Ermittlungen eines Kiffers im ARPAnet
In der neuen futurezone.ORF.at-Reihe "Zukunft heute" stellt Marcus Hammerschmitt Bücher und Filme aus dem Bereich der Science-Fiction vor. Diesmal geht es um CIA-Agenten, die Projekte des Alastair Reynolds und die Paralleluniversen des Thomas Pynchon.
Es mag ein wenig seltsam wirken, eine Kolumne zur Science-Fiction mit Betrachtungen über einen Roman zu beginnen, der sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Aber Pynchons neuestes Werk "Inherent Vice" ist, wie auch viele andere seiner Bücher, auf gewinnbringend vertrackte Weise Science-Fiction.
Die späten 1960er, ein ständig bekiffter Privatdetektiv, seine ehemalige Flamme, die mittlerweile mit einem verwirrten Immobilienmakler durch die Gegend zieht, ein planloser Polizist, der dem planlosen Privatdetektiv ein ebenbürtiger Spiegel ist, eine möglicherweise mit Heroinhandel befasste Verschwörung namens "Golden Fang", rechtsradikale Biker und Aushilfspolizisten, Charles Manson, die Surferkultur Kaliforniens: Das sind die Ingredienzen, die Pynchon in seinem neuen Roman zusammenkocht.
Marcus Hammerschmitt, geboren 1967, ist Schriftsteller und Journalist. Er wird ab sofort einmal im Monat für futurezone.ORF.at einen Bericht zum Zustand der Zukunft verfassen. Veröffentlichungen (Auswahl): Target (Suhrkamp 1998), Instant Nirwana (Aufbau 1999), Polyplay (Argument 2002), zuletzt: Der Fürst der Skorpione (Sauerländer 2007).
Oraler Konsum von Sprengstoffen
Wie nicht anders zu erwarten, wird daraus eine ziemlich unterhaltsame Vaudeville-Revue, die mit Absurditäten nicht geizt, wenn auch der Roman das Niveau an amüsanter Verschwurbeltheit, das man von Pynchon gewohnt ist, nicht erreicht. Wer zum Beispiel auf irgendeine Weise eine Fortsetzung des Vorgängers "Against the Day" erwartet, wird sich in mancherlei Hinsicht enttäuscht sehen. Es ist allerdings logisch (und in gewisser Weise auch beruhigend), dass Pynchon einen Stoff in zwei Jahren nicht genauso stark verdichten kann wie einen anderen in sieben Jahren, insofern ist der Zuschnitt von "Inherent Vice" nur angemessen.
Aber eines haben die beiden Romane doch gemeinsam: die spezielle Art der Verschränkung von Fiction und Science, die man gut auch als ein Markenzeichen Pynchons verstehen kann. Wenn in "Against the Day" eine bizarre Truppe von Luftschiffern in die hohle Erde geschickt wird, paranormale Waffen bei versuchten Attentaten zum Einsatz kommen, psychedelische Sprengstoffe oral konsumiert werden und sich Ozeandampfer durch Übertritte in eine Parallelwelt in Schlachtschiffe verwandeln (oder eher in beiden Konfigurationen parallel existieren), dann befindet man sich genau in diesem seltsamen Kontinuum von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von Standardrealität und Alternativgeschichte, in dem Pynchon seit seinem Romanerstling "V" zu Hause ist und dem sich intelligente Science-Fiction-Leser so schwer entziehen können.
Schnüffeln im ARPAnet
Wenn Science-Fiction die Zukunft heute darstellen will, dann geht es Pynchon immer auch um die Vergangenheit der Zukunft, und diese Verschränkung genau ist es, die er auch wieder in "Inherent Vice" betreibt. Seinen Kifferhelden Larry "Doc" Sportello lässt er zum Beispiel mit Hilfe des ARPAnets (ein direkter Vorläufer des Internets) Nachforschungen anstellen. Dabei dehnt er die Realität nur ein bisschen: Die vier ersten Knoten des ARPAnets waren immerhin 1969 online.
Das Ergebnis ist, dass man sich in einen Netz- und Überwachungsthriller der Jetztzeit oder der nahen Zukunft versetzt sieht. Wenn kalaschnikowbewaffnete Vigilanten mit weihnachtsbaumdekorierten Skimasken auf dem Kopf in der Gegend herumballern, denkt man sofort an die ultrazynischen Filme Tarantinos und nicht etwa an die "Straßen von San Francisco" und "Colombo". Das "Chryskylodon-Institut", in dem angeblich endgelangweilten superreichen Neurotikern therapeutisch auf die Sprünge geholfen werden soll, ist eine alberne Fassung des schrecklichen Hailsham-Internats aus Kazuo Ishiguros "Never Let Me Go", es erinnert vielleicht auch von fern an den Film "Die Insel" (Michael Bay, 2005) aber ganz gewiss nicht an Ken Keseys Roman "Einer flog über das Kuckucksnest" aus den 60ern.
