© Fotolia/Tomislav Forgo, Gestapelte Hundert-Euro-Scheine

Geld für Start-ups: "Die Latte liegt höher"

RISIKOKAPITAL
29.10.2009

Chris Hughes, Facebook-Mitbegründer und Organisator der Online-Kampagne für den US-Präsidenten Barack Obama, sieht kein Ende der Innovationskraft durch neue Ideen und Unternehmen im Netz. Nach der Krise sitze nur das Geld nicht mehr ganz so locker. Der Trend zum Echtzeitweb muss sich seiner Meinung nach auch erst noch beweisen.

Vergangene Woche war Hughes im Rahmen des mobile.futuretalk 09 der mobilkom austria in Wien.

Hughes ist seit März für die Risikokapitalfirma (Venture Capital, VC) General Catalyst Partner tätig und sucht als Entrepreneur in Residence neue investitionsträchtige IT-Projekte. Darin hat er bereits einige Erfahrung: Er ist Gründungsmitglied des Sozialen Netzwerks Facebook und war einige Zeit dessen Sprecher. Mittlerweile ist er als Berater für Facebook tätig und hält auch Anteile an der Firma.

2007, im Alter von 23, verließ Hughes Facebook, um My.BarackObama.com aufzubauen, ein Soziales Netzwerk mit dem Ziel, möglichst viele Unterstützer und Aktivisten für den heutigen US-Präsidenten Obama zu gewinnen. Aus der Politik zog er sich nach dem Sieg Obamas wieder zurück. Er widmet sich mittlerweile ganz dem Bereich der Risikoinvestments.

ORF.at sprach mit Hughes über den aktuellen Zustand von Venture Capital in den USA, die nächsten Trends im Web und Netzneutralität - das einzige Thema, bei dem Hughes im Gespräch Emotionen zeigte.

ORF.at: Herr Hughes, wie ist die aktuelle Lage für Risikokapital in den USA angesichts der Krise? Ist es schwieriger geworden, Geld zu bekommen?

Hughes: Der Zahl der abgeschlossenen Deals nach scheint es wieder aufwärts zu gehen. Einige Fonds hatten sicher mehr zu kämpfen, aber im Großen und Ganzen sucht die Industrie wieder nach Investitionsmöglichkeiten.

Der Markt war im letzten Quartal 2008 ziemlich am Boden, im folgenden Quartal war er immer noch langsam, die letzten sechs Monate nahm er aber wieder an Fahrt auf. Die Latte liegt für Firmen, die Risikokapital suchen, nun sicher etwas höher, aber wenn sie ein guter Unternehmer mit einer haltbaren Vision sind, dann bekommen sie auch heute Geld.

ORF.at: Was sind derzeit die Probleme und Chancen für Risikoinvestments in den USA? Die Investoren schauen sich die Projekte genauer an, aber haben sich die Bedingungen grundsätzlich geändert?

Hughes: Mein Eindruck ist, dass Investoren wie früher Ausschau nach klugen Unternehmern, guten Ideen und ihrer Chance auf dem Markt halten. Natürlich ändern sich die konkreten Bedingungen je nachdem, wie viel Geld auf dem Markt ist und wie verzweifelt Leute Deals machen möchten. Aber die Grundlagen, nach denen jeder Risikoinvestor Ausschau hält, bleiben grundsätzlich gleich.

ORF.at: Was ist Ihre Aufgabe bei General Catalyst Partners?

Hughes: Ich suche und bewerte coole Ideen für Investments, einerseits für General Catalyst, aber auch für mich selbst. Das kann eine Beteiligung sein oder die Mitgründung eines neuen Unternehmens. Derzeit bin ich noch auf der Suche. Grundsätzlich interessiere ich mich für viele Dinge, aber besonders, wie die Leute das Internet nutzen, wie wir Technologie in unser tägliches Leben integrieren, wie sie uns als Menschen und als Gesellschaft verändert. Das sind Dinge, die mich faszinieren.

