Hightech-Zentrum Tel Aviv
Etwa sechs Prozent der Bevölkerung Israels arbeitet im Bereich der Hightech-Industrie. Diese sechs Prozent wiederum generiert rund 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), also mehr als die Hälfte aller Güter und Dienstleistungen des Landes. Das Zentrum der israelischen Hochtechnologieszene liegt in Tel Aviv.
Am Sonntag in "matrix"
Die Reportage von Rosa Lyon über die IT-Szene von Tel Aviv hören Sie am Sonntag um 22.30 Uhr im Ö1-Netzkulturmagazin "matrix".
Tel Aviv ist wie New York: ganz anders, als man aus der Ferne meinen würde, und vor allem anders als der Rest des Landes, in dem sich diese Stadt befindet. Tel Aviv gilt als das Silicon Valley Israels. Es gibt dort über 3.000 Start-ups in verschiedensten Hightech-Sparten. In Bezug auf Unternehmen, die an der US-Technologiebörse NASDAQ gelistet sind, rangiert Israel an zweiter Stelle, gleich nach den USA.
Rafael Mizrachi ist einer der IT-Jungunternehmer, die sich in Tel Aviv niedergelassen haben. Der Programmierer und Erfinder betreibt neben seinem Halbtagsjob bei einer Software-Firma ein eigenes Start-up namens Feng GUI. Feng GUI stellt eine Software her, mit der sich die Informationsübertragung und -verarbeitung in Augen und Gehirn nachvollziehen lässt. Konkret möchte Mizrachi mit diesem Neurosimulator nachvollziehen, wie Menschen Dinge in den ersten fünf Sekunden nach deren Sichtung wahrnehmen.
Simulation der Wahrnehmungsprozesse
"Wir wollen damit Designern und Werbern dabei helfen, optische Aufmerksamkeit zu analysieren", so Mizrachi. "Feng GUI entwickelt kognitive Landkarten, mit denen man herausfinden kann, ob das Design als schön empfunden oder ob eine Werbung schnell genug wahrgenommen wird. Bisher gibt es dafür teure 'Eye-Tracking'-Systeme, mit denen die Bewegungen der Augen beim Betrachten der Vorlagen mit Kameras aufgezeichnet und dann analysiert werden. Aber ein Software-Simulator ist natürlich viel günstiger."
Als Rafael Mizrachi zehn Jahre alt war, hatten alle anderen Schulkollegen kleine elektronische Spielkonsolen, auf denen etwa Pac-Man lief. "Meine Eltern wollten mir keinen Pac-Man-Handheld kaufen", sagt Mizrachi. "Ich war sehr frustriert. Also nahm ich die Kartonverpackung von Spielkarten und baute darin ein Labyrinth mit Kartonwänden und setzte große Ameisen hinein. Auf der oberen Seite gab es Figuren aus Metall, die durch Magneten auf der unteren bewegt werden konnten. Ich habe also ein physisches Pac-Man-Spiel erfunden. Die Kinder in der Schule wollten lieber mit meinem Pac-Man spielen als mit ihrem eigenen", erzählt Mizrachi.
Unterwegs mit "Mister ICQ"
Finanziert wird Feng GUI von Yossi Vardi, dem wohl bekanntesten IT-Risikoinvestor Israels. Er wurde als "Mister ICQ" auch über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt. 1998 gelang es Vardi, das von ihm finanzierte Unternehmen Mirabilis - den Hersteller des Chat-Programms ICQ - für rund 400 Millionen US-Dollar an AOL zu verkaufen. "Der ICQ-Deal hat dieses Land wachgerüttelt", sagt Vardi und scherzt: "Dieser Deal hat Tausende junger Menschen inspiriert. Und ich bin seither größer, blonder, dünner, blauäugiger, und alles, was ich sage, ist weise - seit wir die Firma verkauft haben."
Bevor sich Vardi der Förderung junger Kreativer verschrieben hatte, war er Berater der Weltbank und der UNO, er hat auch als Consultant für die israelische Regierung gearbeitet und wirtschaftliche Verhandlungen mit Jordanien und Ägypten geführt. Und er gehörte zu den führenden Kräften bei der Ausarbeitung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Israel. Vardi ist ein ökonomisch und sozial denkender Mensch, der sich politisch engagiert und über die Grenzen der IT-Branche hinausdenkt.
Probleme der Hightech-Industrie
"Dass die Hightech-Branche als Lokomotive der Wirtschaft fungiert, hat zwei negative soziale Nebeneffekte", sagt Vardi. "Einerseits arbeiten in der gesamten Hightech-Industrie weniger als sechs Prozent der Bevölkerung. Das ist viel zu wenig. Die Vorteile durch diesen Sektor kommen nur wenigen Menschen zugute. Und das zweite Problem ist die Diskrepanz zwischen jenen, die viel haben und jenen, die wenig oder nichts haben. Die, die nichts haben, sind natürlich frustriert. Es geht ja nicht darum, wie viel man absolut hat, sondern darum, wie viel man in Relation zu seiner Umgebung hat. Zu wenige Menschen bekommen viel mehr als der Rest der Bevölkerung."
