Cordwainer Smith: Spion in seiner eigenen Welt
Wenn der CIA-Agent und China-Kenner Paul Myron Anthony Linebarger etwas Auszeit vom schwierigen Geschäft der psychologischen Kriegsführung nehmen wollte, wechselte er in seine Schriftstellerpersönlichkeit Cordwainer Smith und brachte Texte zu Papier, die zum Feinsten gehören, was die SF-Literatur zu bieten hat. Marcus Hammerschmitt wirft einen Blick in Linebargers komplexes Paralleluniversum.
Wenn ein Autor nur relativ wenig hinterlassen hat, und man trotzdem kaum weiß, wo man bei der Beschreibung von Leben und Werk anfangen soll, dann ist das manchmal ein Qualitätsmerkmal. Georg Büchner fällt einem ein - obwohl der gerade in eine Phase der Vergessenheit einzutreten scheint - und Arthur Rimbaud.
Man weiß nicht, durchaus auch mal wegen Begeisterung nicht, wo anzusetzen wäre. Es ist auch etwas wie Ehrfurcht in diesem Zögern, und Ehrfurcht ist keine berufsqualifizierende Emotion für Kritiker. Büchner war Biologe, Revolutionär und Dichter. Rimbaud war Dichter, Krawallbruder, Geliebter von Paul Verlaine und Waffenhändler.
Zur Person:
Marcus Hammerschmitt, geboren 1967, ist Schriftsteller und Journalist. Einmal im Monat verfasst er für futurezone.ORF.at einen Bericht zum Zustand der Zukunft. Veröffentlichungen (Auswahl): Target (Suhrkamp 1998), Instant Nirwana (Aufbau 1999), Polyplay (Argument 2002), zuletzt: Der Fürst der Skorpione (Sauerländer 2007).
Agent in der eigenen Zone
Cordwainer Smith hieß nicht so, sondern Paul Myron Anthony Linebarger (1913 bis 1966), beherrschte sechs Sprachen fließend, war Spion, Professor für Soziologie und Asienkunde an der Hopkins-Universität, strenggläubiger Christ, der Patensohn des Mao-Gegners Sun Yat Sen, psychisch bedrängt und Science-Fiction-Autor - 33 Geschichten, anderthalb Romane. Gut, da gibt es auch noch zwei Thriller und das vergriffene Standardwerk zur psychologischen Kriegsführung. Aber der Kern der Sache sind die wenigen Sachen, die er der SF vermacht hat. Man darf vermuten: mit Hinterlist vermacht.
Wie die unbekannten Spender in "Picknick am Wegesrand", die die "Todeslampe" und die "Hexensülze" in der "Zone" zurückgelassen haben. Das SF-Werk von C. Smith mag schmal sein, aber es errichtet eine Zone. Und was für eine. Muss man gleich Namen wie Büchner und Rimbaud fallen lassen? Nun, es mag einigermaßen angemessen sein bei einem Mann, der das "Trunkene Schiff" gültig übersetzt hat. In die Science Fiction nämlich (seine Fassung heißt "Drunkboat"). Es ist das eine der gelungenen Übertragungen eines "hochliterarischen" Stoffs in die Science Fiction. Als Vergleich fällt die Verwandlung ein, die Ilias und Odyssee in Tad Williams' "Otherland" durchgemacht haben. Smith schreibt selbst zu seiner Übersetzung:
"'Drunkboat' befasst sich mit Leben und Erlebnissen von Arthur Rimbaud (1854 - 1891), dessen Hauptwerk das Gedicht 'Le bateau ivre' war. Das ist einer meiner kühnsten Versuche, etwas von der großen französischen Dichtung Menschen außerhalb Frankreichs nahe zu bringen. Ich hoffe sehr, dass Sie, wenn Ihnen meine Version gefällt, später einmal Rimbaud selbst lesen werden."
Ein Umriss der Zone
Man muss wissen, dass sich Linebarger/Smith dafür schämte, Science-Fiction-Autor zu sein. Dass er es trotzdem vermied, seine SF-Arbeiten durch bloßes intellektuelles Aufhübschen in trockenes Stroh oder epigonalen Quatsch zu verwandeln, gehört zu seinen größten Leistungen.
Wie sieht der Claim aus, den sich Smith absteckt? Er umfasst etwa 14.000 Jahre, die sich grob in verschiedene Epochen unterteilen lassen, denen wiederum bestimmte gesellschaftliche Umstände, technologische Entwicklungsstadien und daher auch einzelne der 33 Geschichten mehr oder weniger deutlich zugeordnet werden können.
