© Günter Hack, Asiatische Frau

Der Wald der leuchtenden Seligkeit

WEIHNACHTEN 2009
25.12.2009

Ein anstrengender Mensch erhält ein ebenso mysteriöses wie wertvolles Geschenk aus China. Plötzlich hat er keine Zeitprobleme mehr. Doch seine Schwierigkeiten fangen damit erst so richtig an. Eine Weihnachtsgeschichte von Marcus Hammerschmitt.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, als das kleine Päckchen ankam. Es war Anfang November, schon hatte es das erste Mal geschneit, und ich begann mich wie jedes Jahr über all das viele Zeug aufzuregen, das man in Herbst und Winter mit sich herumträgt, nur um einen Spaziergang zu machen, die Post zu holen oder den Müll rauszutragen.

Ich meine, ist das zu viel verlangt, dass sich die Wissenschaft diesem Problem einmal widmet? Vielleicht eine Art Schutzanzug, der sich über einen legt, wenn man das Haus verlässt, und sich wieder auflöst, wenn man von der Viertelstundentour zurückkommt. Das müsste doch gehen mit dieser Nanotechnologie, oder? Aber nein, tonnenweise Mist schleppt man in Herbst und Winter mit sich herum, sobald man in den gemäßigten Zonen (ha!) auch nur einen Fuß vor die Tür setzt. Tonnenweise!

Weihnachtsserie '09: "Keine Zeit"

Futurezone.ORF.at hat die Schriftsteller Peter Glaser, Marcus Hammerschmitt und Armin Medosch gebeten, je eine Geschichte für die Weihnachtsfeiertage 2009 zu verfassen. Das Motto lautete: "Keine Zeit". Das Redaktionsteam der Futurezone wünscht allen Leserinnen und Lesern ein frohes Weihnachtsfest.

Vielleicht ist meine Klage darüber ein bisschen widersprüchlich. Denn ansonsten kaufe ich ja selbst tonnenweise ein. Es gibt mir was, das Zeug zu bestellen und dann all die Sachen einfach wieder zurückzugeben, die ich nicht brauche, es ist eine Art Sport, und ja, wenn mich einer fragt, dann sage ich, dass mich das glücklich macht.

Manche, sogar manche meiner Freunde halten das für neurotisch. Ich halte das für einen Lebensstil. Weil ich diesen Lebensstil pflege, bekomme ich immer viel Post. Die Post ist mein Freund, Online-Auktionshäuser sind meine Freunde, und all diese Freunde halten mich zwar auch für ein bisschen neurotisch, weil ich so viel von dem, was ich kaufe, wieder zurückschicke, aber sie schicken mir trotzdem immer weiter das Zeug.

Die Päckchen und Pakete, die hier in der Wohnanlage ankommen, landen nach einem undurchsichtigen Muster mal beim Hausmeister, mal bei der Hauptpoststelle. Man ist da experimentierfreudig. Dass die Post mein Freund ist, heißt noch lange nicht, dass das auch umgekehrt gilt. Diesmal war alles beim Hausmeister, vier oder fünf Poststücke, ich holte es ab, legte es auf den Tisch in der Diele und freute mich beim Mittagessen auf das tägliche Weihnachten. Ich hatte bestellt: einen antiken Technikbaukasten, den ich als Kind schon einmal besessen hatte und den ich jetzt noch einmal testen wollte, ein Buch über Sufis und eins über die Folter im Wandel der Geschichte, einen sehr exklusiven Senf (wie ich auf den verfallen war, wusste ich nicht mehr), und dann war da noch das fünfte Päckchen, so klein und unscheinbar, dass es auf der Prioritätenliste und auf meinem Dielentisch ganz nach hinten gerutscht war. Es war etwa so groß wie eine Tafel von meiner Lieblingsschokolade, wog auch etwa so viel und roch schwach, aber angenehm nach Natur. "Lin Bai Lo Enterprises" war als Absender verzeichnet, und die Briefmarke kam eindeutig aus der Volksrepublik China.

