© AP/Matthias Rietschel, Juli Zeh

"Menschen werden gezielt eingeschüchtert"

DEBATTE
24.09.2009

Die deutsche Schriftstellerin Juli Zeh ist eine vehemente Gegnerin des Überwachungsstaats. Ihre Kritik an der totalitären Gesellschaft formulierte sie zuletzt in ihren Büchern "Corpus Delicti" und "Angriff auf die Freiheit". Im Gespräch mit ORF.at erklärt Zeh, was die Dystopie "Corpus Delicti" mit der heutigen Gesellschaft gemein hat, warum ihr das Thema persönlich so nahegeht und was sie an der deutschen Piratenpartei stört.

Die gelernte Juristin Zeh ist eine bekannte Kritikerin von Sicherheitspolitikern wie dem deutschen Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU). 2008 hat Zeh Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass eingereicht.

Im August veröffentlichte sie gemeinsam mit dem in Wien lebenden Schriftsteller Ilija Trojanow das Sachbuch "Angriff auf die Freiheit", eine Kampfschrift gegen Überwachung und den Abbau von Bürgerrechten.

Zur Person:

Juli Zeh, 35, wurde in Bonn geboren und studierte Jus. 2001 erschien ihr Debütroman "Adler & Engel", der im deutschen Feuilleton hoch gelobt wurde. Zeh verfasste seither mehrere Romane, zuletzt "Corpus Delicti". Es ist die Zukunftsvision eines totalitären Staats, der die Gesundheit aller Bürger anstrebt.

"Corpus Delicti" wurde von Zeh zuerst als Theaterstück verfasst, dann als Buch adaptiert und nun gemeinsam mit der Band Slut neu vertont. Das Ergebnis, genannt "Schallnovelle", präsentieren Zeh und Slut am Sonntag im Wiener WUK und am Montag im ARGEkultur-Gelände Salzburg sowie am 12. November im Grazer PPC.

"Corpus Delicti" ist ein düsterer Science-Fiction-Roman, in dem die Menschheit zwar Kriege, Hunger und Krankheit besiegt hat - die Freiheit blieb dabei aber auf der Strecke. Das totalitäre System basiert auf der "Methode", einer Gesundheitsideologie, die jeden Bürger dazu verpflichtet, gesund und fit zu bleiben. Auch "Corpus Delicti"-Protagonistin Mia Holl folgt der Methode blind, bis ihr Bruder verhaftet wird und Selbstmord begeht.

Im Buch wird immer wieder von einer Terroristengruppe gesprochen, die sich "Recht auf Krankheit" (RAK) nennt. Ob diese Vereinigung aber wirklich existiert oder nur ein Vorwand des Überwachungsstaats ist, um brutal gegen einzelne Gegner der Methode vorzugehen, bleibt unklar.

ORF.at: In "Corpus Delicti" beschreiben Sie eine totalitäre Gesellschaft, die absolute Gesundheit anstrebt. Inwiefern verstehen Sie das Stück als Warnung an die jetzige Gesellschaft?

Juli Zeh: Eigentlich sehe ich das ausschließlich als Warnung an die jetzige Gesellschaft. Ich habe die Zukunftsform nur benutzt, um ein bisschen überspitzen und übertreiben zu dürfen. Ansonsten ist die im Roman vorherrschende Mentalität eine, die wir jetzt schon sehen können.

ORF.at: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Zeh: Unser Menschenbild wird immer biologistischer, wir betrachten Zufriedenheit und Gesundheit als einen abstrakten Wert, und zwar schon so krass, dass es regelrechte Wahnerscheinungen gibt. Es gibt Mädchen, die sich fast zu Tode hungern, um schlank zu werden, und Leute, die ihren Gesundheitswahn so lange betreiben, bis sie schon wieder krank davon werden.

ORF.at: Aber hat das auch Auswirkungen auf das Rechtssystem? Wenn ich mich heute ungesund ernähre, werde ich nicht vor ein Gericht zitiert wie in "Corpus Delicti".

Zeh: Stimmt. Aber es gibt kleinere Maßnahmen, die aus der gleichen Geisteshaltung kommen und in die Entscheidungsfreiheit der Menschen eingreifen. Die Rauchverbote zum Beispiel oder die Einführung von ärztlichen Untersuchungspflichten für Kinder.

