Zeitreise mit "Monkey Island"
Seit kurzem ist mit "The Secret of Monkey Island: Special Edition" ein echter Meilenstein in der Geschichte der Adventuregames in einer optisch aufpolierten Version verfügbar. Fast 20 Jahre nach der ersten Veröffentlichung hat das Spiel an Charme nichts verloren - und versetzt den geneigten Spieler in eine Zeitreise in die Games-Geschichte.
1990 war ein besonderes Jahr. In diesem Jahr erschien mit "The Secret of Monkey Island" der erste Teil der "Monkey Island"-Serie - und ich bekam meinen ersten Computer. An dessen Hardware-Spezifikationen kann ich mich nicht erinnern, aber dafür an die Spiele, die mein Vater mir dazu schenkte - alle auf 5 1/4-Zoll-Disketten.
Des Englischen noch nicht ausreichend mächtig, versuchte ich damals mittels Trial and Error hinter die Logik vieler Spiele zu kommen. Mitunter erfolglos, auch wenn ich es beim rein textbasierten Adventure von "The Hitchhiker's Guide to the Galaxy" immerhin geschafft habe, das Licht einzuschalten. Doch spätestens dann zerstörte der Bagger das Haus und das Spiel war zu Ende. Bald hatte ich die Spiele alle durch und mein Vater spendete mir schließlich einen leistungfähigeren Rechner - ich war gerüstet und vor allem bereit für Höheres.
Einstiegsdroge Piraten
Als mir eine Freundin "The Secret of Monkey Island" dringend ans Herz legte, war ich zuerst einmal wenig interessiert. Piraten? Das Spiel sollte dennoch meine Einstiegsdroge, mein Initiationsritus in die Welt der Games werden. Ich sollte noch viele Spiele sehen und spielen, doch "Monkey Island" wird immer etwas Besonderes bleiben.
Der kreative Kopf hinter "Monkey Island", Ron Gilbert, erzählt von "seinem" Monkey Island.
Es war mein erstes Spiel auf Deutsch, es gab eine Verpackung dazu, vielleicht auch ein Handbuch, auf jeden Fall aber einen Kopierschutz namens "Dial-a-Pirate" in Form zweiter Papierscheiben, die bei einem bestimmten Kopf ein bestimmtes Datum anzeigten, das ich dann eingeben musste. Es war wohl auch mein erstes Spiel, das ich nur mit der Maus steuern konnte und bei dem die Tonausgabe am Computer das erste Mal wirklich Sinn ergab. Und erst die Farben! Ich bin noch heute erstaunt darüber, wie man mit wenigen Pixeln Figuren inklusive Gefühlsregungen bauen kann.
Nächtelanges Zocken
Ganze Nächte hab ich mir mit "Monkey Island" um die Ohren geschlagen, um Guybrush Threepwood dabei zu helfen, Pirat zu werden. Oft hab ich heimlich den Computer nachts noch einmal aufgedreht, um weiterspielen zu können. Was hab ich geflucht, wenn ich auf der Suche nach weiteren Hinweisen endlose Kilometer digital zurückgelegt habe. Ich spielte damals parallel mit eben jener Freundin und jedesmal, wenn eine ein Rätsel gelöst hatte, rief sie die andere an und wir knobelten gemeinsam weiter. Die Telefonrechnungen von damals hält mir meine Mutter heute noch vor.
Bis auf die Vorhaltungen hatte ich das alles längst vergessen, bis ich in "The Secret of Monkey Island: Special Edition" diese Woche erneut auf den Möchtegernpiraten Guybrush Threepwood traf, diesmal auf der Spielkonsole Xbox 360. Ich war sehr skeptisch: Würde der Hauptprotagonist wieder so comichaft wie im vierten Teil der Reihe präsentiert werden? Wie würde die Sprachausgabe klingen? Und kann mich ein Spiel, das ich vor mindestens 15 Jahren das letzte Mal gespielt habe, immer noch in den Bann ziehen? Es kann, vor allem in der Originalversion.
Hommage an die alten Pixelhelden
Schon beim Einstieg lässt Entwickler LucasArts keinen Zweifel daran, dass es bei der Neuauflage auch darum geht, den Helden von damals zu verdienten Ehren kommen zu lassen. Der Blick auf Melee Island erfolgt zuerst in der pixeligen Optik von damals, nach einigen Sekunden werden die Pixelfransen geglättet und die optisch deutlich geliftete Version kommt zum Vorschein. Wem diese nicht gefällt, kann (auf der Xbox 360 mittels Backbutton) jederzeit im Spiel in die alte Version zurückschalten, wobei die Entwickler offenbar sehr darauf geachtet haben, dass die beiden Versionen ständig synchron laufen.