Es ist weder machbar noch sehr nützlich, das hier im Einzelnen aufzuzählen, es seien nur ein paar Eckwerte genannt, um die man bei Smith einfach nicht herumkommt. Etwa 5.000 nach Christus beginnt die Herrschaft der "Instrumentalität der Menschheit", einer Superregierung interstellaren Ausmaßes, die die bewohnte Galaxie zusammenhält.
Reisen in der Zweidimensionalität
Die Instrumentalität taucht bereits in Smiths erster erhaltener Geschichte auf ("Scanners live in vain"), und sie ist nie fern in seinen Texten. Etwa um 6.000 wird der Planet Norstrilia besiedelt. 7.000 endet die Hegemonie Chinas auf der alten Erde, auf Norstrilia entdeckt man "Stroon", die "Santaclara-Droge": das Ticket der Menschheit zur Quasi-Unsterblichkeit.
Um 8.000 wird das "Planoformen" entdeckt: überlichtschnelle Fortbewegung in einer zweidimensionalen (!) Umgebung. Während vorher interstellare Entfernungen extrem mühsam durch Hibernation und Sonnensegelschiffe überwunden werden mussten, explodiert jetzt die Zahl der besiedelten Welten.
Zweitausend Jahre später kommen die Untermenschen in Mode: Tiere, denen man das Sprechen und Denken beigebracht hat, und die zunächst nichts weiter als Sklaven sind. Um 11.000 erscheinen die Daimoni auf der Bildfläche, humanoide Überwesen unbekannter Herkunft, die sich vor allem als Architekten unzerstörbarer Gebäude profilieren.
Um 16.000 beginnt die "Wiederentdeckung der Menschheit" ("Rediscovery of Man"), nicht eine Wiederentdeckung von Siedlern, die bei der Kolonisierung der Galaxie verlorengegangen waren, sondern eine Art verordnete Revolution, ein Putsch von oben, bei dem die Instrumentalität abgeschaffte Elemente der Condition humaine wieder in die allzu perfekte galaktische Gesellschaft einzuführen sucht: Risiko, Unsicherheit, Tod.
Damit war der Zeitkreis ausgeschritten, den sich Smith selbst zugemessen hatte. Linebargers eigener Tod im Jahre 1966 verhinderte die Ausführung einer Serie ("Lords of the afternoon"), die über diesen Zeitrahmen hinausgeht.
Spatzen als Attentäter
Der Claim misst auf der Zeitachse also gute 14.000 Jahre. Und Smith hat dort viel Gold gefördert. "Stroon", das kann nur auf Norstrilia "angebaut" werden, denn es ist das Stoffwechselprodukt eines Virus, der auf gigantischen, mehrere hundert Tonnen schweren Schafmutanten gedeiht. Der Planet verteidigt seine wertvollste (und einzige) Ressource mit den "klainen Katsen von Mutter Hudson", der bizarrsten Diebstahlsicherung, die mir in der Science Fiction je untergekommen ist: "C'mell", die Untermenschen-Katzenfrau, die die mächtige Instrumentalität überlistet, und dadurch die Emanzipation der Untermenschen einleitet.
Spatzen, die als Attentatswaffen eingesetzt werden, Helden, die in einer Welt von Telepathen mit ihrer Behinderung (der scheinbaren Unfähigkeit zur Telepathie) zurechtkommen müssen, usw. usf. Ich kann aus eigener Erfahrung berichten, dass es schwierig ist, tausend Jahre in die Zukunft hineinzuextrapolieren. An 14.000 Jahren hebt man sich gern einen Bruch.
Smith hatte damit nicht das geringste Problem, weil sein Geist so wendig mit kulturellen, sprachlichen und intellektuellen Bezüge spielte, dass er die Luftmaschen in den Plots elegant mit Atmosphäre, Psychologie, den wundersamen Erzählungen des alten Chinas und Anklängen an Alfred Döblins "Berge, Meere und Giganten" füllen kann. Ja, wirklich, Döblin, denn Smith verbrachte Teile seiner Kindheit in Deutschland und sprach Deutsch.
Photo Finish
Alle Elemente, die Linebargers Prosa so wunderbar machen, kann man auch woanders finden - die generelle Verdrehtheit zum Beispiel bei J. G. Ballard. Aber Ballard, der ansonsten mit Linebarger durchaus mithalten konnte, neigte zu einem verzweifelten Zynismus, und Linebarger war nicht naiv, aber alles andere als ein Zyniker.
Die pure Fabulierlust gibt es auch bei Charles Stross, aber Stross ist ein Nerd, der es nicht lassen kann, seine Leser mit Gadgets und Gimmicks zu erschlagen.