Ich konnte mich nicht daran erinnern, in letzter Zeit bei den

"Lin Bai Lo Enterprises" etwas bestellt zu haben oder überhaupt in China. Oder in Asien. "Werbegeschenk?", ging es mir durch den Kopf. "Vielleicht Naturschokolade aus China als Werbgeschenk?" Die Chinesen kamen ja auf die seltsamsten Ideen. Die Verpackung war zwar unscheinbar, aber durchaus geschmackvoll, sie mutete ganz und gar nicht so an, als enthalte sie Billigware. Wenn schon asiatisch, dann machte sie eher einen japanischen Eindruck, aber die Briefmarke zeigte nun einmal ein junges Schlitzauge in blauen Mao-Klamotten beim Schwingen einer roten Fahne mit fünf Sternen, deutlicher ging's ja kaum. "Na ja", dachte ich mir, "kann ich immer noch zurückschicken, wenn's Unfug ist." Die Verpackung war nicht ganz einfach zu öffnen. Heraus kamen eine flache, graue Scheibe und ein Stück gefaltetes,

anscheinend handgeschöpftes Papier.

Darauf prangte noch einmal das Logo der "Lin Bai Lo Enterprises" (blauer Dreizack) über einem kurzen Text:

Herzlichen Glückwunsch, lieber Kunde! Sie sind mit wenigen anderen Personen nach ganz bestimmten Kriterien ausgewählt worden, um an einem revolutionären Produkttest der Lin Bai Lo Enterprises teilzunehmen. Das Produkt, das Sie unverbindlich und risikolos testen können, ist in dieser Verpackung enthalten. Es handelt sich dabei um unseren Kommutator 4C, Codename Lin Bai Lo oder "Wald der leuchtenden Seligkeit". Das Leben in den modernen Metropolen ist voller Hektik und Stress, die Anforderungen steigen unaufhörlich. Neue Aufgaben verlangen von uns neue Lösungen.

Und unter Anwendung jüngster quantentheoretischer Erkenntnisse ist es den Lin Bai Lo Enterprises gelungen, die Zeit zu dehnen. Sie haben richtig gelesen: Die 25. Stunde, die sie jeden Tag zusätzlich brauchen, ist keine bloße Fantasie mehr. Was Sie dazu tun müssen? Nehmen Sie einfach den K4C in die Hand und denken Sie an die Herausforderungen der unmittelbaren Zukunft. Stellen Sie sich vor, was Ihnen in den nächsten vier Wochen Angst macht, was Sie zu überwältigen droht. Und dann: Lassen Sie sich überraschen!

Unterschrift: Kritzelkratzel, CEO Lin Bai Lo Enterprises

Wie man sich denken kann, war ich völlig perplex. Eine nach Feng-Shui-Prinzipien gestaltete Scheibe aus China sollte mir mehr Zeit verschaffen? Für wie blöd hielten mich diese Komiker? Ich warf das Schreiben auf den Tisch, gleich neben die graue Scheibe und den Verpackungsmüll von den anderen Waren, die ich auf Probe gekauft hatte. Dann nahm ich es wieder in die Hand. Dabei muss ich es in der Nähe der Unterschrift berührt haben, denn plötzlich leuchtete in dem

Papier das Bild eines lächelnden Asiaten auf, der mir zuwinkte.

Erschrocken warf ich das Papier wieder hin, und der Mann verschwand. Ich berührte die Unterschrift wieder, und da lächelte er wieder sein asiatisches Lächeln. Meine Güte. Das war also eines dieser neuen elektronischen Papiere, die man rollen und knicken konnte und die sich beim Anfassen von normalem Papier kaum noch unterschieden. Die gaben sich wirklich Mühe, das musste man ihnen lassen. Und die Scheibe war wirklich sehr ästhetisch. Es juckte mich in den Fingern, sie einfach mal ein wenig länger in die Hand zu nehmen, um zu wissen, wie sie sich wirklich anfühlte. Und weil ich neugierig bin und mein Interesse an Spielzeug seit meiner Kindheit nicht verloren habe, tat ich dann genau das. Sie sah nicht nur gut aus, sie fühlte sich auch wunderbar an. Fast wie ganz, ganz feine Haut.

Und plötzlich war in der Luft so ein guter Geruch, als hätte jemand ein ganz, ganz feines Raumspray versprüht, eines, das sich gar nicht aufdrängt, sondern nur helfen will, das Leben schöner zu machen. Ich schloss die Augen. Was hatte in dem Brief gestanden? Man solle sich die Herausforderungen der nächsten Zeit vor Augen führen? Vor allem die, vor denen man richtig Angst hatte? Das wollte ich eigentlich gar nicht. Aber natürlich fiel mir dann ein, dass bald Weihnachten sein würde. Und dass ich noch nichts besorgt hatte, weder ein Geschenk noch einen Baum noch irgendetwas auch nur halbwegs Weihnachtsadäquates. Ich war noch völlig nackt angesichts des drohenden Jahresendarmageddons, und so fühlte ich mich auch. Nun könnte man ja meinen, dass Weihnachten meinem Hang zum Einkaufen entgegenkäme. Weit gefehlt.

