Die gute alte Mama Windows
Huch, es ist schon wieder so weit: Ein neues Windows ist auf dem Markt. Wehmütig schauen wir zurück auf ein kuscheliges Leben hinter Fenstern.
Was war noch einmal 1985 los? Matura? Erste Liebe? Vielleicht sogar die Führerscheinprüfung? Ja, schon, aber viel wichtiger: Das Fenster zu einem neuen Betriebssystem ging auf. Gut, man sah da schlecht heraus, es war auch nicht ganz sauber viereckig, und durch den Rahmen zog es ein wenig, aber immerhin, ein Fenster. Es war da, und mit ihm der Satz: "In der nächsten Version wird das aber viel besser."
Es ist auch ständig besser geworden. Ebenso wie die Kampagnen zur Lancierung der neuen Versionen. Da muss sich die Konkurrenz schon gewaltig anstrengen, sie versteigt sich zuweilen sogar in merkwürdigen Spots.
Das war früher ganz anders. Da musste der Assistent vom Chef noch selbst aktiv werden. Er sieht mittlerweile auch ein wenig reifer aus. Kein Wunder, schließlich ist der 7er-Schlauch diesmal ganz besonders neu und besser. Und soll noch viel, viel besser werden, in der nächsten Version.
Gut, früher gingen die Verpackungen besser auf. Aber so ist das eben mit den nächsten Versionen. Sie sind – o. k., lassen wir Windows ME und Vista außen vor – besser als die alten. Aber es soll Menschen geben, die von ihren alten Windows-Versionen nur schwer Abschied nehmen können. Ihnen kann geholfen werden.
Windows 7 kann dem User vielleicht seine Probleme mit den Vorgängern nehmen, aber nicht die Erinnerung an schöne vergangene Jahrhunderte.
1992 kam mit Windows 3.0 ein verbessertes Kartenspiel auf den Markt, das Massen von Büroangestellten dazu brachte, sich plötzlich ernsthaft auf den Bildschirm zu konzentrieren. Und 1995 hatte ich endlich die Gelegenheit, einen Song der Rolling Stones in etwa einer Minute zu hören. Geht doch. Und mit der nächsten vernünftigen Version ging es ja noch kürzer. Und ganz ohne Jagger. Grandios.
Streng genommen ist die gute alte Mama Windows aber wie die Rolling Stones. Ständig geht es wieder auf Welttournee, ganz neu, ganz frisch, sagt man. Die alten Hits funktionieren immer noch wie am allerersten Tag. Und man geht genervt hin, weil einen das ganze Theater halt doch daran erinnert, wie schnell das Leben vergeht, aber mal ehrlich: Wenn die Band nicht mehr aufspielen würde, dann wäre das Geheule groß.
Nur Windows begleitet uns durch die Jahre. Und am Ende, kurz bevor man uns endgültig herunterfährt, werden wir nur eines bedauern: Die nächste – viel bessere – Version werden wir nicht mehr hochstarten können.
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(Harald Taglinger)
