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Loslassen lernen: Meine liebsten Datenskandale

NETZTEILE
10.10.2009

Telekoms, Firmenchefs und sogar Frankreichs platzsparender Präsident Nicolas Sarkozy - alle wollen unsere Daten. Nur, um sie dann möglichst schnell wieder verlieren zu können. Dagegen hilft im Zeitalter von Cloud-Computing nur eins: lockerlassen und Nebel werfen.

Wer Daten sammelt, der muss auch loslassen lernen. So viel haben wir schon einmal begriffen. Da war zum einen die Sache mit 10.000 Hotmail-Accounts. Wir stellen uns das so vor. Da kommt eine Mail von "Bill Gates" mit dem Betreff: "Geschäftsvorschlag", wir klicken natürlich drauf und lesen:

Guten Morgen! Ich bin der Bill Gates, der ganz echte, und ich habe da in meinem Vermögen eine Menge Geld entdeckt, das mir nicht gehört. Muss von irgendwelchen Kunden sein. Würde es Dir was ausmachen, diese Millionen durch ein Konto von Dir nach Afrika zu transferieren? Du kannst auch alles davon behalten, was Du willst. Ich habe genug davon.

Und die Mail haben scheinbar tatsächlich ein paar geglaubt. Dabei hätte ihnen auffallen müssen, dass Mr. Gates sich selbst nie und nimmer "Bill" nennt. Außerdem hat er Milliarden von seinem Vermögen übrig. Nicht nur ein paar Millionen.

Einem bösen Buben eine Phishing-Mail zu beantworten ist irgendwie wie Glücksspiel, aber das wird ja zumindest in Frankreich bald auch schärfer kontrolliert. Natürlich nicht aus steuerlichen Gründen. Es geht einfach nur darum, dass niemand glücklicher sein soll als Sarkozy. Wenn schon alle größer sind als er. Dann wenigstens nicht lustig drauf. Basta.

Es muss nicht immer Datenphishing sein. Datenhandel geht auch. Zumindest bei der Deutschen Telekom. Da kann es schon passieren, dass alle spannenden Kundendaten wegen dynamischer Markterweiterung von Geschäftspartnern weggehen wie warme Modems.

Es hat auch nichts zu bedeuten, dass man plötzlich abends auf seinem Handy Anrufe von Telefonagenturen bekommt, die unauffällige Dinge wissen wollen: "Haben Sie in den letzten Tagen, wenn Sie durchschnittlich 14,6 Minuten mit einer Frau, die nicht ihre Gattin ist, telefonierten, auch an ihre Lebensversicherung gedacht? Nein? Wir hätten ..." Ja, man kennt das. Aus der Luft gegriffen.

Und dann mahnt noch der Datenschutzrat die Bewusstseinserweiterung an. Doch, den Rat gibt es. Und der Rat gibt den Rat, dass Datenschutz in einer vernetzten Welt gar nicht mehr möglich ist. Meinen wir auch. Genau. In der neuen Finanzwelt ist auch Rente nicht mehr möglich, wie so vieles nicht mehr.

Also reagieren wir dementsprechend. Wir gehen ab jetzt ins Netz und legen Hunderte von E-Mail-Adressen an. So dass die Phisher außer Atem kommen. Und wir verschenken unsere Daten, schicken sie an alle Telefonagenturen dieser Welt. Und die Daten unserer Kinder auch. Dem ganzen Datenhandel geht es noch dreckiger als den Verlagen mit ihrem Paid Content. Damit die Telekom in Deutschland meinetwegen auch gleich pleitegeht. Vom Telefonieren wird ja heute keiner mehr reich.

Und wenn das noch nicht hilft, dann setzen wir die Daten unserer Freunde und Nachbarn auch bewusstseinserweiternd ein und senden die an alle Hotmail-Accounts. Das wäre doch gelacht, wenn die Welt nicht in Daten ersticken würde. CO2 ist ein Dreck dagegen.

Merke: Man kann alles fälschen. Aber richtig Ärger macht man nur mit Kopien. Vielen Kopien. Das nennt man Inflation. Und das steht 2010 eh auf dem Programm.

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(Harald Taglinger)