Den Mythos der zentralen Droge und die mit ihm assoziierten grotesken Lebens- und Gesellschaftsformen findet man auch bei Frank Herbert, aber Herbert erwies seinem ungeheuren Erstwerk "Dune" einen schlechten Dienst, indem er ihm fünf Sequels folgen ließ, die das Papier nicht wert sind, auf das sie gedruckt wurden.
Die galaktische Regierung findet sich in ähnlicher Form in der Kultur von Ian M. Banks, aber auch Banks schreibt zu viel. Die emanzipierten Menschtiere gibt es auch bei Dietmar Dath ("Abschaffung der Arten"), aber Dath übertreibt es manchmal mit dem Verdrehtsein.
Den großen teleologischen Wurf hat man auch bei Olaf Stapledon und Walter M. Miller, aber Stapledon war einer der größten Langweiler, den die Phantastik je hervorgebracht hat, und Miller hat nicht viel zu bieten außer dem teleologischen Wurf (man verzeihe mir die Zusammenveranlagung mit Stapledon, ich weiß, dass er der viel bessere Schriftsteller war).
Alles findet man auch woanders. Aber nicht zusammen, nicht so gut, und nicht so früh. Man kann davon ausgehen, dass Linebarger zentrale Konzepte seines großen Mythos Ende der 20er Jahre formte, zu einer Zeit, als die Science Fiction als Gattung gerade ihre ersten Gehversuche machte. Wenn ich mich zwischen einem Text von Smith, einem der großen Ballards und der Kurzgeschichtenversion von "Flowers for Algernon" (Daniel Keyes) entscheiden müsste, würde ich alle drei nehmen.
Politics are in vain
CIA-Agent, strenggläubiger Christ, Experte in psychologischer Kriegsführung: Man könnte befürchten, dass Smith einer der unglückseligen Autoren war, die unter einer dünnen narrativen Schicht Politik betreiben oder sich gar selber als Durchblicker mit Erlösungsanspruch ins Gespräch bringen. Aber es hieße, ihn grob zu unterschätzen, würde man ihn mit Typen vom Schlage eines Hubbard, Scott-Card, Pournelle und L. Neil Smith zusammenwürfeln. Alan C. Elms schreibt im Vorwort zu "Norstrilia":
"Er ist ungerechtfertigter Weise als 'rechts' charakterisiert worden (z. B. in der Enyzklopädie der Science Fiction von Clute/Nichols), und er genoss es tatsächlich, Freunde, die weiter nach links neigten, mit provozierenden Aussagen zu piesacken. Aber in einem US-amerikanischen Kontext fand er sich meistens zwischen den gemäßigten Republikanern und den gemäßigten Demokraten wieder, eine Position, die er mit einer heftigen Dosis Pragmatismus in Bezug auf bestimmte Fragen der Staatspolitik anreicherte. Linebarger war mit einem starken Glauben an die Größe und Bedeutung Sun Yat-Sens aufgewachsen - sein Vater hatte für den chinesischen Politiker gearbeitet - und er zog Chiang Kai Chek Mao Tse Tung immer vor. Linebarger und seine Familie unterhielten enge persönliche Verbindungen zu Sun, Chiang und anderen führenden Mitgliedern der Kuomintang. Aber Kollegen und frühere Studenten bezeugen, dass er gegenüber der Korruptheit der nationalchinesischen Regierung in Taiwan nicht blind war. Seine wirkliche Sorge galt nicht dieser Regierung, sondern dem Wohlergehen des chinesischen Volkes. In 'Norstrilia' hat Linebarger großen Spaß daran, Beispiele für interplanetare Realpolitik zu ersinnen und seine Erfahrung in psychologischer Kriegsführung unter Beweis zu stellen. Aber seine wirkliche Liebe gilt den "Untermenschen", die nicht, wie manche vermutet haben, die Afroamerikaner im Kampf um ihre Bürgerrechte vertreten, sondern die chinesischen Massen auf ihrem steinigen Weg zu persönlicher und politischer Freiheit."
Klingt nicht nach einem klotzköpfigen Rechtsausleger? Ist er auch nicht. Es mag eine Schutzbehauptung sein, wenn seine Tochter schreibt, dass es ihm selbst bei seinen Forschungen zur psychologischen Kriegsführung immer darum gegangen sei, unnötiges Leiden zu verhindern, aber die Zärtlichkeit, mit der er sich den Untermenschen widmet, lässt das immerhin denkbar erscheinen. Dazu passt auch, dass er, der Asien-Kenner und Kennedy-Berater, einen weiten Bogen um den Vietnamkrieg gemacht hatte, weil er das US-Engagement dort für einen Fehler hielt.
