Journalismus "en blog"
Mit relativer Zeitverzögerung erobern Weblogs nun auch den medialen Raum in Europa.
Online-Tagebuch oder mehr?
Die Einschätzungen dieser Form des elektronischen Publizierens divergieren jedoch gerade in journalistischen Kreisen. Sehen die einen in Blogs nicht viel mehr als "Online-Tagebücher" mit ausgeprägtem Konfessionscharakter über das Alltägliche, so orten die anderen den Nukleus für einen veritablen Medienumbruch.
Größere Öffentlichkeiten wie in den USA haben Weblogs in unseren Breitengraden noch nicht gebildet. Doch der Kern für einen Strukturwandel im Medienmachen wäre durchaus gegeben.
Der klassische Autorendiskurs, wie er in Print geführt wird, hat sich durch das Web erweitert. Jeder kann Redakteur sein, ob unter seinem realen Namen, als virtuelle
persona
oder "trademark" in einer Web-Community.
Ethische Debatten
In den USA war gerade im Umfeld der Weblogs die Entstehung eines öffentlichen Raumes mit einem stark ethischen Charakter zu beobachten. Medienhistoriker mögen sich an den einst von Habermas festgemachten "Strukturwandel der Öffentlichkeit" im 18. Jahrhundert in England, Frankreich und Deutschland erinnert haben [auch in jener Zeit bildeten sich vorerst belächelte private Debattenforen, die später öffentlich nachhaltig wirksam wurden]. Der Rücktritt etwa des republikanischen Mehrheitsführers im US-Senat, Trent Lott, wurde stark von Blogger-Communities [in Verschränkung mit "klasssischen" Medien] ventiliert. Der ethische Spin der Debatte, die zum Rücktritt geführt hat, war nicht zu übersehen [entsprechend befremdet hat sie in unseren Breitengraden].
Redakteure gibt es überall
Neue redaktionelle Maßstäbe, wie sie schon heute für Online-Journalisten gelten sollten, könnten gerade durch öffentlichkeitsbildende Weblogs verstärkt werden: Journalisten werden nicht mehr von "erhobenen" Sendepositionen senden oder schreiben, sie werden sich vernetzen und im Sinne einer Aufmerksamkeitsökonomie das patchworkartige Arbeiten dem Originalitätsdiskurs vorziehen.
Im elektronischen Medium wird verlinkt, annotiert, kommentiert, aber nicht mehr alles von Anfang bis zum Ende selber erzählt [und dabei suggeriert, alle Einfälle seien originäre Ideen].
Redaktion ist im elektronischen Zeitalter nicht mehr eine abgeschiedene Stube, aus der Hohepriester Einbahnkommunikationen mit den Konsumenten stiften.
Im Prinzip hat ein Medium so viele Redakteure, wie es Leser hat. Diese Leser machen nun seit einiger Zeit ihre Medien selber.

