Blogger-Porträts: Vier von vielen
Facebook und Twitter bestimmen derzeit die öffentliche Diskussion, wenn es um das Web 2.0 geht. Trotzdem ist die "klassische" Blogosphäre aktiver denn je, und das auch in Österreich.
Dass mit dem Bloggen hierzulande kaum Geld zu verdienen ist, ist keine Neuigkeit. Dass es trotzdem immer mehr Blogger mit immer mehr Lesern und auch einer langsam aufkeimenden gesellschaftlichen beziehungsweise politischen Relevanz gibt, hat sich erst unlängst wieder gezeigt: Der "Falter"-Journalist Florian Klenk wirbelte mit seinem Artikel über interessante Entscheidungen im Justizpart der demokratischen Gewaltenteilung einigen Staub in Österreich auf.
Am Sonntag in "matrix"
Die Reportage von Roland Gratzer über die Blogosphäre hören Sie am Sonntag um 22.30 Uhr im Ö1-Netzkulturmagazin "matrix".
Und plötzlich war es Mitarbeitern des Justizministeriums nicht mehr möglich, auf seine Website zuzugreifen. Oder: Eine gemeinsame Aktion mehrerer CMS-Publizisten wollte Mitspracherecht an der vielzitierten Basis der Wiener Grünen erreichen. Oder: Ein Kärntner Technikjournalist fordert Transparenz in der Landespolitik und ruft via Blog zum Hinterfragen der Steuergeldverwendung auf.
Von der Rumpelkammer zum Plenarsaal
"Transparenz ist die neue Objektivität", verkündete Dave Weinberger unlängst mit oft "wiedergezwitscherten" 140 Zeichen. Und an sich in der Weltgeschichte eher unbedeutende Fehlentscheidungen rufen plötzlich einen überschaubaren, aber desto deutlicheren Protest hervor.
Aus der einstigen "Rumpelkammer" Blog ist ein freier Plenarsaal geworden (sofern man Internet und Endgerät sein Eigen nennen kann). Die österreichische Blogosphäre scheint also langsam erwachsen zu werden und ist dabei trotzdem ganz schön aufmüpfig.
Vermutungen
Heinz Wittenbrink, Blogger und Professor für Social Media und Online-Journalismus an der FH Joanneum Graz
"Im Blog hat man die Möglichkeit, Dinge zu schreiben, die man nur vermutet. Wenn es jemand besser weiß, kann er es einfach in einem Kommentar schreiben", meint Heinz Wittenbrink, Blogger und Professor für Social Media und Online-Journalismus an der FH Joanneum Graz.
Das mit den Gerüchten weiß auch Helge Fahrnberger. Aber was passiert, wenn sich "klassische" Medien in einen solchen Informationsprozess einschalten, das war dann doch ein bisschen wild. Der Wiener Web-Unternehmer hatte auf seinem Blog von einem möglichen Engagement von Google im oberösterreichischen Kronstorf berichtet, was angeblich zwei Landwirte einem Twitter-User erzählt hätten. Dann klinkte sich die Medienwelt ein: Aus "angeblich" wurde "offenbar", dann wurden die Hinweise langsam "konkret", und irgendwann war es "fix" und außerdem an mehreren Stellen "exklusiv".
Journalisten wollen Wahrheiten verkünden
Helge Fahrnberger, Blogger und Web-Unternehmer in Wien
"Ein Journalist hat das Bedürfnis, Wahrheit zu verkünden, die es nicht gibt", so Fahrnberger. Dass Google wirklich etwas in Kronstorf plant, war dann eher ein glücklicher Zufall. Auch wenn es "nur" ein Datencenter sein wird und kein häufig kolportiertes europäisches Headquarter mit Hunderten Mitarbeitern und einer regionalen Stolzsteigerung.
Zahlreiche Blogeinträge später ist Fahrnberger selber zur Geschichte geworden. Als einer von mehreren Initiatoren des Politprojekts "Grüne Vorwahlen" wollten er und andere Blogger die zur Wahl stehenden Funktionäre der Wiener Grünen mitbestimmen. Die Folge war ein noch andauernder Disput um Anträge, Ablehnungen und Grundsätze im Allgemeinen.
Politische Blogger
"Es gibt keine Berufsgruppe, die so weit weg ist von den Menschen wie die Politiker", erklärt Georg Holzer. Der Kärntner Technikjournalist ist quasi "aus der Not heraus" zu einem politischen Blogger geworden. Open Government und Transparenz sind die Stichworte, mit denen er einen Informationskampf mit der Landespolitik seines Bundeslandes aufgenommen hat.
Es war spät am Abend. Die vier im Landtag vertretenen Parteien BZÖ, SPÖ, ÖVP und die Grünen diskutierten - ohne dass es auf der Tagesordnung stand - ein neues System der Parteienförderung. Journalisten waren keine mehr anwesend, und seltsamerweise war die Internet-Übertragung justament ausgefallen.