ORF.at: Sie haben auch in Deutschland eine Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingereicht. Was ist am Fingerabdruck im Pass so schlimm?

Zeh: Fingerabdrücke nimmt man traditionell Verbrechern ab. Jemand, der seinen Fingerabdruck den Behörden überlassen muss, kann sich als Verbrecher angesprochen fühlen, zumindest als potenzieller. Ich wehre mich dagegen, dass die Bürger flächendeckend als potenzielle Terroristen gelten sollen. Es gibt auch andere Gründe, die sachlich dagegen sprechen. Das Hauptargument in meiner Verfassungsbeschwerde ist, dass niemand nachvollziehbar begründet hat, warum wir das brauchen. Die Pässe waren früher auch schon sicher, es gab nur vereinzelt Fälschungen in Europa. Der wahre Grund ist, dass in Brüssel eine Datenbank geplant wird. Sie soll biometrische Angaben aller EU-Bürger speichern. Das wurde zwar immer abgestritten, ist inzwischen aber durchgesickert.

ORF.at: Aber wenn Kriminelle ihre Methoden verfeinern, zum Beispiel bessere Fälschungen erstellen oder ihre E-Mails verschlüsseln, sollte der Staat dann nicht nachziehen können?

Zeh: Punktuell ist es bestimmt notwendig, hier und da mal eine Eingriffsbefugnis anzupassen. Aber die Grundeinschätzung, dass die Kriminellen ihre gesamten Methoden komplett verändert hätten und das Internet ein ganz neues Spielfeld für Kriminalität sei, ist falsch. Die Verbrechensplanung erfolgt genauso wie früher. Wenn zwei Kriminelle in einer Kneipe ihre Pläne besprechen, ist der Staat ebenso wenig präsent. Das Ziel des Spiels kann nicht sein, im Internet totale Kontrolle einzuführen.

ORF.at: Da könnte man fragen: Warum? Haben Sie etwas zu verbergen?

Zeh: Ja, wie jeder andere auch. Diese Frage, ob man etwas zu verbergen hat, finde ich falsch gestellt. Da schwingt ja schon der Anspruch mit, dass jemand, der nichts zu verbergen hat, alles offenlegen soll. So ist das nicht. Jeder Mensch soll in seinen eigenen vier Wänden ungestört sein, völlig egal, was er da verbirgt. Das Recht auf Heimlichkeit gehört einfach zur Menschenwürde.

ORF.at: Warum interessieren Sie sich eigentlich für die Überwachungsthematik?

Zeh: Ich bin da einfach selbst sehr empfindlich. Das klingt vielleicht albern. Aber wenn ich am Computer schreibe, und jemand guckt mir über die Schulter, drehe ich durch. Ich finde das auch ganz schlimm, wenn ich an einer Bushaltestelle eine Zeitung lese, und jemand neben mir liest einfach mit, ohne zu fragen. Da stellen sich mir echt die Nackenhaare auf. Und noch weniger mag ich es, wenn der Staat das tut.

ORF.at: Da sind viele Bürger nicht so empfindlich. Den Großteil stören etwa Videokameras auf Bahnhöfen nicht. Warum?

Zeh: Zum einen, weil diese neuen Kontrollmöglichkeiten für die Menschen abstrakter sind. Wenn man früher jemanden überwachen wollte, hat man sich einen Schlapphut aufgesetzt und sich im Gebüsch auf der anderen Straßenseite versteckt. Heutzutage tun das Kameraaugen, die ganz leise nach jemandem suchen, oder eine Videoüberwachung, die man gar nicht bemerkt. Andererseits werden die Menschen gezielt eingeschüchtert vor der großen terroristischen Bedrohung. Viele haben tatsächlich das Gefühl, wir leben in einem Ausnahmezustand und müssen dem Staat das jetzt erlauben.

ORF.at: Ist das der Grund, warum Sie mit "Corpus Delicti" auf das Repertoire der Science-Fiction zurückgegriffen haben? Um diese Entwicklung sichtbar zu machen?

