© Günter Hack, Grafik: Silhouette eines Mannes mit Zylinder, einen roten Knopf drückend

Der Knopf und seine Evolution

ARCHÄOLOGIE
22.08.2009

In Teil drei der futurezone.ORF.at-Sommerserie "Digitale Trichtergrammophone" befasst sich Peter Glaser mit der minimalsten Form der Benutzerschnittstelle. Aus soliden Knöpfen und Schaltern entwickelten sich im Laufe der Jahre sanft zu berührende Sensorflächen. Leider reicht damit auch ein federleichter Druck zum berüchtigten Reset.

In der Nachkriegszeit war das "Knöpfchendrücken" Synonym für den Umgang mit Automaten und Elektronengehirnen. Zur feierlichen Inbetriebnahme von Kraftwerken, ISDN-Netzen und ähnlichen technologischen Großeinrichtungen wurde der Knopf als Symbol der Macht vorgeführt. Statt, wie im Straßenbau beliebt, zarte Bänder durchzuschneiden, drückten Politiker nun jeweils auf einen dicken, roten Knopf, und der Fortschritt nahm seinen Lauf. Für Kritiker war der Knopf ein Zeichen der Entfremdung. Immer öfter würde der Mensch per Knopfdruck technische Geräte in Betrieb nehmen, die einer Blackbox glichen. Was da im Inneren von Waschmaschine, Radio und Fernseher vor sich ginge, wisse aber kaum jemand mehr zu sagen. Bequem und dumm gemacht, gebe der Benutzer sich damit zufrieden, Knöpfe zu drücken.

In den siebziger Jahren trat mit der Computerei eine Technologie ihren Siegeszug in die Öffentlichkeit an, die für das Gegenteil von Dummheit stand. Stattdessen gab es nun alptraumhafte Utopien, in denen künstlich intelligente Rechner und Roboter ihre menschlichen Schöpfer nicht nur in allen Geistesleistungen überflügelten, sondern auch skrupellos unterjochten. Es war die Zeit, in der die ersten PCs auftauchten. Sieht man von der Tastatur ab, spielte der Knopf an diesen Geräten bemerkenswerter Weise gar keine Rolle mehr. Unerschrocken von der Vorstellung amoklaufender Apparate begann der technikinteressierte Teil der Jugend, Berührung aufzunehmen mit dieser wunderbaren neuen Möglichkeit, Erwachsene zu ärgern.

Zur Person:

Peter Glaser, 1957 als Bleistift in Graz geboren, wo die hochwertigen Schriftsteller für den Export hergestellt werden. Lebt als Schreibprogramm und Ehrenmitglied des Chaos Computer Clubs in Berlin.

Rechenknecht ohne Reset-Knopf

Ich erinnere mich an ein eindrucksvolles Erlebnis, das ich mir einhandelte, weil ich nicht akzeptieren wollte, dass die Knöpfe verschwinden. Einer meiner ersten Mikrocomputer war der legendäre, seiner eigenwilligen Gestaltung wegen so genannte Brotkasten alias Commodore C64. Was der C64 nicht hatte, war ein Reset-Knopf – eigentlich ein Zeichen der Zuversicht, das verhieß: Diese Maschine muss gar nicht neu gestartet werden, alle Programme laufen gut geölt und keines von ihnen wird jemals mittendrin einfrieren. Selbstverständlich stürzte auch der C64 hier und da und dort ab (Merke: Hardware ist das, was einem auf die Füße fällt und Software das, was einem auf die Nerven fällt).

