Soziales Netzwerken am Limit
Das Internet ist geschaffen worden, um neue Formen der Zusammenarbeit zu ermöglichen. Mit immer neuen Arten von Werkzeugen von E-Mail über Wikis bis hin zu Sozialen Netzwerken versuchen Software-Experten seither, dieses Versprechen einzulösen. Doch um das Potenzial dieser Tools voll auszureizen, müsste sich auch die Gesellschaft ändern.
Am Sonntag in Ö1 "matrix"
Am Sonntag, dem 5. Juli, hören Sie um 22.30 Uhr im Ö1-Netzkulturmagazin "matrix" einen Schwerpunkt zum Thema:
Das kollaborative Internet oder Mythos Zusammenarbeit?
Internet-Experten wie der Londoner Charles Leadbeater verstehen das Netz als Medium der Kollaboration, das Innovationen begünstigt, neue Organisationsstrukturen ermöglicht und kleinen Start-ups einen Wettbewerbsvorteil verspricht. Zugleich zeigte die politische Krise im Iran wieder einmal, dass es mittels des Internet möglich ist, Zensur zu umgehen.
Das Web erlaubt es der Zivilgesellschaft, sich außerhalb der traditionellen Machtapparate zu organisieren. Beispiele wie Freie und Open Source Software und die Wikipedia belegen eindrucksvoll, dass mittels netzgestützter Kooperation auch große, komplexe Projekte machbar sind. Das funktioniert aber vor allem dann, wenn die Güter, um die es sich handelt, durch den Gebrauch nicht aufgebraucht werden - Güter also wie Information, Musik und Wissen.
Freie Kooperationen
Auch ältere Anwendungen im Netz wie Mailinglisten und Wikis ermöglichen es Menschen, freie Kooperationen einzugehen, wie es der Geschichtswissenschaftler Christoph Spehr nennt. Er unterscheidet diese freien Kooperationen von der Zwangskooperation in hierarchisch geführten Unternehmen und Institutionen. In Spehrs Modell sind die Regeln von den Teilnehmern einseh- und veränderbar, und alle können sich zu gleichen Kosten aus der Kooperation auch wieder verabschieden.
Dieses Konzept passt hervorragend zu freien, relativ einfachen und transparenten Tools wie Wikis, Foren und Mailinglisten, die schon seit langem zu Bildungszwecken genutzt werden. So betreibt beispielsweise der Wiener Philosoph Herbert Hrachovec zu Lehrzwecken Wikis und Mailinglisten an der Universität Wien und hält Vorlesungen über Open-Source-Philosophie. Auch das Web-2.0-Unternehmen School of Everything in London wurde ursprünglich von der Offenheit von Wikis inspiriert, versucht aber, die Dinge nun einen Schritt weiter zu treiben.
Gefahren der Netzwerkanalyse
Mittels Social-Networking-Technologien und Relationship Mapping sollen Lernende und Lehrende zusammengebracht werden. Den wissenschaftlichen Hintergrund dazu bildet die Netzwerkanalyse, die es schon seit Jahrzehnten gibt, die aber durch Web 2.0 enormen Auftrieb erfahren hat. Das Unternehmen Fas.research in Wien untersucht Kommunikationsverbindungen und Machtkonstellationen in Netzwerken und bringt diese in grafischen Darstellungen zum Ausdruck. Die Netzwerkanalyse weist zwar Ähnlichkeiten mit den Social Networks auf, ist aber nicht mit diesen identisch.
Der mediale Hype um "Medien im Medium" wie Facebook und Twitter, Flickr und YouTube droht den Blick auf wichtige Charakteristika der freien Kooperation im Netz zu verstellen. Die Software hinter den Sozialen Netzwerken hilft, mittels Relationship Mapping Ähnlichkeiten zwischen Bildern, Musik und Büchern und Menschen zu erkennen und kann neue Verbindungen vorschlagen. Doch inwiefern handelt es sich bei diesen Software-gestützten Verfahren wirklich um Kollaborationen? Wie tief gehen diese Kooperationen und wozu sind sie fähig? Die Frage bleibt, welche Nachteile wir uns einhandeln, wenn wir immer mehr Informationen Systemen anvertrauen, deren genaue Funktionsweise wir nicht kennen.
(matrix/Armin Medosch)