Gemischte Sprachen, gemischte Bedienung
In der überarbeiteten Version ist der Hauptprotagonist Guybrush Threepwood größer geworden und auch schlanker. Sein Gegner, der Geisterpirat LeChuck, erscheint weniger bedrohlich, wirkt fast menschlich im Vergleich zur durchsichtigen Version aus dem Jahre 1990. Die Texte, egal ob Einblendung oder die Kommunikation zwischen den Spielfiguren, sind in der neuen Version voll synchronisiert, und auch in der deutschen Ausgabe nur auf Englisch zu hören. Das alte Spiel ist überhaupt gänzlich in englischer Sprache gehalten, während in der neuen Version das Menü, die Zwischentitel und die Fragen für die Interaktion auf Deutsch sind. Das Speichern wird da wie dort mit einer blinkenden 5 1/4-Zoll-Diskette angezeigt.
Die Interaktion im Spiel ist dem Prinzip des Point-and-Click-Adventures treu geblieben und erfolgt über den Mauszeiger, der auf der Xbox 360 mit dem Joystick bewegt wird. Für manche Aktionen empfiehlt es sich, zwischen der alten und der neuen Version umzuschalten, denn jede hat ihre Vor- und Nachteile auf der Konsole: In der neuen ist etwa Reden mit einem eigenen Knopf belegt, während man in der alten eigens auf die linke untere Bildhälfte schwenken muss, um die Aktion dort auszuwählen. Wenn es aber darum geht, Dinge zu kombinieren, wie etwa ein Stück Fleisch in den Topf zu werfen, ist die alte Version mit ihren ständig eingeblendeten Interaktionsmöglichkeiten deutlich leichtgängiger.
Abseits davon gibt es noch Unterschiede in der Akustik: Die alte Version ist, nicht nur mangels Sprachausgabe, deutlich ruhiger, bei der neuen gibt es wesentlich mehr Soundeffekte.
Gleicher Humor, gleicher "Frustfaktor"
Doch sonst ist alles wie gehabt: die witzigen Dialoge, die kniffligen Rätsel, die exzentrischen Figuren, der ganze, zum Teil versteckte Humor, der selbst die Entwickler nicht verschont - alles noch da und erstaunlicherweise nicht weniger lustig als vor knapp 20 Jahren. Auch der Frustfaktor ist geblieben, denn erneut stehe ich im Spiel an, weil ich nicht weiß, wo ich weitermachen soll und spule schon wieder endlos Kilometer ab, um neue Hinweise zu finden. Diesmal allerdings muss ich nicht mehr dunkle Kanäle bemühen, denn die Entwickler haben eine Art Walktrough eingebaut, der nützliche Hinweise fürs Weiterkommen im Spiel liefert - immer gerade so viel, dass man nicht frustriert nach einer Lösung im Netz sucht, sondern doch noch ausprobiert, ob man es nicht vielleicht selber schafft.
Gelungenes Remake mit Fortsetzungsoption
In Summe ist das Remake sehr gelungen, auch wenn die alte Version - vielleicht aus eigener Nostalgie - in Summe gruseliger und stimmiger wirkt als die neue. Dafür erleichtert die neue Optik Nichtkennern den Einstieg in die Welt der früheren Adventuregames, denn wahrscheinlich kann sich nicht jeder für die alten Pixelhaufen begeistern.
"The Secret of Monkey Island: Special Edition" ist für die Xbox 360 und PC verfügbar.
Wer bei "Monkey Island" Blut geleckt hat und sich noch mehr der alten Klassiker anschauen möchte, kann über Steam auch Lucasarts' "Indiana Jones and the Fate of Atlantis", "Indiana Jones and the Last Crusade", "Loom" and "The Dig" beziehen. So der Remake von "Monkey Island" erfolgreich genug ist, überlegt Lucasarts laut Berichten zudem, "Manic", "Day of the Tentacle" und "Grim" als Special Editions neu aufzulegen.
Für gänzliche neue Ausgaben beziehungsweise Weiterführungen von "Monkey Island" aber auch "Sam and Max" ist übrigens mittlerweile Telltale Games zuständig, wo einst der Großteil der ehemaligen Lucasarts-Entwickler untergekommen sind. Die erste und, abgesehen von der etwas gewöhnungsbedürftigen Steuerung, durchaus gelungene Episode von "The Tales of Monkey Island" erschien bereits eine Woche vor der Special Edition, insgesamt sind fünf Episoden geplant.
(futurezone/Nadja Igler)
