© Günter Hack, Grafik: Diskette mit Ausrufezeichen

Als die Welt wieder zur Scheibe wurde

ARCHÄOLOGIE
05.09.2009

In der fünften Folge der Futurezone-Sommerserie "digitale Trichtergrammophone" erinnert Peter Glaser an die Zeit, als Daten noch auf Disketten gespeichert wurden. Anders als die heute gebräuchlichen Speicherchips konnten die Floppy-Lesegeräte sogar musizieren.

Als ich Ende der 70er Jahre mit der Homecomputerei anfing, waren Disketten etwas für die Großen. So was benutzte man in Rechenzentren. Manchmal sah man auf Flughäfen einen Mann im blauen Anzug, der eine tortengroße Scheibe mit einer transparenten Abdeckhaube bei sich trug - eine Computerspeicherplatte! Solche Männer handhabten auch Disketten.

Als normalsterblicher Kleincomputerbesitzer benutzte man damals, um Software zu laden oder zu speichern, einen Kassettenrekorder. Die Programme wurden auf gewöhnlichen Audiokassetten gespeichert. Man wusste: Computer sind rasend schnell, und so dauerte es auch keine fünf Minuten, bis der Ladevorgang vollführt war - jedenfalls, wenn der Rekorder ungestört seiner Arbeit nachgehen konnte. Stieß man unabsichtlich gegen den Tisch, auf dem das Gerät ruhte, schlug die Nadel der Aussteuerungsregelung (die man bereits beim Überspielen von Schallplattenaufnahmen fürchten gelernt hatte) jäh in den roten Bereich aus, und das Laden ging in neuer Frische los.

Zur Person:

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs in Berlin.

Vernichtung per Knopfdruck

1971 hatte IBM die ersten acht Zoll (etwa 20 Zentimeter) durchmessenden Disketten auf den Markt gebracht. 1976 führte die Firma Shugart die ersten 5¼-Zoll-Disketten ein. Es erwischte mich dann Ende der 70er Jahre, als ich einen Job als Setzer für eine Stadtzeitung machte. Die Geschäftsführung hatte eine Lichtsatzanlage angeschafft, damals hypermodern, und ich hielt zum ersten Mal eine Diskette in der Hand. Abgesehen davon, dass es von der Entwicklerflüssigkeit für die Belichtung der Satzfahnen fortan ständig nach totem Fisch roch, überzeugten mich die Komforts der elektronischen Textverarbeitung. Die Vernichtung lästiger Manuskripte, die ich eingegeben hatte, ließ sich nun mit einem einzigen Knopfdruck bewerkstelligen. Es ging sogar noch einfacher: Wenn ich mit dem Bürosessel ein wenig auf dem Kunststoffteppichboden hin und her rollte, lud ich mich mit ausreichend statischer Elektrizität auf, um den Satzrechner schon durch eine sachte Berührung k. o. zu streicheln.

Wesentlichen Beitrag zur Aufhellung meiner Gemütsverfassung leistete eine Extradiskette, die ein Servicetechniker dagelassen hatte. Sie enthielt zwei Programme. Das eine malte einen Weihnachtsbaum aus Buchstaben auf den Bildschirm. Dazu spielte es mit Hilfe des Tongenerators, der sonst nur PIEP machte, "Oh du Fröhliche". Auch wenn es sich anhörte, wie wenn man einen eingeschalteten Rasierapparat auf einen Teller legt, war ich doch begeistert: Die Lichtsatzmaschine versuchte zu SINGEN! Das andere Programm hieß "Breakout" und war eine Variante des Computerspieleklassikers "Pong". Ab sofort saß ich acht bis zehn Stunden täglich vor dem grünen Bildschirm, um Artikel zu setzen, und anschließend weitere drei, vier Stunden, um "Breakout" zu spielen.

Die magische Diskette

Warum? Warum setzen sich Menschen in Taucheranzügen auf den Grund eines Swimmingpools und spielen Skat? Warum fahren Menschen mit 300 Stundenkilometern tagelang immer im Kreis herum? Meine Augen brannten, ich hatte Kreuzschmerzen und taube Fingerspitzen, und ich spielte "Breakout". Ping. Pong. Ping. Es gab nichts zu gewinnen als das Gefühl, es dieser gleichgültigen Maschine gezeigt zu haben, die nie lächelte und so rührend falsch sang. Diese digitalen Wunder wurzelten auf eine Weise, die ich nicht genau verstand, auf den Disketten. Anfangs hatte ich Angst, die Diskette wieder aus dem Laufwerk zu nehmen, nachdem das Satzprogramm gestartet war. Ich war mir sicher, dass eine Art elektrischer Verbindung zwischen der Diskette und dem Computer bestand, die abreißen würde, wenn ich die Diskette aus dem Laufwerk zog.