Mir sind intelligente und empathiebegabte Konservative lieber als Ex-Maoisten, die Serbien bombardieren lassen und den Holocaust leugnen, weil ihnen die Weltrevolution abhandengekommen ist, aber der Geltungsdrang nicht. Das gilt für die Politik wie auch für die Literatur.
Linebargers Vermächtnis
Wie geht Amerika mit Cordwainer Smith um, der sich durchaus mit Edgar Allan Poe messen kann, was die erzählerische Kraft angeht. Etwas lieblos, vielleicht deshalb, weil Linebarger bereits 1966 im Alter von 53 Jahren an einem Herzinfarkt verstarb. Man kann froh sein, dass sein Bücher immer noch gedruckt werden, es gibt eine Cordwainer-Smith-Stiftung und ein T-Shirt, mit dem man sich zum Kreis der Eingeweihten zählen kann.
Das war's.
Und auf Deutsch? Ja, es gab da mal einen Band ("Herren im All") - zuerst bei Insel und dann in der "Phantastischen Bibliothek" bei Suhrkamp, die seitdem auch zum Teufel gefahren ist. Der große Rest kam verstreut irgendwann in irgendwelchen Anthologien, unter anderem auch in "Das große Katzen-Lesebuch der Fantasy" (hrsg v. Gardner/ Dozois, Goldmann 1993), du meine Güte. Und immerhin gibt es eine Seite bei dem SF-Portal epilog.de, die Zusammenfassungen aller seiner Werke bringt. Und dazu einen biografischen Abriss von Karlheinz Steinmüller.
Astronauten ohne Gefühle
Man muss ein bisschen suchen, dann findet man auch etwas zu lesen. Womit anfangen? Warum nicht mit "Scanners live in vain" ("Seher leben vergeblich"), der ersten relevanten veröffentlichten Geschichte Linebargers. "Seher leben vergeblich" handelt von nicht mehr ganz menschlichen Astronauten, die durch den "Habermann"-Prozess all ihrer Fähigkeiten zu authentischen Wahrnehmungen und Gefühlen beraubt wurden. Das deswegen, weil sie so den Schmerz nicht spüren, den ihnen anders die Leere des Weltraums verursachen würde.
So lebt in seinem Erstling eines der zentralen Themen, mit denen sich Smith zeitlebens herumschlug: das gestörte Verhältnis von Humanität und Apparat (übrigens auch sehr schön aufgehoben bereits in dem Begriff "Instrumentalität der Menschheit"). Er ist in dieser Gegenüberstellung angenehm vormodern, und kann so die falsche Verapparatisierung der Menschheit diskutieren, die ihn einst einem Publikum interessant machen wird, für das Cyborgs eine Realität sind. Oder Mischwesen aus Tieren und Menschen. Oder eine interstellare Regierung. Fangen Sie mit "Scanners live in vain" an. Oder mit irgendetwas anderem von Smith. Lesen Sie ihn. Es wird Ihnen nützen.
Rückschau
Die Rückschau geht diesmal sehr weit zurück, bis zu Lukian von Samosata (ca. 120 bis 180 n. Chr.). Die Frage, ob das, was er geschrieben hat, Science Fiction ist, ist ungefähr genau so interessant wie die, wer denn nun wirklich als Erster Amerika entdeckt hat - und sie ist auch genauso unentscheidbar.
Tatsache ist, dass er unter anderem eine Reise zum Jupiter beschreibt (mit verschiedenen Zwischenstationen, wie zum Beispiel dem Mond) und dass diese Beschreibungen in der Übersetzung von Christoph Martin Wieland sehr vergnüglich zu lesen sind. Wenn man sie als Science Fiction begreift, dann sind sie auch ein sehr frühes Beispiel für gelungene satirische Science Fiction, und davon gibt es ja nicht allzu viel.
Vorschau
China Mieville ist wieder da. Manch haben "Iron Council" (2005) und "Un Lun Dun" (2007) als Belege für ein Formtief begriffen, aber ich vermute, sie gehören zu denen, die Mieville nicht begreifen. Ich jedenfalls bin auf "The City and The City" genauspo gespannt wie auf jedes andere seiner Bücher bisher.
Und weil er anderen Genreautoren sowieso immer zwei Schritte voraus ist, kann er auch mit einem bereits erschienenen Buch hier in der Vorschau auftauchen. Demnächst mehr.
(Marcus Hammerschmitt)
