich ist.

ORF.at: Wie wird sich das Handy als TV-Gerät entwickeln?

Thoma: Solange die Displays so klein sind wie jetzt, wird sich sicherlich niemand "Vom Winde verweht" am Handy ansehen.

Aber für kurze Sequenzen, etwa Tore aus Fußballspielen und Ähnliches, und bei einer besseren Darstellung werden wir möglicherweise auch Informations- und Quizsendungen am Handy sehen. Aber das ist ein Zusatznutzen des Gerätes. Das ist aber nichts, was die Nutzung zu Hause vom großen Display, auf dem ich mir alles holen kann, ersetzen wird.

Die Einführung von TV auf dem Handy - über den Standard DVB-H - soll in Österreich heuer vorangetrieben werden. Die Plattform mobile tv austria startet erste Feldversuche. Bis zur Fußball-EM 2008 sollen TV-Services auf dem Handy in allen Landeshauptstädten verfügbar sein.

(futurezone | Patrick Dax)