Der Siegeszug der Vektoren
Wie computergestützten Techniken der Vektorisierung und Rotoskopie Zeichentrickfilm und Grafikdesign revolutionieren, heute um 22:30 Uhr in "matrix".
In den vergangenen Monaten haben die Science-Fiction-Filme "Renaissance" und "A Scanner Darkly" für Aufsehen gesorgt.
Beide Filme wurden mittels der so genannten Rotoskopie-Technik produziert, das heißt: Sie wurden zuerst ganz normal mit realen Schauspielern gedreht und das Filmmaterial wurde nachträglich digital so bearbeitet, dass sie wie Zeichentrickfilme wirken.
Das Prinzip der Rotoskopie wurde bereits 1914 von dem aus Österreich stammenden Zeichentrick-Pionier Max Fleischer entwickelt, gelangt nun aber mit Hilfe digitaler Technologien zu einer neuen Hochblüte.
Renaissance der Rotoskopie
In der Frühzeit des Films wurde jeder einzelne Frame eines Filmstreifens auf eine Scheibe aus mattem Glas projiziert oder auf eine von unten beleuchtete Glasbox gelegt, wo sie der Animator dann abzeichnete bzw. nach seinen Vorstellungen umgestaltete.
Heutzutage gibt es dafür entsprechende Tools und Software-Programme, die den Animatoren die Arbeit erleichtern.
Zwar ist bei dieser Arbeit immer noch sehr viel Handarbeit und handwerkliches Geschick vonnöten, aber es gibt ein spezielles digitales Tablett, auf dem gearbeitet wird und das einen großen Teil der digitalen Pinselstriche automatisch berechnet - und zwar mittels so genannter Vektoranimation.
Pixel versus Vektoren
Die Vektorisierung kommt nicht nur bei der Rotoskopie zum Einsatz, sondern spielt auch im Grafikdesign eine immer wichtigere Rolle.
Während bei Pixelgrafiken jeder einzelne Bildpunkt [Pixel] abgespeichert wird, so ist es bei Vektorgrafiken nur eine Beschreibung des Bildes. Es wird zum Beispiel keine ganze Linie abgespeichert, sondern es werden nur einzelne, essenzielle Punkte auf dieser Linie und ihr Verhältnis zueinander sowie Informationen zur Farbe definiert.
Dadurch schrumpft zum einen die Datengröße und zum anderen werden Vektorgrafiken dadurch auch beliebig skalierbar. Das heißt: Eine Vektorgrafik lässt sich nach Belieben verkleinern oder vergrößern, während die aus Pixeln bestehenden Rastergrafiken dabei ihre Form verlieren und "auspixeln".
Auch viele Schriften am Computer basieren auf Vektoren - aus diesem Grund lässt sich auch die Schriftgröße verändern, ohne dass es zu Qualitätsverlusten in der Darstellung der Schrift am Bildschirm oder beim Ausdrucken kommt.
Vektorgrafik bei Apples iPod
Die wohl bekanntesten Vektorgrafiken der Welt finden sich in der Werbung für den Apple iPod. Die Darstellung von Menschen und Gegenständen in silhouettierter Form ist derzeit aber auch über den iPod hinaus groß in Mode - man findet sie auf unzähligen Plakaten und Flyern und in Werbespots und Musikvideos.
Ein Vorreiter auf dem Gebiet der Vektorisierung und Silhouettierung ist der gebürtige Salzburger Stefan Gandl, der in Berlin die Multimedia- und Designagentur "Neubau Berlin" betreibt. Über das Vektorisieren von Bildern am Computer sagt Gandl:
Ein Baum = 86.000 Ankerpunkte
"Man setzt, wenn man sich ein Bild bzw. ein Foto als Vorlage nimmt, Punkt für Punkt mit einem Werkzeug die Außenlinien dieses Bildes nach und versucht dabei, so wenig Ankerpunkte wie möglich zu verwenden, damit die Ökonomie gewährleistet bleibt, gleichzeitig aber auch eine ausreichende Zahl an Ankerpunkte, damit maximaler Ausdruck verliehen wird."
Dabei verwendet Stefan Gandl keine "Auto-Tracing"-Software, sondern setzt jeden einzelnen Punkt mit der Hand - und im Falle eines vektorisierten Baumes sind das immerhin 86.000 Ankerpunkte.
"Neubau Welt" aus 1.247 Vektorillustrationen
Am Anfang seines Projekts "Neubau Welt" stand eine poetische Idee: Stefan Gandl wollte alles in seiner Umgebung in Vektoren, in Silhouetten verwandeln: Die Topfplanzen in seinem Büro ebenso wie die Käfer am Fensterbrett, die Bäume vor dem Fenster und die Menschen und Autos und Baumaschinen unten auf der Straße sowieso.
Drei Jahre, von 2002 bis 2005, dauerten die Arbeiten am Projekt "Neubau Welt". Auf sechs Mann und eine Frau war das Team um Stefan Gandl in der Schlussphase des Projekts angewachsen, das gemeinsam 1.247 Vektorillustrationen von Figuren, Gegenständen, Gebäuden, Lebewesen anfertigte und unter dem Titel "Neubau Welt" auch in Buchform veröffentlichte.
Mehr dazu heute um 22:30 Uhr in "matrix" auf Ö1.
Ab Sonntag 22:30 Uhr steht "matrix - Computer & Neue Medien" für Ö1-Club-Mitglieder auch zum Download bereit.
Dem Buch lag auch eine CD mit allen 1.247 Vektorillustrationen bei, die Grafikern und Designern eine Weiterverwendung und auch Adaptierung der nach dem Open-Source-Prinzip veränderbaren Vektorgrafiken ermöglichen sollten. Ein Angebot, von dem Grafiker und Designer gerne Gebrauch machen, denn Vektorgrafiken von "Neubau Welt" tauchen nicht nur auf zahlreichen Werbeplakaten, sondern etwa auch im Musikvideo zum Robbie-Williams-Song "Rudebox" auf.
(Richard Brem)
