Ein Selbstgespräch über Google Wave
Bis vor kurzem war Google Wave noch in aller Munde. In den Kopf ging es bisher nicht rein. Das macht aber nichts. Denn Anwendungsszenarien gibt es genug. Man muss sie nur finden, so ganz tief in sich drin.
Wir holen ein altes Marketing-Buch aus dem Schrank und schlagen nach. "Ein Angebot befriedigt die Nachfrage", heißt es da. Aha. Und weiter: "Nachfrage kann auch durch ein Angebot entstehen." Soso.
Das war sicher auch bei Google Wave der Fall. Schnell gab es Gerüchte über ein gewisses Tool zur Zusammenarbeit, die alles Bisherige in den Schatten stellen sollte. Angeblich. Dagegen sei der ganze alte Kram so schnell wie eine Nacktschnecke unter Marihuana-Einfluss. Und eine neue Ära des Internets dämmere heran. Einmal mehr.
Also haben alle um einen Beta-Account bei Wave nachgefragt. Und zuerst einmal keinen aufgetrieben. Was diese vielen auch gleich als Beleidigung und Ansporn nahmen. Schließlich seien sie ja nicht irgendwer, sondern schon lange im Internet. Also musste unbedingt ein Account her: "Tausche Wave gegen dreimal Gmail und eine Xbox." Auch so kann man Nachfrage erzeugen. Durch Verknappung. Auch wenn eigentlich nichts lustiger ist als die Idee, in einem digitalen Medium etwas verknappen zu wollen, hatte das ja schon mit Google Mail funktioniert.
Und dann der große Schock. Man hat endlich Zugang (=Nachfrage befriedigt) und ruft den Service zum ersten Mal auf. Dann stellt man fest, dass es sich ja um eine Plattform zur Zusammenarbeit handelt. Da bringt ein einziger Aufruf ohne Mittäter so wenig wie der einsame Nachmittag als Avatar auf einer total unangesagten Insel in Second Life (Erinnert sich noch jemand?). Und selbst wenn man diese Hürden umschifft hat, und auch ein paar Freunde mit Wave-Accounts ausgestattet hat, dann bleibt eine gemeine, nein, eine fiese Frage: Was machen wir denn nun damit? Und wie machen wir das? Und warum sind gerade alle ziemlich angenervt?
Also noch einmal zurück: Nachfrage und Angebot gehören zusammen. Angebot schafft Nachfrage. So weit alles laut Lehrbuch. Wie sieht es mit dem Bedarf aus? Im Fall von Wave ist das so eine Sache. Künstlicher Bedarf wird auf Grundlage der Illusion erzeugt, man verstehe, warum man das Produkt wirklich brauchen könne. Bei sinnlosem Gehampel wie Nordic Walking hat das hervorragend geklappt. Kluges Sportmarketing konnte Gehwilligen vermitteln, dass es immens wichtig sei, selbst in Shopping-Centern wie ein ausgezehrter Sherpa am Stock zu gehen. Mit zwei Stecken, die uns auf jeder Rolltreppe aussehen lassen wir eine epileptische Marionette. Und so laufen wir auch viel gesünder. Was war noch einmal genau "gesund laufen"?
Mit Wave ist das schon ein wenig schwieriger. Es gibt schon einzelne "Best Practices", also Vorschläge dazu, wie man Wave nutzen kann. Der Begriff "Best Practices", das lernt man nun wiederum im IT-Ratgeber, taucht immer dann auf, wenn ein Produkt zwar technisch irgendwie faszinierend, aber letztlich doch so überflüssig wie die Schweizer Marine ist. In der IT gibt es davon wenig auf dem Markt. Aber der Begriff dünnt ja in letzter Zeit auch aus.
Das mit dem Wave-Nutzertraining war auch schon einmal leichter. So ganz will es sich einfach nicht erschließen. Die Welle wird zur mentalen Ebbe. Habe ich etwas übersehen, war das schon alles, oder birgt das Interface noch ein schreckliches Geheimnis? Warum soll ich zusammen an einem Dokument arbeiten und darüber reden? Wie oft haben mehr als ein Bäcker bisher am gleichen Kuchen gleichzeitig gebacken? Und wie gut ist eine Fußballmannschaft, wenn alle elf den Fuß gleichzeitig am Ball haben? Ganz zu schweigen von der Frage: Wie oft schreibe ich im Kreise meiner Liebsten die zehn Gebote zusammen und ohne Absetzen? Und vor allem, warum so kompliziert?
Weg mit der Polemik: Wahrscheinlich ist Wave etwas für Profis, die knallhart im Collaboration Business wüten. SAP, bekannt für ausgezeichnetes Zusammenspiel seiner Software-Homponenten und den offen Zu- und Umgang im Umfeld der angebotenen Produkte, hat mit Wave ein Business Process Modelling Tool entwickelt. Im Rudel macht das Kopfschütteln einfach mehr Spaß. Salesforce bietet ein gemeinsames Customer Service Tool an, damit Kunden sogar mithelfen können, die Experience (ein Nachbarbegriff von "Best Practice") zu personalisieren. Sogar Anmerkungen zu einem Referat lassen sich kollaborativ über die Slides auskippen.
Übrigens kann man diesen Artikel auch quasi waven. Im "Post article waving sector", auch Forum genannt. Erst wenn alle gleichzeitig alles besser wissen, ist das Gute die schlechte Version des Besseren. Erst wenn alles ausdiskutiert ist, ist alles klar. So in etwa muss Wave gedacht sein. Irgendjemand muss sich doch etwas dabei gedacht haben. Irgendjemand. Verdammt.
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(Harald Taglinger)
