Wiki-Mitgründer werkt an Expertenlexikon

"matrix-forum"
21.01.2007

Bei der Online-Enzyklopädie "Citizendium" sollen Wissenschaftler die Beiträge verfassen.

Die Idee zu "Citizendium - das citizens compendium of everything" stammt eigentlich aus dem Jahr 2000. Damals wollte Larry Sanger "Nupedia" aufbauen, die erste freie Online-Enzyklopädie, als Geldgeber konnte er Jimmy Wales gewinnen. Der stellte damals nur eine Bedingung, er wollte, dass das Projekt offen für jeden ist.

Doch Sanger setzte auf Expertenkontrolle. Bis ein Artikel tatsächlich veröffentlicht wurde, mussten zahlreiche Hürden überwunden werden Und so schafften in einem Jahr nur 20 Artikel den Weg zur Veröffentlichung. Zu wenige für Jimmy Wales. Deshalb schlug Larry Sanger den Einsatz der Wiki-Software vor.

6. Geburtstag von Wikipedia

Am 15. Jänner 2001, also vor fast genau sechs Jahren ging Wikipedia erstmals online. Zur Freude von Jimmy Wales waren bereits nach einem halben Jahr mehrere tausend Artikel online und die selbst organisierte Textlawine ist bis heute nicht abgerissen.

Larry Sanger war mit dem Wikipedia-Wildwuchs nicht zufrieden. Die Wahl der Wiki-Software entpuppte sich als Todesurteil für die von ihm angestrebte Experten-Enzyklopädie und die Wege der beiden Wikipedia-Gründer trennten sich.

Wer diese Vorgeschichte kennt, dem kommt die Ideen zum neuen Citizendium-Projekt nicht ganz so neu vor.

Expertenlexikon

"In den jeweiligen Fachbereichen sollen Regeln aufgestellt werden, die für alle gelten", beschreibt Larry Sanger sein Konzept im Interview.

Ein weiterer Unterschied zur Wikipedia: Die Schreiberlinge müssen ihre Namen kundtun. Das anonyme Verfassen von Beiträgen wird nicht zugelassen.

"Es wird kein Bewerbungsverfahren für die Autoren, Bearbeiter und Lektoren geben. Die Leute müssen einfach ihre Credits angeben und darauf verweisen, warum sie für ein bestimmtes Fachgebiet Experten sind. Dann können sie ihre Privilegien als Autoren ausüben."

Link zum aktuellen Lebenslauf

Wer sich bei "Citizendium" einträgt, muss einen Link zu seinem aktuellen Lebenslauf angeben. Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser, so lautet anscheinend seine Devise. Was sich der Wikipedia-Abspalter davon erhofft?

"Ich will natürlich, dass die Artikel vertrauenswürdiger sind als bei Wikipedia. Ich wünsche mir, dass es der Ort wird, wo die Leute hingehen und die aktuellsten Informationen über ihre Fachgebiete eintragen und dass die Artikel so klar, so gut geschrieben und so gut strukturiert sind, wie nur möglich."

Viele Köche verderben den Brei

"Zuviele Köche verderben den Brei", so lässt sich Larry Sanger’s Kritik an Wikipedia vielleicht auf den Punkt bringen. Die kollaborative Arbeitsweise möchte er beibehalten. Der Zirkel der Schreibenden soll aber elitärer werden. "Der Grund dafür, dass bei Wikipedia nicht mehr Wissenschafter mitmachen, liegt darin, dass Wikipedia sie nicht wirklich würdigt. Citizendium hingegen wird das machen."

Das Citizendium-Pilotprojekt

Nicht durch Bezahlung. Aber durch mehr Sichtbarkeit, Kontrolle und Privilegien. Ob das Gelingen kann? Bislang steckt die Idee noch in der Pilotphase. Auf citizendium.org ist außer der Ankündigung des Projekts, nicht viel zu sehen.

Um an der Entwicklung teilzunehmen, muss man sich einloggen, was wiederum nur geladene Gäste können. Es wird versprochen, dass sich das bald ändern soll.

Doch wenn man weiss, dass Larry Sanger bereits seit September letzten Jahres die Werbetrommel rührt, klingt das wenig vertrauenswürdig.

Vielleicht liegt es doch am Modell, Wiki – wie der Name schon sagt – ist eben schneller, vielleicht, weil es mehr auf Vertrauen, als auf Kontrolle setzt.

22.30 Uhr im Ö1-Magazin "matrix"

Für den zweiten Beitrag suchte Janko Röttgers im grünen Kalifornien das Gespräch mit den neuen Online-Ökos. Vorbei sind die Zeiten von Jutebeutel, selbst gestrickten Woll-Pullovern und verrosteten Fahrrädern. Heute setzen Umweltschützer auf High-Tech, um Ressourcen zu schonen und die Welt zu retten.