© Günter Hack, Atomium vor US- und EU-Flagge

Die Urahnen des Internets

Serie
31.10.2009

Im französischen Forschungsnetz Cyclades haben Europäer und US-Amerikaner wichtige Technologien entwickelt, die auch dem heutigen Internet zugrunde liegen. Auch die Computerhersteller bastelten an eigenen Netzen, die freilich proprietär waren. Teil acht der futurezone.ORF.at-Serie "Europa und das Netz".

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Das Mitte der 1970er Jahre in Frankreich gestartete Netzwerkprojekt Cyclades zeitigte große Auswirkungen auf den weiteren Verlauf der Geschichte des Internets in den USA. "Im Grunde hatten mehrere Franzosen Einfluss auf das Design unseres Protokolls TCP/IP und das öffentliche Internet", so Internet-Pionier Vint Cerf. "Gérard LeLann war rund um 1974 in meinem Forschungslabor in Stanford. Das war die Zeit, in der wir die ersten Details für TCP erarbeiteten. Er war sehr involviert, genauso wie Hubert Zimmermann, der damals wie Gérard in der Gruppe von Louis Pouzin am Institut de Recherche en Informatique et en Automatique (IRIA, heute INRIA) war."

Datagram nennt sich die französische Erfindung, die Cerf und Bob Kahn in ihr Protokoll TCP übernahmen, das sie im Mai 1974 präsentierten. Erst Jahre später kam die Idee auf, die Protokoll-Suite zu trennen: in die Transportschicht TCP und die Verbindungsschicht IP. Darüber wurde UDP geschnallt, ein verbindungsloses Protokoll mit Datagrammen.

Pakete in der Leitung

Damit hielt ein Prinzip Einzug, das die Welt der traditionellen Postingenieure auf den Kopf stellte. Anstatt fixe Verbindungen aufzubauen und an jedem Knoten die Korrektheit der Datenvermittlung zu überprüfen, lautet das Konzept bei Datagram: "Ein Paket an Information wird von einem Computer (oder Terminal) zu einem anderen Computer als eigenständiger Block gesendet. Die Reihenfolge der Pakete wie auch das Auffinden von verloren gegangenen Paketen werden anhand eines Dialogs zwischen Sender und Empfänger geregelt und nicht vom Netzwerk", schrieben Ray W. Sanders und Cerf im März 1976 in ihrem Artikel "Compatibility or Chaos in Communication", der in "Datamation" publiziert wurde.

"Computer Networks -The Heralds of Reseource Sharing" (Filmdokumentation, 1972)

Die Idee, die Kahn bereits seit Ende der 60er Jahre verfolgte, das Netzwerk selbst dumm zu lassen und die Intelligenz an den Endpunkten anzusiedeln, konnte mit Hilfe des Datagram-Konzepts erstmals verwirklicht werden. Erst wenn nicht alle Datenpakete ihr Ziel erreichen, wird an den Sender die Nachricht übermittelt: Bitte noch einmal. Das Prinzip ist einfach, funktioniert auch heute noch und war vor allem für die Kunden billiger, als der Post lieb war.

Ein Netz von Netzwerken

Es war auch Pouzin, der 1974 erstmals den Begriff "Internet" definierte, nämlich als ein Netzwerk, das aus dem Zusammenschluss von weiteren unabhängigen Netzwerken besteht. Seine Idee der Verbindung von Netz A mit Netz B und Netz C nannte er französisch "Catenet", abgeleitet vom lateinischen Wort "catena" (Kette). Dieser Begriff finde sich auch noch im "Internet Protocol Transition Workbook", anhand dessen 1983 das ARPAnet-Protokoll NCP auf TCP/IP umgestellt wurde, so Daniel Karrenberg, derzeit Vorsitzender der Internet Society. "Aber ich nehme an, da niemand wusste, wie man Catenet richtig ausspricht, ist daraus Internet geworden."

Pouzin hat dazu eine andere Theorie. Franzosen, so erzählt er, würden neue Wortkreationen gerne aus dem Griechischen oder Lateinischen ableiteten - in den 1970er Jahren bereits eine schlechte Idee, um sich damit auf dem internationalen Markt durchzusetzen. Dort zeichnete sich schon die Dominanz des Englischen ab.

