China: Jugendlicher stirbt in Internet-Bootcamp
Der Tod eines 15-Jährigen, der in einer Therapieeinrichtung zur Bekämpfung von "Internet-Sucht" zu Tode geprügelt worden war, beschäftigt derzeit die chinesischen Behörden. Experten beklagen das Fehlen diagnostischer und therapeutischer Standards zur Behandlung von "Internet-Sucht".
Nach Angaben der offiziellen chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua vom Montag ermitteln die Behörden derzeit im Fall des Todes eines Teenagers in der Stadt Nanning (Autonome Region Guanxi Zhuang). Der 15-Jährige namens Deng Senshan soll von "Beratern" einer Klinik zu Tode geprügelt worden sein, die Kuren gegen Internet-Sucht anbietet.
Der Jugendliche war am Samstag von seinen Eltern in die Klinik gebracht worden und hätte einen Monat bleiben sollen, "um von schlechten Gewohnheiten fernzubleiben und wieder Selbstachtung und eine positive Lebenseinstellung zu erlangen", wie Xinhua die Vereinbarung der Eltern mit der Klinik zitiert. Die "Kur" in dem Etablissement, das Teil einer Kette solcher "Trainingszentren" ist und derzeit rund 100 Jugendliche betreut, hätte umgerechnet rund 1.000 US-Dollar (694,5 Euro) gekostet.
Keine Definition für "Internet-Sucht"
Laut Angaben der Eltern sei ihr Sohn nicht polizeibekannt gewesen und habe auch keine anderen Verhaltensauffälligkeiten außer der "Internet-Sucht" aufgewiesen.
Xinhua zitiert chinesische Psychologen, die den Mangel an diagnostischen und therapeutischen Standards in Sachen "Internet-Sucht" in der Volksrepublik beklagen. 2008 veröffentlichte die China Youth Internet Association einen Bericht, nach dem über zehn Prozent der 100 Millionen Internet-nutzenden Teenager in der Volksrepublik als "süchtig" eingestuft worden sind.
Elektroschock-"Therapie" verboten
Das wiederum öffnet ein interessantes Geschäftsfeld. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge gibt es derzeit in China über 200 Organisationen, die "Therapien" gegen "Internet-Sucht" anbieten. Diese Therapien bestünden allzu oft nur aus paramilitärischen Exerzierübungen. Im Juli hatten die chinesischen Behörden verboten, Elektroschocks zur "Heilung" von "Internet-Süchtigen" einzusetzen, nachdem chinesische Medien einem Psychologen auf die Schliche gekommen waren, der rund 3.000 Teenager mit Elektroschocks gesetzt hatte, um sie von ihrer "Sucht" zu heilen. In China gibt es, nach offiziellen Angaben, rund 300 Millionen Internet-Nutzer.
Zum Vergleich: Laut einer im Juli 2009 veröffentlichten Studie des Lehrstuhls für Pädagogische Psychologie der Humboldt-Universität Berlin, die auf einer Befragung von 5.200 Schülerinnen und Schülern im Alter von 12 bis 19 Jahren in den Jahren 2005 und 2009 basiert, sind nur 1,4 Prozent der Befragten als "Internet-süchtig" einzustufen.
(Reuters/futurezone)