Denn Weihnachten ist das Fest der Liebe, was bedeutet, dass man für andere einkaufen muss, und zwar das Richtige, und darin bin ich leider völlig unbegabt. Hektisch, verschwitzt und rotbackig durch die Stadt zu laufen, um in letzter Minute doch noch das eine, das wahre Geschenk für meine drei Kinder, meine ehemalige Frau, meine jetzige Frau, meinen Bruder, meine Schwester, meine beiden Eltern, meine beiden Schwiegerelternpaare und meinen Lieblingsonkel Werner zu finden, das ist kein Spaß, das ist Hochleistungssport. Und den kann ich schon im Fernsehen nicht ertragen.

Es ist nun einmal so, dass auch die alten Herrschaften nicht

mehr erwartbar sterben, und alle wollen sie an Weihnachten Geschenke, auch wenn sie immer behaupten, dass das doch nicht nötig gewesen wäre - wie ich diesen Spruch hasse! Zwei Wochen hatte ich noch, zwei knappe Wochen, und außer den Kindern hatte keiner bisher die Güte besessen, mir seine Wünsche einfach mitzuteilen. Saskia wollte wieder einmal einen echten rosa Elefanten. Das war schon seit ihrem fünften Lebensjahr ihr Weihnachtsspleen gewesen, jetzt war sie zwölf, und also würde ich ihr wieder einen rosa Elefanten auf ein Stück Papier kritzeln und dem Hauptgeschenk beilegen müssen. Und bei all dem wollten diese Schlitzaugen mir helfen. Das war ja zum Lachen. Missmutig legte ich die Scheibe wieder auf den Tisch, Ästhetik und Geruch hin oder her. So ein Blödsinn, dachte ich, das werf ich gleich weg.

Dann war die Mittagspause vorbei, und ich ging zurück zur Arbeit. Ich bin Fachberater in der Spielwarenabteilung eines großen Warenhauses. Lachen Sie nur. Noch ein Widerspruch: Sie glauben gar nicht, wie gut ich andere dabei beraten kann, für ihre Kinder zu Weihnachten, Ostern und Geburtstag das passende Geschenk zu finden, ich würde fast sagen, das grenzt schon an das zweite Gesicht, was ich da als Talent in Anschlag bringe. Ich bin wirklich gut, ich mache Umsatz, und einmal sollte ich sogar Abteilungsleiter werden, obwohl dieser Posten in unserer Abteilung normalerweise Frauen vorbehalten ist.

Was dazukommt: Ich wohne ganz in der Nähe. An diesem Tag war auf jeden Fall etwas anders. Ich beriet und beriet, wie ich das im Weihnachtsgeschäft immer so mache, die Ware ging weg, als stünden die Kunden unter Kaufbefehl, aber mir wurde mehrfach schwindlig, und ich bekam schnell mit, dass das vor allem im Zusammenhang mit unserer Weihnachtsdekoration stand. Ich testete mich. Neben der Kassenzeile steht bei uns in der Abteilung zu Weihnachten immer ein überdimensionaler Weihnachtsmann mit bunten Geschenkpaketen im Arm. Er grinst, als hätte er gerade ein Kind verspeist, und den Geschenkpaketen sieht man auf den ersten Blick an, dass sie leer sind.

Jeder bei uns, bis hinauf zum Filialleiter, ist der Meinung, dass

dieser Weihnachtsmann eher in eine Geisterbahn gehört, aber als wir ihn vor drei Jahren nicht aufstellten, protestierten die Kunden heftig, und zwar Erwachsene und Kinder, es kam sogar zu Protestbriefen an die Zentrale in Erkrath, und der Weihnachtsmann wurde wieder aufgestellt. Da begriff ich, dass die Kunden bedroht und betrogen werden wollen. Sie sind es so gewohnt, und wenn sie nicht bedroht und betrogen werden, dann fühlen sie sich gleich unwohl. Ich sah mir also das Monstrum an, bis ich innnerlich zu taumeln anfing. Dann drehte ich mich weg. Dann sah ich wieder hin, und das Taumeln fing wieder an. Ich dachte: Weihnachtsallergie.