Drohungen
Georg Holzer, Blogger und Technikjournalist
Nach der Debatte waren die Parteien um ein paar Millionen Euro Steuergeld besser gefördert. Eine offizielle Aussendung gab es übrigens nicht. Erst die "Kleine Zeitung" brachte die Geschichte an die Öffentlichkeit, andere Medien sprangen auf. Ein angedrohter "Inseratenrückgang" war eine der ersten Reaktionen der Politik auf die Vorwürfe. Holzer konnte die ganze Causa einfach nicht fassen und rief auf seiner Website K2020.at zum Protest auf.
Online-Petitionen, Aufschlüsselungen über die Verwendung von Steuergeld für Parteiinserate und kleine Videohäppchen aus der Welt der politischen "Seitenblicke"-Hi(gh)-Society-Gesellschaft und vieles mehr gibt es auf dieser Plattform. "Es hängt davon ab, wie man Dinge aufbereitet, damit es selbst der Stammtischdiskutierer im Wirtshaus im letzten Dorf noch versteht. Und dafür ist das Internet ein guter Kanal", meint Holzer.
Er vertraut auf die exponentielle Entwicklung der Internet-Nutzung in den nächsten Jahren. "Dann können die Politiker einfach nicht so weiterwurschteln, ohne dass der einzelne Bürger draufkommt", hofft der bekennende technikaffine Kärntner, dem sein Bundesland "sehr viel wert ist".
Differenzierungen
Heinz Wittenbrink schreckt zwar nicht vor politischen Blogeinträgen zurück, sein Hauptaugenmerk liegt aber auf dem Medium an sich. Im Schreiben für Weblogs sieht er eine moderne Form der literarischen Gattung Essayismus. "Klassische Essays sind dadurch gekennzeichnet, dass das Schreiben immer auch ein Versuchen aus einer subjektiven Perspektive heraus ist. Das kennzeichnet auch die Blogs."
Seiner Erfahrung nach gehe es in erster Linie darum, schreiben zu können. Und das Schreiben im Hypertext stelle andere und neue Anforderungen an die Autorenschaft. "Es kommt darauf an, eigene Themen zu finden und verlinkt, sprich dialogisch, zu schreiben." Ein Teil seiner Lehrtätigkeit besteht darin, die Studierenden "kritisch zu initiieren und zu begleiten".
These
Die öffentliche Begleitung der Blogosphäre ist in letzter Zeit jedoch gefühlt zurückgegangen. Twitter und Facebook sind die Publikationsformen, die es mittlerweile sogar auf Titelseiten und Tagesthemenseiten der Printmedien geschafft haben. Für Wittenbrink ist das kein Ende eines gerade einmal begonnenen Hypes, sondern schlichtweg eine Differenzierung.
Seine These lautet: Die kurze Mitteilung geht auf die Microblogging-Dienste über, das reflektierte Schreiben wird sich im Blog weiterentwickeln. Das Schreiben im Hypertext sei nämlich noch alles andere als fertig gedacht. Schließlich habe es auch beim Buch eine Ewigkeit gedauert, bis sich - heute nicht mehr wegdenkbare - Dinge wie Seitenzahlen und Inhaltsverzeichnisse entwickelt hätten.
Fehlinterpretationen
Ex-Bloggerin "Nunu"
Wer an Blogs denkt, denkt in erster Linie nicht unbedingt an politische Initiativen oder wissenschaftliche Analysen der Textproduktion an sich. "Online-Tagebuch" hat man Blogs lange und vor allem gerne genannt. Privates öffentlich machen, Intimes mit der Welt teilen und ein spezifisches Image kreieren sind nur ein paar gerne auch vorwurfsvoll verwendete Phrasen, die dieser Art von Blogs zugeschrieben werden.
"Es war mein Ventil, eine eigene Art der Meinungsfreiheit", erinnert sich Ex-Bloggerin "Nunu" an ihre aktive Zeit zurück. Bis zu 200 Leser täglich teilten mit ihr Beobachtungen aus dem Alltag, mit Pseudonymen versehene Freundschaften, Erfahrungsberichte von Vorstellungsgesprächen und sogar das Ende einer Beziehung. "Ich habe meine eigenen Grenzen überschritten. Das Blog hat in einer Form in mein echtes Leben eingegriffen, die ich nicht mehr wollte."
Der Preis ist hoch
Blogs:
Zwar hat sie sich alles andere als aus dem Web 2.0 zurückgezogen, auf die tiefen Einblicke in ihren Seelenhaushalt und die Fehlinterpretationen ihrer auf ewig archivierten Emotionen kann sie aber gut verzichten. Ein Satz ihres letzten Eintrags lautete deswegen auch: "Aber der Preis der fehlenden Anonymität ist mir zu hoch. Es gibt Menschen, bei denen ich mir sicher bin: egal was ich schreibe, sie werden es falsch auffassen. Und das sind Menschen, von denen ich mehr kenne als nur ihren Usernamen und ihren sShreibstil."
Florian Klenks Schreibstil hat übrigens angeblich/offenbar/konkret dazu geführt, dass die Filter des Justizministerium seine Blogeinträge in den Themenkreis "Sex, Chat, Gambling, und Hacking bzw. Spyware, criminal activity, violence, weapons, illegal drugs" hineininterpretiert haben. Damit würde sich wenigstens auch ein bisschen Geld verdienen lassen.
(matrix/Roland Gratzer)