Flimmernde Zeit
Die erzählte Zeit des Romans beginnt auf diese Art zu flimmern. Einerseits ist sie mit Hippie-Slang und Hippie-Folklore genau markiert. Als Beispiele seien nur der ständige Gebrauch des Adjektivs "groovy", die ewige Kifferei und die allgegenwärtige Afrofrisur genannt. Andererseits manifestieren sich die Gegenwart der "Nullerjahre" oder gar ihre imaginierten Zukünfte auf manchmal amüsante, manchmal beunruhigende Weise.
Es ergibt sich die reizvolle Konsequenz, dass "Inherent Vice" sehr viel zeitnäher wirkt als der eng damit verwandte Pynchon-Roman "Vineland" (1990), zu dem es ja in gewisser Weise ein Prequel darstellt, das aber zehn Jahre später spielt. "Inherent Vice" richtet sich in einem seltsamen historischen Pararaum ein, als wolle Pynchon den Leser mit einer literarischen Beweisführung zu der These foppen, die Sixties hätten überhaupt nie richtig aufgehört. Als ich Anfang der 90er in San Francisco war, wurden dort Handzettel verteilt, auf denen zu lesen war, dass die 90er in Wirklichkeit die 60er seien. Pynchon leistet sich den Spaß, dieser Idee 20 Jahre später Leben einzuhauchen, wenigstens für die Länge eines Kriminalromans. Ein großes Buch? Nein. Wie gesagt, "Inherent Vice" kann im Traum nicht mit "Against the Day" mithalten, selbst "Vineland" hat ihm einiges an Komplexität und poetischer Kraft voraus.
Aber Pynchon wäre nicht Pynchon, wenn er dem Kulturbetrieb und seinen Erwartungen nicht den Mittelfinger zeigen würde. Die Experten mögen eine finale Anstrengung hin auf den Nobelpreis erhofft haben, eine Art "Finnegans Wake" des frühen 21. Jahrhunderts. Pynchon weiß, dass er in dieser Hinsicht sein Soll längst übererfüllt hat, und "Inherent Vice" kann auch als eine subtile Botschaft an die Gemeinde gewertet werden, dass sie sich entspannen sollte. Er lädt auf seine alten Tage die Leser zu einem Spaß ein. Und den kann man mit "Inherent Vice" auch haben.
Rückschau
Warum auf Cordwainer Smith hinweisen? Auf Cordwainer Smith kann man gar nicht oft genug hinweisen. Der Patensohn Sun Yat Sens, CIA-Agent, Experte für psychologische Kriegsführung und strenggläubiger Christ, hat nun einmal mit lediglich 33 Erzählungen und einem Roman ein atemberaubend originelles Werk geschaffen, das in der Science-Fiction seinesgleichen sucht. In der Tat ist es so originell, dass es Smith wahrscheinlich für immer einen Platz in der Hall of Fame der großen Unbekannten sichern wird, aber man muss das ja nicht einfach akzeptieren. In einer der nächsten Folgen von "Zukunft heute" will ich mehr von ihm berichten. Zwischenzeitlich empfehle ich dem interessierten Leser "Mother Hitton's Littul Kittons" (engl.).
Vorschau
Alastair Reynolds hat mehrere neue Sachen in Vorbereitung. Zunächst kommt "Thousandth Night/Minla's Flowers", ein Band mit zwei Kurzromanen. Dass der bei einem relativ kleinen Verlag (Subterranean Press) und nicht etwa wie üblich bei Ace, Orion oder Gollancz erscheint, hat Gründe: Die beiden Texte wurden schon einmal in Anthologien veröffentlicht, es handelt sich also um die Neuverpackung etwas älterer Waren. Interessierter bin ich an "Terminal World", seinem nächsten Roman, der im Frühjahr 2010 erscheinen wird. "The Prefect", der letzte Roman, den ich von ihm wahrgenommen habe, zeigte ihn nicht ganz auf der Höhe seiner Form. Aber dass er selbst "Terminal World" als Science-Fiction bezeichnet, die "weird" sei (was für ihn normal ist), aber auch ohne Raumschiffe auskomme (für ihn extrem ungewöhnlich), weckt Neugier. Mehr darüber demnächst.
(Marcus Hammerschmitt)
