Der Traum vom digitalen Gedächtnis
Sein Leben zu dokumentieren und mit anderen zu teilen ist durch Plattformen wie Facebook und Twitter einfacher als je zuvor. Lifelogging ist aber mehr als Exhibitionismus im Web. Der Traum vom digitalen Erinnerungsspeicher, der dem fehleranfälligen Gehirn zur Seite steht, könnte schon bald Wirklichkeit werden.
Wer kennt es nicht, wenn im entscheidenden Moment das Gedächtnis versagt oder schöne Erinnerungen aus Jugendtagen immer mehr verblassen? "I'm losing my mind, I forget more and remember less", schreibt Gordon Bell im soeben erschienenen Buch "Total Recall". Bell ist 75 und arbeitet gemeinsam mit Jim Gemmel an Microsofts "MyLifeBits"-Projekt. MyLifeBits versucht, sämtliche Informationen, die ein Mensch in seinem Leben sammelt, in einer einzigen Datenbank zu vereinen.
Das beginnt bei Telefongesprächen und reicht über E-Mails bis hin zu eingescannten Dokumenten. Das Kernstück des Projekts stellt die mit Licht- und Wärmesensoren ausgestattete "SenseCam" dar, die autonom entscheiden kann, in welchen Situationen sie Fotos macht. Auch Geo-Tagging ist möglich. Ursprünglich für Alzheimerpatienten entwickelt, soll die Kamera Anfang nächsten Jahres auch für alle privaten Nutzer auf den Markt kommen.
Memory-Extender
Die Vision vom lückenlosen Erinnerungsspeicher ist allerdings nicht neu. Bereits 1945 entwarf der Atomwissenschaftler Vannervar Bush ein Konzept, bei dem mit Hilfe einer Stirnkamera und eines Analogcomputers das Leben des Benutzers auf Mikrofilm archiviert werden sollte.
Dieser "Memex" (Memory-Extender) prägte die Entwicklung des Lifelogging. Der Wearable-Computing-Pionier Steve Mann war einer der Ersten, die dieses Konzept in die Tat umsetzten. Seit den 1980er Jahren zeichnet er sein Leben mit tragbaren Kameras auf. Mobiltechnologie, digitale Kameras und nahezu unbegrenzter Speicherplatz lassen den Traum eines digitalen Gedächtnisses ein Stück näher rücken.
Fakten, Fakten, Fakten
Das menschliche Gehirn sei unvollkommen, ordne Erinnerungen falsch zu und verzerre sie, sagte Mitautor Gemmel bei der Präsentation von "Total Recall". Thad Starner von der Universität Georgia Tech setzt deshalb schon seit über zehn Jahren auf seinen "Rememberance-Agent", eine Software, die er mit einem tragbaren Computersystem gekoppelt hat. Durch ein kleines, an seiner Brille befestigtes Display hat Starner jederzeit Zugriff auf seine digitalen Erinnerungen. Das menschliche Gehirn könne vor allem Eindrücke speichern, was Fakten betrifft, sei der Computer jedoch unschlagbar, so Starner.
Gerade darin liegt eines der größten Probleme der digitalen Erinnerungsspeicher, in denen sich riesige Datenberge türmen: wie die Daten sortieren und darauf zugreifen? Vor allem Audiodateien und Videos stellen die Entwickler vor große Herausforderungen.
Am Sonntag in "matrix"
Den Radiobeitrag zu dem Thema hören Sie am Sonntag um 22.30 Uhr im Ö1-Netzkulturmagazin "matrix".
Sousveillance vs. Surveillance
Ein weiteres ungelöstes Problem ist der Datenschutz. Fotografieren ist nicht überall erlaubt, und die Bilder können Persönlichkeitsrechte verletzen, die Aufzeichnungen selbst in falsche Hände geraten und gegen den Nutzer selbst verwendet werden. Ein im Auftrag des Pentagons entwickeltes System mit dem Namen "Lifelog" wurde aufgrund dieser offenen Fragen wieder auf Eis gelegt.
Für Mann bergen Lifelogging-Technologien dennoch ein großes Potenzial: die "Sousveillance", eine Überwachung von unten, als Antwort auf die ständig wachsende "Surveillance" durch Staat und Unternehmen. Lifelogging könne somit die ausgeglichene Machtverteilung in einem Staat fördern, so Mann. Kombiniert man allerdings die beiden Formen der Überwachung gedanklich, entsteht ein Szenario, das negativ zu beurteilen ist: eine Verinnerlichung von Kontrolle - Bürger, die sich selbst und gegenseitig überwachen.
(matrix/Margarita Köhl/Daniel Hufler)
