Deaktiviert wie CompuServe
CompuServe hat nun mehr oder weniger das Zeitliche gesegnet, Friede seinen Servern. Wir erleben den Sommer 2009. Die Banken brennen, Investoren tauschen Businesspläne gegen kalte Wurstsemmeln ein. Zeit also, öfter mal ans Abschalten zu denken. Jetzt kann das Entschlacken im Netz losgehen.
Das Ende kommt leise, der Datendienst von einst sagt Servus und schaltet seinen Classic-Dienst ab. Wir erinnern uns. Damals im Herbst 1994 hat uns CompuServe mit einem Dings namens Mosaic gelehrt, das Bums im World Wide Web zu suchen. Und für mehr als zwei Euro die Stunde waren wir innerhalb des Dienstes sogar imstande, Bilder zu laden. Nicht schnell, nicht viele, aber die waren sogar per E-Mail versendbar. Und diese Mail kam von Menschen, die sich "100133,66@compuserve.com" nannten. Das war schon sehr aufregend.
Heute haben alle E-Mail, Bilder und ein Businessmodell. Auch wenn das Ganze nicht mehr ganz so aufregend ist. "Abschalten" ist das neue "Light". Wenigstens hier wird CompuServe noch ein letztes Mal den Vorreiter spielen. Wie damals beim unseligen Gerichtsverfahren gegen seinen Geschäftsführer Felix Somm, der zwei Jahre hinter Gitter sollte, weil Nutzer die Server seiner Firma mit Kinderpornografie verdreckt hatten. Einen Prozess gegen diese Nutzer gab es übrigens nicht.
CompuServe als Trendsetter. AOL sieht noch zu und bewegt beim Schlucken das Adamsäpfelchen. Zuletzt gehörte ja das eine zum anderen. Und nun schauen alle den Besitzer an und fragen sich: Warum stehst Du eigentlich noch herum? Eben. Setzen. Sechs.
Andere haben jetzt Abschaltjahre vor sich. Oder könnten marketingtechnisch ihren möglichen Tod zum Event machen. Allen voran das in die Versionen gekommene Betriebssystem aus den 1980ern. Ein "Windows R.I.P" wäre schon eine Art von Memorial-Ausgabe, sozusagen ein "King of PC", den man noch einmal so richtig beweint, bevor man sich dem Chrome OS von Google zuwendet und feststellt, dass der eine Monopolist dem anderen gleichsteht. Nur der Verkaufspreis ist nulliger als null.
Gut, das wäre schon gewaltig. Es geht auch kleiner. Schalten wir erst einmal die Dienste und Produkte ab, die das Etikett "Waaas, die gibt's noch?" tragen: Schon länger nicht mehr auf dem Radar und deshalb kurz vor dem Aufschlag ist eine Welt, die wir ... virtuell ... nennen könnten. Die schönsten Abschalttage in diesem Sommer könnte "Second Life" erleben. Klar, Millionen, M-i-l-l-i-o-n-e-n Accounts können auf die Inseln stürmen. Aber sie tun es nicht mehr. Aus den erregenden Massenaufläufen ist eine Robinsonade geworden. Auch Okay. Dafür sind Inseln ja auch da. Und für die restlichen Unverwüstlichen können wir vielleicht so etwas wie eine Selbsthilfeinsel zusammenschustern.
Abschalten ist die Avantgarde. Das ist "saubr 2.0" und Energiesparen in einem. Was nicht mehr auf Servern herumlungert, braucht auch keinen Strom mehr und lässt uns auch in Frieden. Was will man da noch mit kleinlichen Argumenten wie "historisch" oder "wertvoll" wuchern. Weg damit. Zur Not gibt es noch das Internet Archive
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(Harald Taglinger)