Heiliger Hermes, lass das nicht wahr sein, ich muss meinen Mann in der Spielwarenabteilung stehen, ich kann nicht zwei Wochen vor Weihnachten einknicken. Aber es half nichts. Ich musste Schluss machen. Katja, mit der ich meistens zusammen den Laden schmeiße, wedelte mit dem Scanner über ein paar Lego-Packungen und Sammelkartensets hin und her, fiep, fiep, fiep, wir haben uns alle lieb, und sagte dann ohne jede Scheu vor den Kunden: "Spinnst du? Du siehst doch, was hier los ist?" Dann sah sie mir in die Augen und bekam ihren besorgten Blick, unter dem ich mich in diesem Moment fühlte wie ein Aids-Kranker im letzten Stadium. "Meinetwegen", sagte sie und schob der Praktikantin, deren Namen ich nicht wusste, die Ware hin, damit sie weihnachtlich verpackt wurde. Als die Praktikantin das Geschenkpapier mit den Schneemännern von der Rolle zog, musste ich fast kotzen. Nichts wie raus hier, dachte ich. Mehr torkelnd als gehend verließ ich das Kaufhaus, vage eingenordet auf Richtung 12.00 Uhr: Sofa, Wärmflasche, leise Musik.

So was kam ungefähr zweimal im Jahr vor. Aber ich hatte dieses Jahr mein Budget schon ausgeschöpft und war demgemäß am Überziehen. Auf dem Nachhauseweg kam ich an einem Schaufenster vorbei, das quasi von oben bis unten mit Weihnachtsdeko zugeschissen war. Sterne, Schneemänner, Weihnachtsmänner, Rentiere, Tannenbäume und ein völlig verpeilter, vergessener Halloween-Kürbis links unten - das volle Programm. Es fuhr mir in den Magen wie ein Fausthieb. Alles drehte sich. Und dann passierte es. Ich bin kein allzu großer Fan von "Star Wars". Aber der Sprung des Milleniumsfalken (als Set bei uns in der Abteilung für 49,80) durchs Sternentor hat was. Und ich fühlte mich genauso: als würde ich durchs Sternentor springen. Grelle Lichtstreifen, ein Brausen in den Ohren und nur ein Ziel, auch wenn ich nicht wusste, was dieses Ziel wohl sein mochte. Nach Luft japsend kam ich in meiner Wohnung wieder zu mir, und zwar auf meinem Sofa. Ich sah auf meine Armbanduhr: Vor zehn Minuten war ich vom Kaufhaus aufgebrochen, und jetzt lag ich hier, aber mir fehlte der Mittelteil. Als ich mich aufrichtete, sah ich eine viereckige Plastikschachtel auf dem Tisch liegen, die eine Krawatte enthielt.

Eine Krawatte mit Klaviertastaturaufdruck, eine Scheußlichkeit der Sonderklasse, aber während ich sie anstarrte, erinnerte ich mich daran, dass sich Onkel Werner letztes Jahr schon, gleich am zweiten Weihnachtsfeiertag, bei meinem üblichen Besuch genau so eine Krawatte gewünscht hatte, nicht zum Tragen, nein, zum Sammeln, er habe schon 21 Klaviertastaturkrawatten, aber es gebe ja so viele unterschiedliche, und selbst Doubletten würden ihn mehr freuen als Theaterkarten oder Bierseidel oder Download-Abonnements bei irgendwelchen Online-Musikschuppen, und ich hatte mir auf meinem Zettel notiert: "Werner spinnt, nächstes Jahr Weihnachten Klaviertastaturkrawatte", und hatte den Zettel verloren und vergessen.

Bis jetzt. Da die Krawatte in meiner Hand lag. Der Preisaufdruck war von Kornmüller, einem Herrenausstatter am anderen Ende der Stadt, und ich konnte unmöglich in zehn Minuten vom Kaufhaus bis dorthin und zurück zu meiner Wohnung gelangt sein, unmöglich, aber die telefonische Zeitansage war der gleichen Meinung wie meine Armbanduhr, und ich musste mir eingestehen, dass hier etwas Sonderbares vorging. Ich machte mir einen Pfefferminztee und dachte scharf nach. "Also gut, ihr Schlitzaugen", dachte ich. "Also gut."