Yossi Vardi tritt lässig auf. Mit seinen 67 Jahren schlurft er in offenem Hemd und mit zerzaustem Haar durch die Hallen des IBM-Gebäudes, wo gerade eine der derzeit beliebten Un-Conferences mit dem Namen "Muse Net" stattfindet. Auf dieser Veranstaltung, auf der es um Musik im Internet geht, ist jeder Teilnehmer gleichzeitig Programmgestalter. Hacker und Geeks tauschen hier gleichberechtigt Ideen aus.
Musik und Ideen
Eines der gezeigten Projekte läuft unter dem Namen mytube: ein Ungetüm aus Plastikmontagerohren, die mit einem Kartongestell zusammengehalten werden und sich nach Art eines Vibraphons mit einem Kochlöffel bespielen lassen. Der Sound lässt sich auch ohne Verstärker im ganzen Konzerngebäude vernehmen. Ein Motto der Veranstaltung lautet: Nicht alles muss vermarktet oder verkauft werden. Es geht darum, Ideen zu sammeln und vorzustellen. Yossi Vardi fühlt sich wohl hier, er umgibt sich besonders gerne mit jungen, talentierten Leuten. Das inspiriert ihn und stimmt ihn positiv, erklärt er.
Bleibt zu fragen, nach welchen Kriterien er seine Investitionen tätigt. "Ich lese keine Businesspläne", so Vardi. "Businesspläne und Würste haben nämlich eins gemeinsam: Man schätzt sie nur dann, wenn man nicht weiß, wie sie erzeugt wurden. Ich will in Unternehmen investieren, die von angenehmen Leuten betrieben werden, weil ich zu alt bin, um mich mit Nervensägen zu umgeben. Ich möchte, dass diese Leute an Werte glauben und maßvoll in ihren Ausgaben sind. Generell konzentriere ich meine Investments auf zwei Bereiche: Neue Internet-Anwendungen für Endverbraucher und Mobilfunk-Apps. Und ich investiere grundsätzlich nur in Israel."
Elektroautos für Israel
Auch als überschaubarer Testmarkt für ausländische Hochtechnologieunternehmen ist Israel interessant. Better Place beispielsweise ist ein in den USA von dem ehemaligen SAP-Manager Shai Agassi gegründetes Unternehmen, das in Israel eine Niederlassung hat und schon 2010 das ganze Land mit einem Netz von Elektrotankstellen überziehen möchte. Israel ist ungefähr so groß wie Niederösterreich – es ist daher naheliegend, in dem überschaubar großen Land an einen flächendeckenden Einsatz von Elektroautos zu denken. Eines der Probleme dabei: Für jede gefahrene Minute muss man eine Minute lang Strom laden.
Better Place hat ein System entwickelt, mit dem es möglich ist, innerhalb einer Minute die standardisierten Akkus der Elektroautos zu tauschen. Damit würden die Wartezeiten beim Laden entfallen. Dass Elektroautos unverhältnismäßig teuer sind, schreckt viele Interessenten ab. Better Place möchte Elektroautos so erschwinglich wie Benzinautos machen und mindestens so bequem. Die von Better Place entwickelte Bordsoftware der Elektromobile sucht über das Navigationssystem die nächste Tankstelle und koordiniert die optimalen Ladezeiten, erklärt Tal Agassi, Direktor der Abteilung International Developement.
Standards für Elektromobile
"Bei jedem gewagten Plan gibt es drei Phasen", so Agassi. "In der ersten Phase sagen die Menschen, dass es eine verrückte Idee ist. In der zweiten Phase erklären dir die Leute, warum es nicht funktionieren wird. Und in der dritten Phase sagen sie, dass sie ja schon immer gewusst haben, dass es funktionieren würde. Ich glaube, wir befinden uns in der zweiten Phase. Man erklärt uns, warum Elektroautos nicht funktionieren können. Wir sind dabei, die Autos und deren Infrastruktur so weit zu standardisieren, wie es nötig ist. Um Batterien rasch wechseln zu können, müssen alle Batterien gleich sein. Um überall tanken zu können, müssen die Stecker einheitlich sein."
Better Place zeichnet eine mögliche Zukunftsperspektive für die Entwicklung neuer Schlüsseltechnologien in Israel vor. Seit seiner Gründung hat sich das Land vom Exporteur landwirtschaftlicher Produkte zu einem Industriestaat mit starkem Standbein in der Sicherheits- und Militärtechnik entwickelt. In Zukunft, so hoffen Tal Agassi und seine Kollegen, wird Israel führend im Bereich umweltfreundlicher Technologien sein.
(matrix/Rosa Lyon)
