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Das Internet: Ein Sieg in Zeitlupe

"Europa und das Netz"
14.11.2009

Bis 1980, so die Prognose der wichtigsten Standardisierer im Jahr 1976, würden fast alle Computernutzer in den entwickelten Staaten Zugang zu interkontinentalen Netzwerken haben. Doch bevor sich die paketvermittelte Datenkommunikation und damit das Internet durchsetzen konnten, gab es noch jede Menge Streit. Teil zehn und vorläufiges Ende der futurezone.ORF.at-Serie "Europa und das Netz".

Auch wenn Postbehörden und Vertreter der Computerbranche einander beim Aufbau der ersten kommerziellen Rechnernetze in den 1970er Jahren skeptisch beäugten, verfolgten doch beide Seiten das Ziel, Standards für die Kommunikation in den neuen Systemen zu schaffen. Sowohl Derek L. A. Barber, Chef des Europäischen Forschungsnetzwerks (EIN), als auch der französische Netzwerkpionier Louis Pouzin setzten sich für neue Standards ein, genauso wie der Amerikaner Larry Roberts, der damals mit seiner 1973 gegründeten Firma Telenet gerade vom ARPA-Wissenschaftler zum Unternehmer und Netzwerkbetreiber mutierte und natürlich Geld verdienen wollte.

Und das, so Roberts in einer E-Mail an ORF.at, machte man damals durch den Verkauf von Terminals. Dementsprechend waren für ihn zwei Standards wichtig, die in der Arbeitsgruppe VII in Genf diskutiert wurden: X.25, das Standard Computer Interface, und X.29, jener Standard, der die Prozeduren für den Kontrollinformations- und Datenaustausch zwischen Terminal und PAD (Packet Assembler/Disassembler) regelte. PAD steht für jene Komponente, die für das Ein- und Auspacken der Daten im paketvermittelten Netzwerk zuständig war.

Die Urahnen der Modems

Computer konnten in den 1970er Jahren noch nicht unmittelbar an Netzwerke angeschlossen werden. Vielmehr wurde dafür Data Terminal Equipment (DTE) benötigt. Heute würde man dazu Modem oder Router sagen. Das war auch beim ARPAnet der Fall, das im Grunde, so Vint Cerf in einer E-Mail an ORF.at, verbindungsorientiert funktionierte, obwohl dessen Host-Interface für eine verbindungslose Übertragung ausgelegt war.

Die Nachrichten wurden für die Übermittlung auch beim ARPAnet in die richtige Reihenfolge gebracht. Es war zwar möglich, dass die Datenpakete potenziell nicht in der richtigen Reihenfolge ankamen, aber das wurde in Ordnung gebracht, bevor die Pakete an den Host-Rechner weitergereicht wurden. Erst bei TCP/IP wurde die Zustellung von IP-Paketen in beliebiger Reihenfolge an den Host erlaubt, der diese dann selbstständig zusammensetzte. Für Roberts gilt das allerdings als gut gepflegtes Gerücht, das wenig mit der Praxis zu tun habe.

"Wenn die einzelnen Datenpakete unterschiedliche Wege einschlagen würden, dann würde ihre Reihenfolge verloren gehen, und aus diesem Grund wurde das nie wirklich gemacht. Vielmehr folgen alle Pakete demselben Pfad, solange keine Leitung ausfällt. Daher besteht der wirkliche Unterschied zwischen einer verbindungslosen und einer verbindungsorientierten Paketübermittlung darin, wie der Datenfluss im Netzwerk selbst geregelt wird", so Roberts.

"Heute verwenden wir dafür TCP/IP, weil es preiswerter ist, bessere Anwendungen erlaubt und Qualität liefert. In den 80ern war Speicher noch teuer, und daher wurde ein verbindungsloser Transport bevorzugt. Aber in Wirklichkeit liegt der Unterschied nicht in den Eigenschaften des Protokolls, sondern in der Art, wie das Netzwerk ausgestaltet ist."

Anlauf zu X.25

Der Entwurf zu X.25 stammt aus der Feder von Roberts, der es sogar schaffte, dass sein Protokoll Mitte 1976 beim Jahrestreffen des Comite Consultatif International Telephonique et Telegraphique (CCITT) zum Standard erklärt wurde. Um das zu erreichen, mussten im Vorfeld jedoch einige Hürden überwunden werden. Zu Hilfe kamen Roberts dabei die Kanadier.

