© Günter Hack, Grafik: Nagetier mit Diskette

Im Datenlabyrinth mit Gopher

ARCHÄOLOGIE
29.08.2009

Im vierten Teil der futurezone.ORF.at-Sommerserie "Digitale Trichtergrammophone" erinnert Peter Glaser an einen vergessenen Konkurrenten des World Wide Web. Aus dem Niedergang von Gopher, der seine Freunde Archie und Veronica mit sich nahm, lassen sich auch heute noch wichtige Lehren ziehen.

In der nicht mehr ganz so frühen Frühzeit des Netzes Anfang der 90er Jahre entstanden ein paar erste Orientierungssysteme, die den zunehmend durch die Datenwälder irrenden Netz-Neugierigen dabei helfen sollten, in den immer stärker verzweigten weltweiten Informationsstrukturen Dinge zu suchen (und möglicherweise auch zu finden). Vor allem aber sollten sie einem beim Flanieren durch die Leitungen und Speicherbänke so etwas wie digitale Wanderwegmarkierungen an die Hand geben.

Neben der ehrenhaften, auf Effizienz und Systematik ausgerichteten Informationssuche von Forschern, Doktoranden und Ingenieuren war es eher eine Mischung aus Abenteuerlust und Stöberbedürfnis, die den Großteil der anschwellenden Netzbevölkerung in die gleichermaßen verheißungsvollen wie rätselhaften neuen Regionen trieb, die sich im Inneren von Computern befinden.

Zur Person:

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs in Berlin.

Vernetzte Kartei

Da war Gopher genau das Richtige. Wenn man die E-Mail-Adresse einer Netzbekanntschaft verschlampt hatte, die neueste Ausgabe der "Voices From The Net" lesen wollte oder irgendeine Datei oder ein Programm zu irgendeinem Thema in irgendeinem der unübersichtlich verstreuten Archive im Netz suchte, bot sich der neue Dienst als eine Art Netz-Inhaltsverzeichnis an. Der Gopher - ein Ziesel - ist das Wappentier der Universität von Minnesota. Seine Spezialität ist ein unglaubliches Labyrinth an Gängen, in denen nur er sich zurechtfindet. Das gleichnamige Programm, das zwei Studenten der Universität 1991 schrieben, stellte ein Verweissystem zur Verfügung, das menügesteuertes Suchen ermöglichte. Man konnte das Internet durchblättern wie einen unendlich verschachtelten Karteikasten. Der "Gopherspace" war geboren.

Ob Gopher seinen Namen tatsächlich nach der Taschenratte erhalten hatte, war strittig. Zur Namenswahl gab es auch noch andere Theorien. Manche sagten, "Gopher" stehe lautmalerisch für "Go for it" oder "Go-for" (was so viel wie "Laufbursche" heißt). Ehe es den digitalen Gopher gab, existierte schon das File Transfer Protocol (FTP). FTP war umständlich, man musste sich auf einem Rechner im Netz einloggen, und man musste über Konsolenbefehle die richtige Verzeichnisebene anpeilen, um Dateien zu finden. Gopher war unumständlich. Anders als Webseiten, deren Erscheinungsbild jeweils programmiert werden muss, erzeugte der Gopher aus den Dateien in einem angewählten Verzeichnis automatisch ein Menü.

gopher.floodgap.com -Floodgap Gopher Client

~ Link: gopher.floodgap.com (http://gopher.floodgap.com/gopher/)__) ~

Schnell und textbasiert

Mitte der 90er Jahre stand der Gopherspace in seiner Blüte. Bei Modemgeschwindigkeiten, die sich heute anfühlen, als würde man seine Bits in Eimerchen zur Gegenstelle tragen, hatte der pure, textbasierte Gopher einen entscheidenden Vorteil: Geschwindigkeit. Während Webseiten mit Bildern oft minutenlang brauchten, um sich nach und nach auf den Bildschirm zu bequemen, war das Gopher-Menü, zack, da. Wer über einen Internet-Zugang verfügte, ob Universität oder Behörde, hatte auch einen Gopher-Server und stellte darüber der Allgemeinheit Informationen aus den verschiedensten Bereichen zur Verfügung.

Was manche heute als "Geburtsfehler" des Internets sehen wollen, nämlich die uneigennützige Verbreitung von Information, ist alles andere als ein Fehler. In einem wesentlichen Punkt unterscheidet das Internet sich tatsächlich von den anderen Massenmedien, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat: Anders als Radio, Fernsehen oder die moderne Presse war das Netz das erste Massenmedium, das nicht aus einem kommerziellen Zusammenhang hervorgegangen ist. Es ist in der akademischen Welt herangewachsen, in der man aus gutem Grund ein reserviertes Verhältnis zu kommerziellen Aktivitäten hat. Denn Forschung und Wissenschaft wollen ihre Erkenntnisse unabhängig von Geschäftsinteressen gewinnen.

Digitale Trichtergrammophone

Lizenz killt Nagetier

Ein anderes aufkommendes Hilfsmittel zur Koordination wissenschaftlicher Arbeiten wurde dem Gopherspace schließlich zum Verhängnis: das WWW. Webseiten fühlten sich einfach besser an als die spartanischen Gopher-Listen. Ausschlaggebend für den Niedergang des Gopher-Service aber war, dass die Universität von Minnesota sich 1993 dazu entschloss, für die (kommerzielle) Nutzung von Gopher Lizenzgebühren zu erheben. Die zu dieser Zeit vorherrschende Philosophie war, dass es sich beim Internet um eine öffentliche Einrichtung handelt, die zwar an Universitäten entwickelt worden war, aber der Allgemeinheit gehören sollte. Einen Internet-Dienst kostenpflichtig zu machen galt als krasser Kommerzialismus. Fast über Nacht begannen die Gopher-Server zu schwinden, heute gibt es nur noch ein paar wenige von ihnen.

Der Dienst stirbt aus - und mit ihm ein paar weitere nette Namensspiele. In der grauen Vorzeit mit ihren FTP-Umständlichkeiten war Archie entwickelt worden, eine Suchmaschine speziell für FTP-Archive, abgekürzt aus dem englischen Wort für archivieren - "archive". Später gab es dann eine Weiterentwicklung namens Veronica ("Very Easy Rodent-Oriented Netwide Index to Computerized Archives"), die für die Suche im Gopherspace maßgeschneidert war.

Für Comicfreunde sind die beiden alte Bekannte. Archie Andrews, ewiger Teenager und seit 1941 beliebte US-Comicfigur, war seit jeher hin und her gerissen zwischen seinen Freundinnen Betty und Veronica. Im Mai 2009 wurde im Blog des Verlags Archie Comics bekanntgegeben, dass Archie sich nun im Lauf des Sommers nach 70 Jahren für eine der beiden entscheiden würde. Der Gopher hätte das zweifellos prima gefunden.

(Peter Glaser)