Also bat ich einen feinmechanisch versierten Mitbruder aus dem Chaos Computer Club, mir einen Reset-Knopf an den C64 dranzubauen. Gesagt, getan. Ein paar Wochen später der Klassiker: Die Nacht vor einem dringenden Abgabetermin, der Text ist fast fertig, und der Rechner bleibt stehen. Alles Funktionieren ist in einem Augenblick aus der Maschine entwichen. Selbstverständlich ist der lange, eingegebene Text nicht zwischengespeichert. Die letzten Zeilen stehen noch am Bildschirm und rühren sich nicht mehr. Nirwana. Wie kann das sein? Das Schreibprogramm war eines der wenigen Programme, mit denen ich häufig arbeitete und das tatsächlich noch nie abgestürzt war. Nach einer Minute düsteren Sinnierens schaute ich auf die Tastatur und sah, dass ich mit dem Ellenbogen auf dem Reset-Knopf lehnte. Künstlerpech. Die nächste Bastelarbeit war eine Art Überrollbügel für den gefährlichen Knopf, den man ähnlich wie beim geplanten Abschuss einer Atomrakete erst hochklappen musste, um einen Neustart auszulösen.

Zeitalter des Kippschalters

An der Art, wie Schaltknöpfe gestaltet wurden, lässt sich eine kleine Geschichte der modernen Welt erzählen. In den fünfziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts bauten Männer wie Daniel Düsentrieb Elektronengehirne, deren Konsolen neben dekorativen Röhren mit jenen Federhebelkippschaltern bestückt waren, die aussahen wie stählerne Steinschleudern. Es war die Zeit wuchtiger Radioapparate, über deren sackleinenbespannten Lautsprechern einen ein magisches Auge grün anglühte.

Der Drehknopf an der Frequenzskala hatte einen gerillten Rand wie eine Münze, und die Schaltknöpfe dieser Radios waren groß wie Nougatwürfel. Wer einen solchen Knopf drücken wollte, hatte sich einer Mechanik entgegenzustemmen. Eine Anstrengung war nötig - erlebte Physik. In der Art eines festen Händedrucks zwischen Geschäftspartnern bekräftigte man durch den Knopfdruck gewissermaßen seine Absicht, das Gerät zu betreiben.

Digitale Trichtergrammophone

Bedienen mit Zartgefühl

Mit den Jahren ging das Berühren der Knöpfe sachter vonstatten. An butterglatt skalierbaren Drehknöpfen stellte sich in den siebziger Jahren erstmals so etwas wie ein Zartgefühl den Maschinen gegenüber ein. Der Widerstand, den man von einem Knopf gewohnt war, ließ nach. Es gab Drehknöpfe aus Metall, groß wie Hockeypucks, die einem beim Drehen ein flüssiges Gefühl ihres Gewichts gaben. Andere Knöpfe leisteten winzige Gegenwehr in der Art von Tresorschlössern, deren Drehregler sich nicht im freien Lauf bewegt, sondern Tick für Tick. Die Knöpfe wurden immer kleiner, flacher und weich wie Fleisch. In den Achtzigern tauchten sie dann ab in Folientastaturen und die Touchscreens an öffentlichen Geräten wie Fahrkartenautomaten oder Bankomaten. Mit dem Siegeszug des Computers begann der Abschied vom Knopf. Heute bedienen wir scheinbare Knöpfe unter der gläsernen Haut der Bildschirme - Klickbuttons vulgo Schaltflächen sind nur noch sentimentale Repliken auf den richtigen, echten Knopf, wie Gott ihn einst schuf.

Eine Zeitlang waren Telefone ein sicherer Ort für emigrierende Knöpfe – der Übergang von den Wählscheibentelefonen zur Tastentelefonie machte es möglich. Spätestens seit dem iPhone ist das Telefon nun aber auch noch seine Tasten los. Das schicke Hyperhandy hat nur noch einen einzigen Knopf. Und auf erstaunliche Weise taucht das, was scheinbar endgültig wegvirtualisiert worden ist, als Spielart technischer Raffinesse dann doch wieder auf. Eine Verfeinerung des Knopfs, der keiner mehr ist, kommt beispielsweise von einem Autobauer. VW erwarb von der amerikanischen Firma Immersion eine Technologie, mit deren Hilfe man Buttons auf einem Touchscreen wieder an der Fingerspitze spüren kann.

(Peter Glaser)