Ein Cyberpunk im Gespräch
"Ich habe mir vor langer Zeit geschworen, dass ich im Jahr 2000, wenn das neue Millennium beginnt, alle meine bestehenden Vorstellungen von der Welt kritisch hinterfragen werde", so Bruce Sterling, der vor kurzem das Buch "Tomorrow Now. Envisioning the Next Fifty Years" veröffentlicht hat.
Bruce Sterling hat sieben Bereiche ausgewählt, in denen sich seiner Voraussage nach Umwälzungen vollziehen werden: Biotechnologie, Erziehung, Design, die militärische Bedrohungslage, Politik, Wirtschaft sowie eine weitere technologische Verlängerung des Lebensalters.
Sterling scheut sich dabei nicht, bestehende Wertvorstellungen und Konzepte radikal in Frage zu stellen. Im Bereich Gen- und Biotechnologie sieht er heute noch Vorstellungen vorherrschen, die davon ausgehen, menschliches Leben würde sich wie eine Computerfestplatte formatieren lassen.
Solchen Maschinenmetaphern gibt Sterling keine Zukunft. Er erwartet statt dessen eine Renaissance der menschlichen "Wetware" mit ihren Körpersäften, Sekreten, Samen, Viren, Bazillen und Mikroben. Die großen Durchbrüche und entstehenden Märkte erwartet Sterling auch nicht im Klonen, sondern im mikroskopischen Bereich, genauer gesagt: auf mikrobieller Ebene.
Cyberpunk & Zukunftsforscher
Bruce Sterling zählt, gemeinsam mit William Gibson, zu den
Gründervätern des "Cyberpunk". Neben Romanen und Kurzgeschichten hat
Sterling auch zahlreiche Aufsätze für die Zeitschrift "Wired"
geschrieben. In seinem neuen Non-Fiction-Buch "Tomorrow Now¿
versucht er sich - nicht ohne ironischen Unterton - als
Zukunftsforscher für die nächsten 50 Jahre.
Tomorrow NowSoll ich ihn googlen?
Bereits Anfang der 90er Jahre hat Bruce Sterling ein Sachbuch über die Jagd des FBI auf die Subkultur der Hacker veröffentlicht:"The Hacker Crackdown". Das Buch hatte den Untertitel: "Law and Disorder on the Electronic Frontier".
Sterling war auch lange Zeit ein Proponent der "Electronic Frontier Foundation", die sich für digitale Bürgerrechte und gegen die Überwachung und Regulierung des Internet durch den Staat engagiert. Vor diesem Hintergrund ist es etwas überraschend, dass Sterling in seinem neuen Buch eine pragmatische und alles andere als paranoide Einstellung zum Thema Überwachung hat.
"Interessanter als die Überwachung durch den Staat finde ich wenn sich Leute gegenseitig 'googlen', also mit Hilfe von Google ausspionieren", so Bruce Sterling.
"In den USA ist es heute fast üblich, dass sie jemanden, den sie auf einer Party kennenlernen zunächst mit Hilfe von Google überprüfen, bevor sie ihm oder ihr ihre Telefonnummer oder noch mehr geben. Überwachung findet dabei auf einer sehr unmittelbaren, physischen Ebene statt: Soll ich ihn küssen? Nun, ich werde ihn zuvor noch googlen."
Heute 22:30 im Ö1-Magazin matrix
Was Bruce Sterling über die neue "Weltunordnung", Al Kaida und
Microsoft zu sagen hat, hören Sie in matrix. Weiters steht ein
Resümee der "Linuxwochen 2003" am Programm.
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