ORF.at: Es hat den Anschein, als ob in letzter Zeit nicht mehr so viele Start-ups mit einer coolen Idee an den Start gingen. Teilen Sie diese Meinung?

Hughes: Es gibt viele Start-ups, die coole Dinge machen, etwa im Consumer-Web, von Finanzdienstleistungen bis zu Websites für die Suche nach Restaurants und Ärzten. Es gibt zig Firmen, die Anwendungen für das iPhone entwickeln. Es gibt viel Bewegung, das hat sich nicht geändert.

ORF.at: Können Sie drei Start-ups nennen, die Ihrer Meinung unterbewertet sind?

Hughes: Ich vermeide, bestimmte Start-ups zu nennen, denn sobald ich das mache, finde ich immer neue, die noch besser sind. Ich versuche, mir die Dinge anzusehen, inwieweit sie für mich und andere Leute nützlich sind.

ORF.at: Wenn Sie keine Start-ups nennen wollen, dann vielleicht Ideen, die das Netz und seine Nutzung verändern, wie es etwa Soziale Netzwerke getan haben. Was ist das nächste große Ding?

Hughes: Der größte Trend geht im Moment zum Echtzeitnetz, sie sehen es überall: Vom Stream auf der Facebook-Website, über Chats und Foren zu bestimmten Events, bei Kollaborationstools wie Drop.io und Googles Wave. Hier bewegt sich viel, und das ist im Moment wahrscheinlich der größte Trend, den ich sehe. Wo er hinführt und wie groß er wird? Wir werden sehen. Es kommt auch darauf an, inwieweit diese Möglichkeiten wirklich hilfreich sind, welche Anwendungen es dafür gibt, und ob sie überleben.

ORF.at: Und speziell auf dem europäischen Markt? Gibt es Unterschiede zwischen den USA und Europa?

Hughes: Ich weiß zu wenig über den Europäischen Markt, um ihn wirklich bewerten zu können. Daher möchte ich auch keine Schlüsse ziehen. Die größten Start-ups kamen meiner Meinung nach bisher aus den USA. Ob das nun von der Art der Investitionsmöglichkeiten abhängt oder wie unsere Universitäten funktionieren, kann ich nicht sagen. Natürlich gibt es auch Firmen wie Skype, aber die meisten kamen aus den USA.

ORF.at: Auch wenn Sie selbst nicht mehr politisch engagiert sind: Glauben Sie, dass Obama die Erwartungen erfüllt hat und erfüllen kann?

Hughes: Die Leute hatten große Erwartungen, keine Frage. Meine persönliche politische Meinung ist, dass es schwer vorstellbar ist, dass die USA noch schlechter dastehen könnten als am Ende der Regierung von George W. Bush: zwei Kriege, das Gesundheitssystem in der Krise, der Klimawandel drängt, fehlende Reformen auf dem Bildungssektor, die Diskussion über Bürgerrechte. Es gibt so viel zu tun, und diese Regierung muss sich der Herausforderung stellen, was sie zuerst angehen will und was sie bewirken kann, etwas, das nicht nur in den Abendnachrichten gut aussieht. Die Regierung macht einen guten Job, etwa im Bereich Gesundheitsreform, da sind wir schon weit gekommen. Wird Obama all unsere Probleme lösen? Nein. Wird er sein Bestes tun, um zumindest die dringendsten Probleme zu lösen? Absolut.

ORF.at: Eines der politischen Ziele Obamas ist Netzneutralität. Außerdem will seine Regierung mit data.gov etwas mehr Transparenz schaffen und den Bürgern besseren Zugang zu Informationen geben.