Ich erholte mich ein wenig, so etwa zwei Stunden lang, dann startete ich den Selbstversuch. Ich legte die drei Weihnachtswunschzettel meiner Kinder auf meinem Dielentisch aus. Die graue Scheibe befand sich in Griffweite. Kaum hatte ich meine Augen geschlossen und intensiv an die Wunschlisten gedacht, wurde mir übel, dann kam das Sternentor, und keine 15 Minuten später kam ich auf meinem Sofa wieder zu mir, schwer atmend wie jemand, der beim Tauchen beinahe ertrunken ist. Der Sofatisch war leer, und ich dachte: Aha, also doch epileptische Anfälle. Epileptiker wissen ja auch manchmal nicht, wie sie dahin geraten sind, wo sie sich gerade befinden.

Aber weit gefehlt: Zwischen Sofa und Tisch standen die Geschenke für meine Kinder. Der extrem schicke Laptop und die dazugehörige extrem schicke Tasche, ein Chemie-Experimentierkasten, der aussah, als sei er schon lange nicht mehr im Handel und eher ein eBay-Glücksfund (ich wusste, dass alles vollzählig war und dass Tobias vor Freude Purzelbäume schlagen würde) und - ein rosa Elefant. Aus Plüsch. Aber so unsagbar süß, dass ich ihn sofort behalten und nicht an Saskia verschenken wollte. Ich dachte wieder scharf nach. Ein wenig konnte ich mich schon daran erinnern, wie ich diese Sachen ergattert hatte, einzelne Schlaglichter und Bildfetzen waren mir im Gedächtnis geblieben, aber vor allem dieses ungeheure Missverhältnis zwischen meiner eigenen Geschwindigkeit und der Lahmarschigkeit der Welt um mich herum.

Die Arbeitshypothese konnte nur eine sein: Die Lin Bai Lo Enterprises konnten tatsächlich liefern, was ihr unleserlicher, lächelnder CEO versprochen hatte - mehr Zeit. Ungeheuerlich. Die erste Idee war natürlich, damit an die Presse zu gehen. Ein Held zu sein. In Talkshows als einer der ersten Zeitdehner Europas aufzutreten. Exklusivverträge. Tantiemen. Groupies. Der zweite Gedanke war: nie im Leben. Wenn das auch nur rauskommt, kann ich Weihnachten vergessen, erstens wegen all der Publicity-Termine, zweitens, weil dann alle so eine Scheibe wollen und genauso schnell werden wie ich, was meinen Vorteil zunichtemacht. Ich würde nicht einmal meiner jetzigen Frau davon erzählen, was durchaus praktisch möglich war, weil wir zwar im selben Haus, aber nicht in derselben Wohnung wohnen.

"Der Gentleman genießt und schweigt", dachte ich und kam mir dabei sehr schlau vor. Um es kurz zu machen, ich trat in den kommenden zwei Wochen häufig durch das Sternentor. Konnte mich immer besser an meine Hochgeschwindigkeitstrips zu den Kaufhäusern, Flohmärkten und im Internet erinnern. Das war schon ein cooles Gefühl. Als zusätzlichen Bonus nahm ich auch noch innerhalb kürzester Zeit zehn Kilo ab, obwohl ich genauso aß wie immer. Als leicht störende Nebenwirkung stellte ich fest, dass sich auch all meine Träume um Weihnachten zu drehen begannen. Aber das hielt ich für akzeptabel. Zum Fest der Liebe selbst war ich der absolute König. Mehrere Mitglieder meiner Geschenkzielgruppe fielen mir spontan um den Hals. Meiner ehemaligen Frau traten Tränen in die Augen, als sie die kleine chinesische Vase auspackte, ein Weihnachtswunsch von ihr, den ich ihr nicht hatte erfüllen können, als wir noch verheiratet gewesen waren.

Meine jetzige Frau nahm den mit ihren Initialen versehenen

Füllfederhalter aus der Verpackung und sagte: "Ich hatte in letzter Zeit schon den Verdacht, dass du fremdgehst. Aber du liebst mich wohl doch." Ich nickte nur ernst. Saskia sah den Plüschelefanten an, wurde rot, warf sich ihre langen Haare über die Schultern und äußerte den Wunsch, wieder bei mir zu leben - flüsternd, damit es meine ehemalige Frau nicht hörte. Onkel Werner legte sich die Krawatte um den Hals und sagte: "Tja, du bist ja wohl der Einzige in der Familie, der wirklich an mich denkt." Seine Augen waren tränenfeucht. Am 27.12. atmete ich aus. Ich wollte den Weihnachtsschmuck zur ganz privaten Feier des Anlasses noch ein wenig in der Wohnung lassen. 12:0, dachte ich, Sieg auf der ganzen Linie, Sieg gegen Weihnachten. Wie sollte ich mich irren.