Daniel Karrenberg und Louis Pouzin über die Geschichte des Begriffs "Catenet".

Postbedienstete versus Computerwissenschaftler

Die Post- und Telegrafengesellschaften tangierte die richtige Aussprache von Catenet recht wenig. Sie verstanden Datennetzwerke nicht als neues Mediensystem, sondern nur als eine Erweiterung ihrer Dienste: Am Ende der Leitung stand eben kein Telefon mehr, sondern ein Computer - Packet Switching hin oder her. Viel mehr gab es für sie dazu nicht zu sagen. Auch sie arbeiteten an Netzwerken, aber ihr Prinzip lautete Circuit Switching, also durchgeschaltete Kommunikation wie im Telefonnetz.

Peter Kirstein: "A survey of present and planned general purpose European Data and Computer Networks". NATO Advanced Study Institute on Computer Communication Networks, Universität Sussex, gehalten 1973. Tagungsband veröffentlicht bei Uitgeverij Noordhoff, Leiden 1975.

Und daran hielten sowohl Schweden, Dänen, Norweger und Finnen als auch Engländer, Franzosen, Westdeutsche und Italiener fest. Nur die spanische Post hatte sich schon zu Zeiten von Diktator Francisco Franco dezidiert für Packet Switching ausgesprochen. Madrid, Barcelona und Sevilla waren die Knotenpunkte des ersten spanischen öffentlichen Netzwerks RSAN, an dem die Compaña Telefónica Nacional de España, heute bekannt als Telefónica, seit 1971 gearbeitet hatte. Als fünfter Knotenpunkt wurde 1974 Valencia dazugeschaltet.

Fluggesellschaften hatten bereits vor den 1970er Jahren in den Ausbau ihrer Netzwerke investiert. Das Flugreservierungssystem SITA hatte sehr früh ein einfaches Packet-Switching-Network von Hongkong bis Frankfurt und weiter nach New York in Gebrauch - aus Kostengründen. Dafür brauchten sie zwar Ausnahmeregelungen der nationalen PTTs, die damals sehr genau darauf achteten, wer Daten über die Grenze transportierte - denn für das, was über ihre Leitungen ging, waren sie per Gesetz alleine zuständig. Aber die Tatsache, dass das Anmieten einer Standleitung zwischen Paris und Genf 1974 rund 2.000 US-Dollar pro Monat kostete, dürfte den Aufwand, bei diversen Politikern vorstellig zu werden, mehr als gerechtfertigt haben. Die Kosten für eine vergleichbare Strecke in den USA betrugen damals 400 Dollar pro Monat.

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In der nächsten Folge der Serie "Europa und das Netz" lesen Sie, wie Wissenschaftler und Computerfirmen um frühe Netzwerkstandards kämpften. Das Motto dabei: Alle wollen Standards, aber jeder will die seinen. Gleichzeitig erhöhten die PTTs den Druck auf die Wissenschaftler.

Proprietäre Firmennetze

Computerfirmen bauten ihrerseits an proprietären Systemen, um ihre Rechenmaschinen untereinander zu verknüpfen. Dabei versuchten sie, sich so gut wie möglich die Post vom Leibe zu halten. Ihre Berührungspunkte beschränkten sich auf das Anmieten von Standleitungen. Ansonsten spielte jeder sein eigenes Spiel. In den USA betrieb Digital Equipment DECnet, Wang hatte Wangnet, Xerox hatte XNS, und IBM hatte mit SNA bereits Europa im Visier.

Kurz gesagt: In den 1970er Jahren ging es nicht mehr um die Frage, ob Datenkommunikation sinnvoll ist, sondern darum, wer das größte Stück vom Kuchen bekommen wird. Aber einige stellten sich auch bereits die Frage: Wie verbindet man all diese Inseln zu einem heterogenen Netzwerk? Damit Internetworking Verbreitung finden könne, so die Computerwissenschaftler, brauche es dringend Standards. Damit wiederum begann eine neue Runde von Konflikten.

(Mariann Unterluggauer)