Hughes: Netzneutralität ist extrem wichtig. Als Internet-Nutzer möchte ich nicht, dass irgendjemand - und vor allem Firmen - die Inhalte, die ich nutzen möchte, reguliert. Wir sehen es oft als selbstverständlich an, dass das Netz im Großen und Ganzen egalitär ist, und wir müssen sicherstellen, dass es so bleibt. Data.gov ist ein großartiges Projekt, das die Bemühungen der Regierung unterstreicht, offener und transparenter zu regieren. Wir alle, mich eingeschlossen, müssen aber auch verstehen lernen, wie schwierig es ist, eine Regierung zu ändern, zumindest in den USA.

ORF.at: Dieser Öffnung stehen eine Reihe Versuche von Regierungen gegenüber, das Netz zu regulieren. Inwieweit können sich Regierungen überhaupt öffnen?

Hughes: Bei der Öffnung geht es um Interoperabilität und offengelegte Protokolle, die es den Menschen ermöglichen, zu kommunizieren. Das begann schon unter Clinton. Meiner Meinung nach geht kein Weg an mehr Offenheit und Transparenz vorbei, es war lange Zeit so schwierig, an Informationen zu kommen. Politiker profitieren, wenn die Leute Informationen analysieren und daraus lernen können. Natürlich gibt es auch Fälle, in denen die Regierung keine Daten veröffentlichen sollte. Bis dahin ist aber noch ein langer Weg und viel zu tun.

ORF.at: Es gibt zahlreiche Staaten, die versuchen, zu kontrollieren, wie und was die Leute kommunizieren. Wird das Netz stärker sein als die Bemühungen?

Hughes: Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass Staaten das Internet regulieren können und auch tun. Es gibt Wege, das zu umschiffen, wir sehen das in China, im Iran, davor in Burma. Das Internet ist kein magisches Ding, das ständig frei zugänglich ist, es ist immer eine Verbindung von Knoten, die Daten weiterleiten. Strukturell ist es so gebaut, dass es schwierig ist, es ganz unter Kontrolle zu bringen, aber es ist in manchen Bereichen möglich. Wir müssen dafür sorgen, dass das Netz offen bleibt und entsprechenden Druck auf Regierungen ausüben, die das nicht schätzen.

ORF.at: Aktuelle Zahlen zufolge hat Facebook MySpace mittlerweile überholt. Ist Facebook nun das Google der Sozialen Netzwerke?

Hughes: Facebook hat über 300 Millionen Nutzer, die Hälfte davon loggt sich täglich ein. Von der Ausrichtung und den Zahlen her ist es sicher das größte Soziale Netzwerk derzeit. Facebook will für möglichst viele Menschen nützlich sein, egal wie alt sie sind, wo sie leben und wie sie die Website nutzen. Und in vielen Bereichen steht Facebook meiner Meinung nach erst am Anfang. Je besser das Erlebnis für den Nutzer ist, desto besser können wir sie mit den Dingen in Verbindung bringen, die ihnen wirklich wichtig sind. Umso besser geht es dann Facebook.

ORF.at: Google will auch nützlich sein - der Vergleich ist für Sie trotzdem nicht zulässig?

Hughes: Facebook macht etwas sehr Einzigartiges, es lässt die Leute mit ihren Freunden in Verbindung bleiben und mit Dingen in Verbindung treten, die sie interessieren. Google macht auch etwas Einzigartiges, es gibt den Leuten den Zugang zu den Informationen, die sie suchen. Ich selbst nutze die Google-Suche jeden Tag, genauso wie E-Mails und Soziale Netzwerke und so weiter. Aber all diese Dinge existieren nebeneinander und unabhängig voneinander.

ORF.at: Wieso hat Microsoft 2007 Facebook eigentlich nicht übernommen?

Hughes: Facebook möchte unabhängig sein und wird es auch bleiben. Es ist eine fantastische Firma, in vielen Aspekten. Die Firma ist hochgradig innovativ und trotz des enormen Wachstums verhältnismäßig klein geblieben. Das ist für die Industrie meiner Meinung nach ziemlich interessant.

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(futurezone/Nadja Igler)