Die kanadische Post wollte mit ihrem Netzwerk Datapac spätestens 1976 auf den Markt. Allerdings hatte man Probleme, die eigens geschriebenen Protokolle in die angekauften IBM-Rechner zu implementieren. Niemand, so Roberts, war damals daran interessiert, sich bei der Computerkommunikation an eine einzelne Firma binden zu lassen.

Pleite mit Datenpaketversand

Zeitgleich erkämpfte sich in den USA die Firma Packet Communication Inc. gemeinsam mit Roberts' Telenet von der US-Regulierungsbehörde FCC die Zusage, ihre Dienste kommerziell anbieten und als kommerzieller Betreiber für Value Added Services auf dem Markt auftreten zu dürfen. Packet Communication Inc. konnte diesen Erfolg allerdings nur kurz auskosten.

Bereits 1974, bevor es richtig losging, war das Unternehmen pleite. Telenet hingegen hatte einen längeren Atem und mit Roberts auch jemanden an Bord, der das Spiel mit den Standardisierungsgremien zu spielen verstand, erinnert sich Pouzin, der französische Computerwissenschaftler und Leiter des experimentellen Netzwerkprojekts Cyclade. "Roberts war schon immer ein Pokerspieler. Er hat gewusst, dass er in den USA mit seiner Firma nur dann erfolgreich sein kann, wenn er das Spiel in Genf gewinnt, bei den Standardisierungsgremien."

Der lange Atem der Standardisierer

Auch die Computerwissenschaftler waren in den 70er Jahren davon überzeugt, dass Standards zur Kommunikation in den neuen Netzwerken durchgesetzt werden müssten. Warnende Stimmen gaben aber zu bedenken, dass das nicht unter Druck geschehen dürfe. Schließlich beeinflussen einmal geschaffene Standards die weitere Entwicklung maßgeblich.

Das erste Treffen der Working Group VII, des Nachfolgers der CCITT-Gruppe NRD, fand 1974 statt. Nach dem damaligen Prozedere hatten die Beteiligten jedoch nur ein Jahr Zeit, um sich auf einen Entwurf zu einigen. Denn bei der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) war es damals üblich, dass die Berichterstatter ein Jahr allein dafür benötigten, sich auf gemeinsame Formulierungen zu einigen. Dieser von allen Vorbehalten bereinigte Entwurf sollte dann im September 1976 im großen Plenum zur Abstimmung vorgelegt werden. Roberts blieb also nicht viel Zeit, wollte er sein Geschäftsmodell noch in den 1970er Jahren umgesetzt sehen.

Kampf der Kulturen

Beim letzten offiziellen Treffen der Berichterstatter waren noch zahlreiche Fragen offen, etwa die Streitfrage zwischen Computerwissenschaftlern und der Post: paketvermittelte Kommunikation mit Datagrams oder modernisierte Leitungsvermittlung über Virtual Circuits? Ersteres wurde beim französischen Netzwerk Cyclades angewendet und in den USA später auch in TCP/IP implementiert, Letzteres war den Postlern besser vertraut und erschien ihnen sicherer.

Auch sonst standen die Chancen auf eine Einigung zwischen Postlern und Computerwissenschaftlern schlecht. So hatte man sich weder über die Größe der Datenpakete noch über die Bestimmungen für den geregelten Datenfluss geeinigt. Die Aussicht, bei der Arbeitsgruppensitzung im September 1976 einen Standard präsentieren zu können, wurde von manchen Beobachtern bereits als unrealistisch eingeschätzt.

"Nur fünf Länder, nämlich Großbritannien, die USA, Kanada, Japan und Frankreich, zeigten wirklich Interesse an den Vorgängen. Probleme gab es nur mit Frankreich. Ich trat als Provider auf, also war ich die einzige interessierte Gruppe der USA. Nachdem all diese Staaten einen Standard wollten, gestaltete sich der Ablauf leichter als bei anderen Standardisierungsverfahren", errinnert sich Roberts.

"Louis Pouzin war damals weder ein Vertreter eines Providers noch eines Landes und hatte deshalb keine gewichtige Stimme. Sein Datagram-Konzept wäre zur damaligen Zeit kein gangbarer Weg gewesen. Pouzin wollte alle Spezifikationen für die Terminals aus dem Entwurf eliminieren, aber das war damals der einzige wirkliche Markt. Später, mit TCP/IP, wurde sein Konzept wichtig, aber damals war es das nicht. Das Thema bedarf einer längeren Diskussion, aber es ist wichtig, die kommerziellen Zusammenhänge von damals zu verstehen."