Zeh: Genau. Die Science-Fiction ist eine von wenigen Möglichkeiten, auf Missstände aufmerksam zu machen. Wenn man Katastrophen in der Geschichte im Rückblick betrachtet, fragt man sich immer: Wieso haben die damals nichts gemerkt? Aber wenn man in diesem Prozess drinnensteckt, fehlt einem dieser Abstand.

ORF.at: Zurück zur Kunst: Sie haben mit der Band Slut "Corpus Delicti" vertont. Das Ergebnis nennen Sie die "Schallnovelle". Was ist das überhaupt?

Zeh: Es ist irgendwie ein Theaterstück, irgendwie ein Hörspiel, eine Lesung, ein Konzert. Weil es dafür keinen Begriff gab, haben wir einen neuen erfunden, in dem Musik und Text vorkommen: "Schall" und "Novelle".

ORF.at: Wie sehr haben Sie ihren Roman dafür überarbeitet?

Zeh: Überarbeiten kann man schon gar nicht mehr sagen. Ich habe die Texte wirklich als Steinbruch benutzt. Wir haben nicht versucht, den Roman, wie er ist, auf die Bühne zu bringen, sondern etwas Neues zu schaffen. Die Texte waren wie eine Materialsammlung dafür.

ORF.at: Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Zeh: Die Band und ich wurden zu einer Veranstaltungsreihe eingeladen, bei der Musiker und Literaten zusammen etwas machen. Slut kannten mich, und ich kannte Slut, aber nicht persönlich. Ich mochte die Band schon immer sehr. Die Jungs und ich haben dann schnell beschlossen, etwas Großes zu machen.

ORF.at: Slut-Sänger Christian Neuburger hat sie als "die Jeanne d'Arc der Überwachungsgegner" bezeichnet. Sehen Sie sich auch so?

Zeh: So eine heroische Bezeichnung würde ich nicht wählen, weil das nicht richtig zu mir passt. Aber bei diesem neuen Thema Überwachungsgesellschaft engagieren sich noch nicht wahnsinnig viele Leute. Wenn man das öffentlich tut und auch etwas lauter ist, bekommt man schnell den Nimbus einer Frontfigur. Ich habe auch nichts dagegen, weil so etwas notwendig ist, um eine Bewegung in Gang zu setzen.

ORF.at: Bisher gehören der Bewegung vor allem Nerds und Bürgerrechtler an, aber kaum die breite Masse.

Zeh: Ich weiß nicht, wie das in Österreich ist, aber in Deutschland tut sich in diesem Jahr wahnsinnig viel. Dadurch, dass sich die Piratenpartei gegründet hat und relativ erfolgreich ist, bekommen die großen Parteien Angst, dass ihnen die Wähler weglaufen. Die Demonstrationen werden immer größer, die normalen Zeitungen schreiben über das Thema. In den letzten Monaten gab es auch viele Skandale von Wirtschaftsunternehmen, die ihre Angestellten gnadenlos ausspähen. Da fangen die Leute zu murren an. Ich bin zurzeit optimistisch. Beim Umweltschutz dauerte es auch eine Weile, bis er im Bewusstsein der Leute ankam.

ORF.at: Was halten Sie von der Piratenpartei?

Zeh: Ich bin sehr froh, dass es sie gibt. Aus ihrer Gründungsgeschichte haben sie eine Komponente, mit der ich nicht ganz einverstanden bin. Das ist ihre Einstellung zum Urheberrecht. Da finde ich ihre Positionen wackelig. Aber was den Datenschutz anbelangt, bin ich einfach nur dankbar, dass es sie gibt.

ORF.at: Mit ihren Ideen zum Urheberrecht greift die Piratenpartei ja Ihren Lebensunterhalt als Autorin an.

Zeh: Das wirkt auf den ersten Blick so, aber das Thema ist in Zeiten des Internets wesentlich komplexer. Ich kritisiere die Piraten nicht dafür, dass sie das auf der Agenda haben. Aber ich finde ihren Ansatzpunkt infantil. Das klingt zum Teil so, als müsse alles im Internet umsonst sein. Das würde ich nicht unterschreiben. Aber ich habe kein Problem damit, dass man Produkte in digitaler Form und vielleicht auch billiger anbietet.

(Ingrid Brodnig)