So lebt die digitale Boheme

matrix-forum
14.01.2007

Sie nennen sich die digitale Boheme, betreiben Blogs und bieten von der Idee bis zur Pressearbeit fast alles an. Über die Arbeit jenseits der Festanstellung.

Holm Friebe und Sascha Lobo huldigen in ihrem Buch "Wir nennen es Arbeit - die digitale Boheme" dem intelligenten Leben jenseits der Festanstellung.

Das so genannte "Zentralbüro" in Berlin umfasst eine Veranstaltungsagentur, eine Presse- und Werbeagentur, eine Internet-Redaktion, Autoren und vieles mehr. Eine von vier Schreibtischinseln hat Holm Friebe inne.

Kommando, Kontrolle und Kommunikation - damit beschreibt Friebe seine Tätigkeit bei der Zentralen Intelligenz Agentur.

Zwischen Kunst und Kommerz

Die Zentrale Intelligenz Agentur (ZIA) bietet als virtuelle Redaktion Text und Lektorat an. Weiters Grafikdesign, Konzeption kreativer Ideen sowie das Brückenschlagen zwischen Kunst und Kommerz.

"Tarnkappenfirma"

Bachmannpreisträgerin Kathrin Passig war von Anfang an dabei, dem intelligenten Leben jenseits der Festanstellung eine Form zu geben.

In der Zentralen Intelligenz Agentur seien alle Vorteile einer Firma vereint. Die negativen Seiten klassischer Unternehmen wie beispielsweise örtliche und zeitliche Gebundenheit, also Unfreiheit, bleiben außen vor. Daher bezeichnen Lobo und Friebe die ZIA als eine "Tarnkappenfirma".

Anfangs hat die Zentrale Intelligenz Agentur von Auftragsarbeiten gelebt, Website-Entwicklung beispielsweise. Seit einem Jahr hat sich die ZIA von kommerziellen Auftraggebern verabschiedet. Die Geschäfte laufen gut.

Auftragsmaschine

Seit 2005 gibt es den kollaborativen Gegenwarts- und Zukunftsforschungs-Blog namens Riesenmaschine. Dieser Blog erfüllt mehr als nur Selbstzweck: Eine Seite des Berliner Stadtmagazins "Zitty" wird fix von der Riesenmaschine gefüllt.

Und das ist nur der Anfang. Die Riesenmaschine wurde zur Auftragsmaschine. Wer sich durch gute Beobachtungen, Eloquenz und Witz hervortut, wird belohnt. Etwa damit, in der "Süddeutschen Zeitung" publizieren zu dürfen.

Respekt als Altersvorsorge

Denn wer im Riesenmaschinen-Blog postet, bekommt Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist in einer Welt der Überinformation viel wert. Wer Aufmerksamkeit bekommt, kann die Währung Respekt verdienen.

Respekt bekommt man für persönliche Fähigkeiten wie Kreativität gezollt. Fähigkeiten, die Kollegen schätzen und Auftraggeber benötigen. Respekt ist wichtig, denn die digitalen Freiberufler sind von Aufträgen großer Firmen abhängig. Respekt schafft Kooperationen und kann, so Sascha Lobo, einen Teil der Altersvorsorge darstellen.

Der mit dem Grimme Online Award prämierte Weblog Riesenmaschine hat Sascha Lobo schon zahlreiche Aufträge von Werbeagenturen beschert. Die Riesenmaschine wirft aber auch direkt Geld ab. Indem beispielsweise bezahlte Artikel veröffentlicht werden, farblich unterlegt und somit als Anzeigen erkennbar.

Gute Zeiten also für die Berliner Selbstständigenszene. Aber die Zukunft ist unsicher und nicht jeder hält so viel Unsicherheit aus. Das Digitale-Boheme-Dasein ist nicht jedermanns Sache. Wer aber sein Hobby zum Beruf machen will, ist gut beraten, "Wir nennen es Arbeit" zu lesen.

Rosa Lyon berichtet im Ö1-Magazin "matrix" über das Digitale-Boheme-Dasein. Janko Röttgers berichtet zudem über das Phänomen der sozialen Interaktion auf Internet-Plattformen kommerzieller Online-Versandhäuser.