Durch einen Schlitz in der schwarzen Diskettenhülle konnte man das Trägermaterial erkennen. Es war dieselbe braune Beschichtung wie bei Videobändern und Audiokassetten. In Gestalt der Diskette war das Material aber interessanterweise ehrfurchtgebietender. Auch auf diesen Bestandteil strahlte der Mythos des Computers ab. Nach einer Weile legte sich das aber wieder. Anfang der 80er Jahre waren viele Wohnungen noch mit Kohleöfen ausgestattet, so auch meine. Neben dem Tisch, auf dem mein Computer stand und sich die Disketten (720 Kilobyte Fassungsvermögen) stapelten, stand der Ascheimer, und da ich zu faul war, ihn jeden Tag hinunterzutragen, bildete sich eine zarte, gelbe Ascheschicht auf allen ebenen Flächen im Zimmer. In den 60er Jahren hatten Raumschiffe wie die "Orion" und die "Enterprise" mit ihrer stets sauberen Innenausstattung den Weltraum durcheilt und ein Bild der Zukunft entworfen. Hätte ich damals jemandem erzählt, dass es 1987 so aussehen würde wie in meinem Zimmer, man hätte mich eingeliefert.

Singende Floppy-Drives

Vor etwa 30.000 Jahren entwickelte der Mensch jene Technik, die Keramik heißt. Bemerkenswert daran ist, dass er als Erstes nicht etwa nützliche Dinge produzierte, wie wir auf Effizienz verengten, zivilisierten Zeitgenossen heute vermuten würden. Ehe die frühen Töpfer darangingen, Nützliches wie den Krug zu erfinden, schufen sie jahrhundertelang hübsche Fruchtbarkeitsgöttinnen. Nützliches herzustellen gelingt sogar Tieren. Sich zum einzigartigen Kulturwesen erheben konnte der Mensch erst, als er in der Lage war, Unsinn hervorzubringen. Immense Kreativität wird freigesetzt, um Zweckfreies zu erzeugen.

Besonders auffällig ist das am Computer, einer Maschine, die scheinbar strotzt vor Vernünftigkeit. Seit jeher haben Programmierer das Äußerste an Findigkeit aufgeboten, um genialischen Quatsch zu erschaffen. Für den Commodore C64 gab es ein Programm, mit dessen Hilfe sich die rote LED an der Diskettenstation dimmen ließ, und ein anderes, mit dem man durch gezielt verändertes Trafosummen und das Schrittmotorgeräusch des Schreib-Lese-Kopfs Stücke wie den "Radetzkymarsch" spielen konnte.

Digitale Trichtergrammophone

Digitaler Sammlertrieb

Der Sammeltrieb, der sich früher an Briefmarken und Fußball- oder Astronautenbildern entladen hatte, schwenkte nun auf Software um. Die Diskette war das universelle Sammelalbum dafür. Auch wenn man immer nur sein eines Lieblingskopierprogramm benutzte, sammelte man Kopierprogramme, "PacMan"-Versionen, alles, was zu kriegen war. Man besuchte einander mit der Diskettenstation unterm Arm, und wenn die Diskettenstation des Gastgebers heißlief, kam die Mitgebrachte zum Einsatz und die überhitzte in den Kühlschrank. Die Disketten wurden kleiner, robuster und bestimmten die Herrenmode: Das Einzige, worauf ein Computerfreak beim Kauf eines Hemd oder einer Jacke achtete, war, ob die Taschen groß genug waren, um Disketten einzustecken. Dann überholte der Speicherplatzbedarf das Fassungsvermögen der Disketten. Festplatten wurden erschwinglich, CD und CD-ROM verbreiteten sich. Um auf einem Rechner Windows 95 einzurichten, waren bereits mehr als 30 Installationsdisketten nötig. Apple liefert seine Rechner bereits seit 1998 ohne Diskettenlaufwerk aus.

Heute feiert die Diskette in umgewidmeter Form ihr Comeback - als Designobjekt. Die Gestalt der kleinen 3,5-Zoll-Disketten in der steifen Plastikverkleidung wird gern zu Trinkglasuntersetzern, Notizbuchumschlägen oder Tapetenmustern verfremdet. Es gibt inzwischen CDs in Hüllen, die aussehen wie Diskettenhüllen, USB-Laufwerke im Diskettendesign und in Diskettenform genähte Geldbörsen. Die Floppy Disk lebt - als Symbol einer Zeit.

(Peter Glaser)