Die Weihnachtsträume hörten einfach nicht auf, sondern wurden intensiver, farbiger, deutlicher. Ob ich nun als Weihnachtsmann über der Stadt schwebte und Geschenke aus meinem groben Leinensack herunterregnen ließ oder ob ich mit einer Wasserpistole brennende Weihnachtsbäume löschte, Weihnachten blieb Thema, über den 1. und den 15. Jänner hinaus und auch über den 1. Februar. Das allein wäre nicht das Problem gewesen. Aber Weihnachten blieb erstens das einzige Thema meiner Träume, und zweitens begannen diese Träume in die Wirklichkeit auszufransen. Fasching kam und ging, und ich sah immer noch Weihnachtsdeko in den Geschäftsauslagen, wo schon längst keine mehr war.

Mein Weihnachtsbaum hatte schon all seine Nadeln verloren, aber ich brachte es nicht übers Herz, ihn wegzuwerfen. Ich hatte einen unglaublichen Vorrat an Lebkuchen, Zimtsternen und Weihnachtsmännern gekauft und war in Gedanken ständig damit beschäftigt, all das Zeug vor dem Verderb zu schützen. Praktischerweise schützte ich es vor dem Verderb, indem ich es so schnell aufaß, wie es nur irgend ging. Die zehn Kilo, die ich während der Weihnachtszeit abgenommen hatte, kamen verdoppelt wieder zurück. Katja fragte mich, ob ich ein Problem habe. "Nee, wieso", gab ich unschuldig zurück. Aber sie meinte, es sei doch ziemlich strange (ihr Ausdruck), dass ich Mitte März unablässig Weihnachtslieder vor mich hinsumme, die Kunden würden schon unruhig. Man teilte mir auch mit, dass es mit der Stelle als Abteilungsleiter nichts werden würde, und als ich das voller Zorn meiner Frau erzählte, sah sie mich zweifelnd an und meinte: "Schade." Sie meinte in Wirklichkeit: "Irgendwie kann ich die aber schon verstehen." Das konnte ich ihrem Gesicht ablesen.

Etwa um die Zeit entdeckte ich etwas, was mir vorher komplett entgangen war. Auf der Rückseite des Schreibens, mit dem die Scheibe von den Lin Bai Lo Enterprises gekommen war, stand noch ein zweiter, sehr kurzer Text, und das in winzigen Buchstaben, die an der Grenze zur Entzifferbarkeit herumlümmelten. Ich machte mir die Mühe des Entzifferns, während in meinen Ohren Schlittenglocken läuteten.

"In wenigen Fällen", stand da zu lesen, "kann es durch einen unsachgemäßen Gebrauch des K4C zu dem Phänomen der Überprägung kommen. Wenn Sie bemerken, dass Sie sich nur noch für das Problem interessieren, das Sie durch Zeitdilatation lösen wollten, kontaktieren Sie bitte sofort die Lao-Dang-Enterprises, Shenzen, 11 Forest of Incandesent Bliss, Fon, Fax, E-Mail." Ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, dass ich mich an die Firma wandte. Und ich brauche Ihnen nicht zu erzählen, was das Ergebnis war. Nada. Nichts. Niente. Weder per Fon noch per Fax noch per E-Mail drang ich zu den genialen Schlitzaugen mit ihren verfluchten Erfindungen durch. Auf Brief und E-Mail kam keine Antwort, und alles, was ich am Ende wirklich zu hören bekam, war ein sanftes, unglaublich feinkörniges Rauschen in der Telefonleitung, unterlegt mit dem Glockengebimmel, das mir jetzt ständig wie ein Tinnitus in den Ohren klang. Ich hatte mich überprägt. Vielleicht ging es anderen Versuchskarnickeln auch so. Vielleicht wusste jemand Rat. Ich glaube keine Sekunde daran.

Und bisher hat auch noch keiner Rat gewusst. Jetzt ist Mai, der Frühling schlägt zu, und ich denke pausenlos an Glühwein und Mistelweige. Und das Schlimmste, das wirklich Schlimmste: Es dauert noch sieben Monate bis Weihnachten. Ich freue mich so elend darauf.

(Marcus Hammerschmitt)