Lügen haben große Netze
Das Big Business drückt in die Social Networks. Die sollen nun endlich zur Werbeplattform werden. Die Stichworte dazu: Social Advertising und Referral Marketing. Aber wehe, wenn da einer die Unwahrheit sagt. Dann geht der Schuss durch die Wand und trifft den Werbeleiter.
"Ich bin die Ute, und ich mag Schwimmen, Reiten, Lesen!" C'mon, ehrlich, deswegen und wegen ähnlich atemberaubender Profile hat sich doch niemand in Facebook angemeldet, oder? Doch? Dann will man da auch Dinge wie "Ein schöner Morgen" oder "Ich freue mich auf das Wochenende" lesen. In Ordnung, ich schlaf dann schon mal, nur umfallende Reissäcke in Kärnten sind spannender. Bitte nehmt die großen.
Alle anderen Nutzer warten sehnsüchtig darauf, dass sie in Social Networks endlich wieder an die schöne Welt des Konsums herangeführt werden. Es kann doch nicht sein, dass man tagein, tagaus nur über seine eigenen Freunde lesen muss. Die öden einen ja schon im außerbildschirmlichen Leben an. Die reden immer nur von Reiten, Schwimmen, Lesen und freuen sich auf das Wochenende.
Viel spannender sind Produktempfehlungen, wie sie Udorse vorhat. Ein Produktfoto sagt mehr als 1.000 Worte, auch überflüssige ... sowohl Worte als auch Fotos. Und statt sich aufs Wochenende zu freuen, kann man sich ja auch begeistert für Packerlsuppen oder Noppenkondome ins Zeug legen. Endlich eine eigene Kernkompetenz gefunden, hinweg mit Pferden, Hallenbädern und Büchern. Und wem das alles zu dinghaft ist, der kann sich ja auch für andere starkmachen. Wenn man trotz Facebook noch Freunde hat, freuen die sich immer über eine Empfehlung.
Alles wunderbar, gäbe es da nicht zunehmend etwas Entsetzliches: Sogar Twitter-Accounts schwirren gefälscht durch das Netz. Das muss man sich einmal vorstellen. Es gibt Menschen, die behaupten im Internet, sie seien kleine Mädchen oder Rundfunkintendanten. Da hatte sogar jemand behauptet, der Reiter, also der Oberste einer deutschen Rundfunkstation, zu sein. Gut, der hat jetzt eine Klage am Hals.
Aber nicht auszudenken, wenn wunderschöne Empfehlungen zunehmend gefälscht sein sollen. Nichtsahnend und freudig öffnet man dann am Morgen sein soziales Netz und lässt sich von vermeintlichen Freunden vermeintliche Produkte aufschwatzen. "Trink täglich Detonator, das gibt Energie. Das sagt sogar mein Freund, der Oberste einer deutschen Rundfunkanstalt." Und wir Deppen rennen dann zur nächsten Tankstelle und stehen vor einem prustenden Verkäufer, der uns vielleicht noch geistesgegenwärtig anbietet durchzuzünden, wenn wir einen Liter Super auf ex trinken.
Eine Frechheit. Über so etwas würden wir uns ja am liebsten bei der blöden Kuh beschweren, die Reiten, Schwimmen ... aber die gibt es gar nicht. Beziehungsweise: "Die" ist 39 und schmerbäuchig, Akkordarbeiter bei einer Online-Marketingagentur auf den Malediven und ehemaliger Aussteiger aus Goa. Er braucht das Geld.
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(Harald Taglinger)