Niederlage für die Paketvermittler

Am Ende entstand ein Entwurf, den sowohl die französische Post wie auch das Britische Post Office, Telenet und die Kanadische Computer Gruppe der Trans-Canada Telephone System (TCTS) bereit waren zu unterstützen. Für das Konzept Datagram wurde die Formulierung von "essenziell" zu "zusätzlich" geändert. Pouzin blieb nicht viel mehr übrig, als darüber einen erzürnten Artikel zu schreiben, der im Dezember 1975 in der Zeitschrift "Datamation" mit dem vielsagenden Titel "The Communication Networks Snarl" veröffentlicht wurde.

Bereits vor dem letzen öffentlichen Zusammentreffen der Arbeitsgruppe VII im Februar 1976 präsentierten die an den Verhandlungen beteiligten Postbeamten ihren Entwurf zu X.25 als Tatsache. Aber noch mussten die mehr als 200 Teilnehmer aus 20 Staaten überzeugt werden. Nur die Spanier erklärten von Anfang an, dass sie an X.25 kein Interesse hätten. Ihr paketvermitteltes Netzwerk RETD funktionierte schon seit fast fünf Jahren, und ihr nationaler Datenverkehr florierte auch ganz ohne Standards. Sie bezeichneten den Entwurf zu X.25 als keine stabile Basis für einen Standard. Die Führungsebene der spanischen Post dürfte Mitte der 70er Jahre auch ganz andere Probleme gehabt haben. Francisco Franco, der über 40 Jahre als Diktator herrschte, lag im Sterben, und die Zukunft des Landes war alles andere als vorhersehbar.

Die Geburt von X.25

Probleme kamen auch bei der finalen Diskussion über den Entwurf an die Oberfläche. Speziell AT&T zeigte sich skeptisch, schrieben Marvin A. Sirbu und Laurence Zwimpfer 1985 im "IEEE Communications Magazine". Angeblich, so mutmaßten die Autoren, befriedigten die Franzosen aber die Amerikaner mit einem unbekannten Gegengeschäft. Jedenfalls wurden im September 1976 im CCITT-Plenum alle Empfehlungen der Study Group VII, darunter auch X.25 und X.29, einstimmig verabschiedet.

Quasi unmittelbar nach der Veröffentlichung wurde X.25 auch schon überarbeitet. Trotzdem blieb die Kritik über die Jahre dieselbe: Der Standard ignoriere Datagrams, sei kompliziert und erlaube nur "Virtual Circuit Switching". Aber der Siegeszug von TCP/IP sollte erst in den 1980er Jahren beginnen, und selbst Ethernet erlebte seinen Durchbruch erst, als Metcalfe 1977 Xerox Parc verließ und seinen Werbezug durch die Computerfirmen begann.

Quelle:

Das OSI-Modell

Im März nahm die Internationale Standardisierungsbehörde (ISO) mit Sitz in Genf die Arbeit an der Entwicklung des OSI-Modells für die Datenkommunikation auf. OSI steht für Open Systems Interconnection und baut auf X.25 auf. Der Streit zwischen TCP/IP und OSI - oder, anders gesagt, zwischen IETF und staatlichen Standardisierungs- und Regulierungsbehörden - sollte die Diskussionen über die Vernetzung von Computern in den 1980er Jahren prägen und wurde erst Mitte der 90er eingestellt.

Aber im Grunde, so Hubert Zimmermann, der zwischen die Stühle geriet, als er in den 1970er Jahren die Seite wechselte und vom französischen Netzwerk Cyclades zur ISO ging, sei es damals nicht darum gegangen, wer die bessere Idee hatte, sondern dass Standards für die Datenkommunikation definiert wurden.

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Internet für alle

Die wesentlichen offiziellen Standardisierungsgremien wie ISO, CCITT und das US-amerikanische ANSI waren von ihren "Empfehlungen" jedenfalls derartig überzeugt, dass sie gerne jene Prophezeiung aus dem Jahr 1976 zitierten, die besagte: 1980 würden internationale und interkontinentale Links zwischen Netzwerken Routine sein, und fast jeder Computernutzer in der industrialisierten Welt werde Zugang zu den weltweiten Kommunikationseinrichtungen haben.

Mit Teil zehn endet einstweilen die Serie über die Anfänge von Internet-Working in Europa. In den Archiven liegt noch einiges über diese Zeit vergraben, und jedes weitere Gespräch mit den beteiligten Personen bringt neue Facetten zum Vorschein. Aber vor allem rufen die derzeitigen Diskussionen über "Future Internet" in Europa und "Next/New Generation Networking" in den USA und Japan mehr Deja-vu-Erlebnisse hervor, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

(Mariann Unterluggauer)